Martenstein: "Hauptsache, es gibt fließend Wasser und Strom"
Harald Martenstein über die Unfähigkeit Berlins, irgendetwas hinzukriegen
Ich werde, wenn ich unterwegs bin, oft auf Berlin angesprochen. Berlin – die Stadt, in der sie nichts auf die Reihe kriegen. Sie schaffen es einfach nicht. Diese Woche hätte der Flughafen eröffnen sollen. Sie bekommen es nicht hin. Sie bekommen die S-Bahn nicht hin. Sie bekommen die Wirtschaft nicht hin. Schulen? Sie bekommen das nicht hin. Alle in Berlin, die es mit ihrem Gewissen und ihren Finanzen vereinbaren können, schicken ihre Kinder auf Privatschulen. Nicht aus übertriebenem Elternehrgeiz, nein, nur damit die Kinder ein bisschen Lesen und Schreiben lernen. In meiner Gegend brannte vor Jahren ein Restaurantschiff ab, das Wrack trieb jahrelang im Wasser, es sah aus wie ein Mahnmal für den Bürgerkrieg auf dem Balkan. Das Wrack zu beseitigen war ihnen zu schwierig, das konnten sie nicht hinkriegen.
Sie wollen eine neue Autobahn bauen in Berlin. Es gibt Argumente dafür und dagegen. Ich habe keine Meinung dazu. Wozu soll ich mir Gedanken machen? Sie werden den Autobahnbau nicht hinkriegen. Ein Sprecher der Piratenpartei hat gefordert, dass der Bürgermeister Wowereit die Autobahn zur Chefsache erklärt. Die Piratenpartei ist nämlich gegen die Autobahn. Und wenn in Berlin etwas zur Chefsache erklärt wird, kann man sicher sein, dass garantiert nichts daraus wird. Die Besetzung der Spitzenpositionen mit geeignetem Personal ist etwas, was man in Berlin einfach nicht hinkriegt.
Der Fußballverein hat ein riesiges Stadion, jede Menge Publikum, zeitweise hatte er sogar Geld, gute Trainer, alles, was man braucht. Nur mit dem Fußballspielen hapert es. Sobald ein Spieler den Verein wechselt, stellt sich heraus, dass er sehr gut spielen kann, überall, aber nicht in Berlin. Als sie den neuen Bahnhof gebaut haben, wurde ein Teil des Bahnhofsdaches weggelassen, irgendwie fehlte das Geld dafür, und den U-Bahn-Anschluss haben sie auch vergessen. Einfach vergessen. Im Haus, wo ich früher gewohnt habe, wurde das Dachgeschoss ausgebaut. Die neue Dachwohnung war zu schwer, sie ist durch die Decke gebrochen und liegt jetzt in Form von Trümmern in der Wohnung darunter. Der Letzte, der in Berlin korrekt ein Bauwerk errichten konnte, mit fließend Wasser und allem, war Kaiser Wilhelm. Kein Wort, in meiner Gegenwart, gegen Kaiser Wilhelm.
In der neuen Akademie der Künste neben dem Brandenburger Tor ist das Dach undicht. Es regnet durch. In einem neuen Haus! Die Klimaanlage ist auch kaputt, darum können sie ihr Archiv nicht benutzen. Es wurde ausgelagert, in eine Fabrikhalle aus der Zeit von Kaiser Wilhelm. Ich gehe nicht mehr zur Wahl. Mir ist egal, welche politische Richtung in Berlin regiert, Hauptsache, es gibt fließend Wasser und Strom. Ich habe vor Jahren mal angeregt, dass man Berlin an die einstigen Besatzungsmächte zurückgibt und wieder zur Viersektorenstadt macht oder, ähnlich wie Washington, D.C., dem Bund unterstellt. Das wäre die einzige Lösung. Kaiser Wilhelm ist leider tot. Sie hören mir nicht zu. Das kriegen sie auch nicht hin. Sie werden abgelenkt durch das ständige Geräusch einstürzender Neubauten. Am neuen Flughafen wollten sie eine Katastrophenübung abhalten, aber die Berliner Feuerwehr hat den Berliner Flughafen nicht gefunden. Sie haben zwei Stunden gesucht, angeblich hat ihnen ein kanadischer Tourist den Weg gezeigt. Der Berliner Zoodirektor wollte einen seiner Affen streicheln. Der Affe hat ihm den Finger abgebissen. Ich liebe Berlin. Ich will nirgendwo sonst leben. Aber sie bekommen nichts auf die Reihe.
