Eine schier endlose Folge von Lebensmittelskandalen erweckt den Eindruck, die Ernährungssicherheit der Deutschen stehe permanent auf dem Spiel. Ob Antibiotika im Hähnchenfleisch, Dioxin oder PCB in Eiern, Pestizidrückstände auf Gemüse und Früchten – verunsicherte Verbraucher befürchten zunehmend, die deutsche Agroindustrie wolle sie vergiften. Denn die, so das weit verbreitete Feindbild, habe sich von der Natur weit entfernt und sei nur an Profitmaximierung interessiert.

Als Gegenprogramm wird gerne »Power to the Bauer« gefordert. Unter diesem Slogan formierten sich etwa jene Kritiker, die auf der weltgrößten Messe für Ernährung und Landwirtschaft, der Grünen Woche in Berlin, gegen Massentierhaltung und Antibiotikaeinsatz demonstrierten. Nicht nur Aktivisten, auch viele schweigende Bürger lehnen jegliche Industrialisierung im Agrarsektor ab.

Große Saatzuchtfirmen wie etwa BASF haben deshalb ihre Forschung an gentechnisch veränderten Pflanzen in die USA verlagert, mit der Begründung, es gebe in Europa eine starke Abwehrhaltung gegen die Gentechnik. Viele wollen solche Pflanzen gar nicht mehr sehen: Mitte Mai wurde der Schaugarten für Genpflanzen in Üplingen bei Magdeburg wegen drohender Zerstörung geschlossen.

Nicht nur das Wort »Agrarindustrie« ist verpönt, im allgemeinen Sprachgebrauch taucht auch der »Agrarunternehmer« kaum auf. Stattdessen wird – übrigens auch von der Werbung großer Agrarfirmen – gerne das Bild vom idyllischen, traditionsverbundenen Kleinbauern gepflegt, das schon lange nicht mehr der Realität entspricht. Wie kommt das? Wieso, so muss man fragen, gibt es in einem der am besten ernährten und am stärksten industrialisierten Länder der Welt eine solch ausgeprägte Verklärung der »bäuerlichen« Landwirtschaft.

Dabei wäre zunächst zu klären, was eigentlich mit »Bauer« gemeint ist und was mit »Industrie«. Wie viel Hektar darf ein Bauer beackern, bevor er Industrieller wird, wie viel Schweine und Kühe darf er halten? Dürfen’s 10, 100 oder gar 10.000 Legehennen sein? Ist ein Großbauer stärker industrialisiert als ein kleiner Bauer, der das gleiche Pflanzenschutzmittel in gleicher Menge pro Hektar ausbringt?

Einen Hinweis darauf, was den 78,5 Millionen Deutschen, die nichts mehr direkt mit Landwirtschaft zu tun haben, unter Begriffen wie »Bauer« und »bäuerliche Landwirtschaft« vorschwebt, gibt die Lebensmittelwerbung. Die nette Kuh auf der Alm und der milchkannenbeladene Bauer bedienen ein offensichtlich vorhandenes Klischee vom einfachen bäuerlichen Leben.

Eine Analyse der schweizerischen Denkfabrik Avenir Suisse ergab, dass die grundsätzlich positive Sicht der bäuerlichen Landwirtschaft in der Gesellschaft mit unterstellten Eigenschaften wie Bodenständigkeit, hohes Arbeitsethos, Tradition und Brauchtum einhergeht. Zudem werde »von einer mehrheitlich urbanen Bevölkerung bäuerliche Tätigkeit mit Nähe zur Natur und Gesundheit in Verbindung gebracht, mit einer sinnerfüllten, vielseitigen und ganzheitlichen Tätigkeit und einer einfachen und bescheidenen Lebensweise«.

Dieses Bild vom einfachen Leben deutet bereits auf einen wichtigen Aspekt der Wahrnehmung hin: »Bäuerliche Landwirtschaft« scheint von jedem versteh- und ausführbar. Neben ihrer Rolle für die kollektive Psyche hat die Landwirtschaft aber auch eine praktische Funktion, nämlich die Produktion von Lebensmitteln. Schließlich wollen die 3.500 Kilokalorien, die der Durchschnittsdeutsche täglich verspeist, irgendwie erzeugt sein. Auch unser Fleischverzehr ist üppig. Mit 88 Kilogramm pro Kopf und Jahr entspricht er einem täglichen Schweinekotelett von etwa 250 Gramm.