BahnreisenMit dem Zug nach Mallorca

Nachts fahren, tags Paris und Barcelona sehen, dabei die Umwelt schonen – wer will denn da noch fliegen? von 

Die Zugstrecke führt von Bremen über Hannover, Metz und Paris bis Barcelona.

Die Zugstrecke führt von Bremen über Hannover, Metz und Paris bis Barcelona.   |  © Ralph Orlowski/Getty Images

Was kostet die Reise nach Mallorca? Dreißig Euro mit dem Billigflieger, wenn man viel Glück hat, und etwa zweieinhalb Stunden. 98 Prozent aller Mallorcatouristen kommen durch die Luft. Alles andere wäre ja auch verrückt.

Schon der Gedanke an eine Anreise mit dem Zug führt im Freundeskreis zu besorgten Mienen. Mindestens vierzig Stunden dauert die reine Fahrt, und sie kostet mit ein bisschen Luxus das Zehnfache, also über 300 Euro pro Person. Man reist durch Frankreich und Nordspanien und braucht drei Züge und eine Fähre. Ohne Flieger nach Mallorca – das machen nur Leute mit Flugangst. Oder opferbereite Tierfreunde, die den Hund nicht in den Flugzeugbauch sperren lassen wollen. Oder wir.

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Wir, das sind Frau Li, Frau La und ich und drei Rollkoffer. Wir stehen am Bremer Hauptbahnhof im nasskalten Wind und warten auf den Bummelzug nach Hannover. Bremen ist seit Jahren sowohl vom ICE-Netz als auch von der Nachtzugversorgung abgeschnitten. Nachtzug aber muss sein. Denn das ist unser Plan: Statt nach Malle zu jetten, machen wir eine richtige Reise dorthin. Nachts wird gefahren und geschlafen. Tagsüber wird erlebt, gelernt, gestaunt, genossen in den großen Städten, die am Weg liegen – Paris und Barcelona. Und wo wir möchten, schieben wir sogar noch eine Hotelnacht ein. Den Weg als Ziel wollen wir genießen. Und dabei leben wie sonst auch – ein bisschen risikobereit, spontan, alternativ. Und ein bisschen öko, immer den Inder im Kopf. Der verursacht in einem ganzen Jahr nur so viele Treibhausgasemissionen wie drei Fluggäste nach Mallorca allein auf dem Hinweg. »Slow Travel« heißt unter Kennern unsere Reiseform mit dem kleinen CO₂-Fußabdruck.

Zugstrecke

© ZEIT-Grafik

Es regnet, als der Bummelzug einfährt. Ja, ja, in Palma haben sie jetzt 24 Grad. Mit dem Flugzeug wären wir im Handumdrehen da. Aber Slow Travel heißt unter anderem eben auch: Es wird nur langsam wärmer. Zu Hause hatte ich lange nachgedacht: Sakko oder Seemannspullover? Die aufwendige Reise zur fernen Insel verlangte außer einer attraktiven Tagesplanung auch die Beobachtung der Wetterprognosen und eine darauf abgestimmte Garderobe. Im letzten Moment hatte ich trotz schlechter Vorhersagen beschlossen, an den Frühling zu glauben, Paris zu ehren und auf elegant zu machen. Frau La hatte dagegen ganz auf funktional gesetzt. Nun ist sie vernünftig angezogen, fühlt sich aber hässlich und will zurück zum Kleiderschrank. Doch dann würden wir den Zug verpassen.