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Danke. Danke. Danke. Ihr Beitrag zur Tugendwächterei hat mir das Frühstück versüßt. Als subversiv gilt in diesen grauen Zeiten schon, wer sich ohne Helm aufs Radl setzt, den Speck auf den Rippen des Partners liebt und der political correctness Paroli bietet. Statt mich den öffentlich verordneten Spielregeln zu beugen, orientiere ich mich da schon lieber an den zehn Geboten. "Du sollst" lautet deren freundliche Empfehlung. Der letzten Abrechnung sehe ich gelassen entgegen. Hoffe ich doch, dass die höchste Instanz – wenn es sie denn geben sollte – andere Maßstäbe anlegt, als wir ängstlichen Menschlein das tun.
Der Bericht lässt sich fast 1-1 auf Karlsruhe übertragen. Vielleicht werden wir Deutschen zu anspruchsvoll. Immerhin sieht es in anderen Ländern noch schlimmer aus. Oder liegt es etwa im Zeitgeist begraben, dass man zig Herausforderungen parallel anpackt und vermasselt, statt sie der Reihe nach ordentlich zu lösen.
Herr Martenstein, ich danke Ihnen! Es reicht wirklich! In einem Land, wo die die letzten Raucher wie Freaks in Glaskästen ausgestellt werden (Frankfurt Airport), wo die Kinder in zuckerfreien Kitas leben müssen, wo erwachsene Männer ihren Body-Mass-Index rechtfertigen müssen und Stehpinkler als Schwerbrecher gelten, macht das Leben nur noch wenig Spaß. Komasaufen ist aber auch stinklangweilig.
Hallo Herr Martenstein,
wohl noch nie im Wedding gewesen.
Da wird die Menschlichkeit tagtäglich 24 Stunden solide
und treu den Bewohnern dieser Gemeinschaft zugestellt.
Nicht durch die Politik sondern durch die Bewohner dieses
Stadtteils selbst.
Diese Anwohner benötigen weder einen Bürgermeister noch
einen sogenannten Rat der Stadt.
Jeder in diesem Stadttei ist Bürgermeister und Stadtrat,
ohne Bezahlung,und deswegen funktioniert diese Gemeinschaft hervorragend.
Nicht nur nehmen sondern auch geben.Das ist das Motto für
die Zufriedenheit.
Wilhelm der Kaiser und Martenstein der Harald dürfen sich
durchaus schlau machen.
anscheinend ein Dauerbrenner!
Und es dann noch auf irgendwelche Leute von außerhalb schieben, von denen man auf Berlins ach so dummen Unzulänglichkeiten angesprochen wird, wo man doch selbst nicht müde wird, mit Artikeln wie diesem z.B. über Berlin herzuziehen!
Und erst das Berliner Schulsystem, noch so ein Lieblingsthema des Autors, auf das man, aus der südwestdeutschen Provinz kommend, ja nur herabblicken kann und dem man sich am besten durch eine Privatschule oder die Wahl eines elitären Gymnasiums entzieht.
Aber sonst wohnt man ja so furchtbar gerne hier und liebt diese Stadt...warum eigentlich? Ein ehrlicher Artikel dazu, mal ohne Polemik oder Ironie, wäre doch interessant.
das alte Berlin schlägt zurück!
Übrigens: Von was für einer Ironie sprechen sie? Dass in Berlin nichts funktioniert, ist einfach eine Tatsachenbeschreibung.
das alte Berlin schlägt zurück!
Übrigens: Von was für einer Ironie sprechen sie? Dass in Berlin nichts funktioniert, ist einfach eine Tatsachenbeschreibung.
gehören zu diesem Artikel??
Herr Martenstein, vielen Dank für Ihren Kommentar zum Tugendterror in diesem Land.
Ein Land, in dem Radfahren ohne Helm, der Genuß eines Steaks, ein Glas Sekt oder Bier oder das Rauchen einer Zigarette immer öfter zu einem Rechtfertigungszwang anderen gegenüber führt, ist nicht mehr bunt und interessant, sondern wird immer mehr grau, fade und langweilig.
Eine Gesellschaft kann an zuviel Tugend auch ersticken.
Es wird immer schwerer, sich persönlich diesem Tugendwahn zu entziehen, umso mehr erfreut Ihr Artikel, - da fühlt man sich nicht mehr ganz so alleine unter all diesen Sicherheitsfreaks.
hier wurden Kommentare zu zwei verschiedenen Artikeln vermischt, oder?
Entfernt. Bitte bedenken Sie, dass der Kommentarbereich der Diskussion des Artikelthemas vorbehalten ist. Ihre Fragen und Anmerkungen zur Moderation oder zum Kommentarbereich können Sie an community@zeit.de senden. Danke. Die Redaktion/ag
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