In der Bahn öffnen wir eine Flasche Rotwein. Schnell sind Frau La und ich lustig. Frau Li ist halbwüchsig und hasst weinlustige Eltern. Aber ich bestehe schon aus langjähriger Nachtzugerfahrung auf Rotwein. Ohne Rotwein kein Bahnschlaf. Als der Schaffner kommt, entnehme ich meiner Umhängetasche einen DIN-A4-Ordner voller Reiseunterlagen. Allerlei Reservierungen, Adressen, Tipps für Unternehmungen in Paris und Barcelona von Kollegen – und Ratschläge aus dem Internetportal viadeutschland.de, das der alternative Verkehrsclub Deutschland betreibt und damit unsere Art zu reisen unterstützt. Aus einem dicken Bündel von Fahrkarten fischt der Schaffner die richtigen heraus. Derweil resümiere ich schon mal beschwipst und zufrieden: keine Gepäckbeschränkung, kein Schlangestehen, kein entwürdigendes Durchwühlen und Abtasten, kein Einklemmen in platzoptimierten Stuhlreihen. Dafür auf den Sitzen lümmeln und sich zuprosten. Slow Travel ist Freiheit.

In Hannover begegnen sich zwei Nachtzüge, einer aus Berlin, einer aus Hamburg – die werden hier aneinandergehängt. Wir steigen in einen Berliner Waggon. Mit uns schieben sich Backpacker in den Zug, sonst viele ältere Paare. Das Nachbarabteil bewohnen giggelnde Teenager mit ihren Müttern. Unseres hat theoretisch sechs Betten, ist aber auch für drei Leute schon eng. Frau Li will unbedingt im weder montierten noch bezogenen Mittelbett schlafen und setzt ihren Willen mittels Tränen durch. Immerhin entdeckt sie so, dass die Mittelbetten deutlich weichere Matratzen haben als die Hochbetten. Und erst recht als die untersten. Unten können nur Fakire schlafen.

Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Nachtzüge haben es nicht eilig und fahren auch gern auf holperigen Strecken. Nach geraumer Zeit schiebt sich draußen Alfeld (Leine) vorbei. Wir futtern mitgebrachte Brote auf unseren Knien. Ein herabfallendes Brot ruiniert mit der Butterseite meine Ausgehhose. Pardon, Paris! Die durch nichts zu beeinflussende Klimaanlage weht ausdauernd eiskalte Luft ins Abteil. Doch ich entdecke Haltegriffe an der Wand, die sehr geeignet sind, Laken und Bettdecken an ihnen festzuknoten, um die Kaltluftschlitze zu verstopfen. Ich blättere noch ein wenig in einem herumliegenden Magazin namens Verträglich Reisen. Dabei stoße ich auf ein Interview mit dem City-Night-Line-Chef Axel Hennighausen, der schwärmt, man würde im CNL »eine Nacht auf Schienen verbringen und morgens ausgeschlafen am Ziel aufwachen«.

Leserkommentare
  1. hat fesselnd, interessant, anregend und zum Schluß pointiert geschrieben. Herzlichen Dank.

    2 Leserempfehlungen
  2. Ich bin auch schon mit dem Zug von Münster nach Faro (Portugal) gefahren.

    Mega spannend. Interessante Leute, viel gesehen. Leider ist die Bahn mit solchen Angeboten immernoch wenig flexibel.

    Wie wäre es mal mit Angeboten wie: "Quer durch Europa" usw.

    Leider hat die Bahn da kein Interesse warum weiß ich auch nicht.

    Also steigt man automatisch in den Flieger.

    Was die Bahn sich da alles entgehen läßt!!!

  3. Es ist für mich immer wieder belustigend, wenn über das "Abenteuer" des Bahnreisens, des Verzichts auf Auto und Flugzeug geschrieben wird. Hier kommt als Extem noch dazu, dass es dann ein Luxuszug und eine Kabine auf der Fähre sein müssen. Man reist ja schließlich nicht aus Geldmangel auf diese Art und Weise. Es ist so sinnlos, nachts mit der Fähre zu fahren, eine Kabine zu buchen, obwohl die Strecke so kurz ist.
    Ach ja, auch der Urlaub war nur kurz, nach den Entbehrungen der langen Anreise - also schnell wieder zurück, natürlich mit dem Flugzeug.

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