Hilde Schramm"Es war ein Glück, Frau Lux zu begegnen"

Hilde Schramm über ihre Kindheit als Tochter Albert Speers und eine Lehrerin, die als Jüdin die Naziherrschaft überlebte von 

Hilde Schramm

Hilde Schramm hat ein Buch über ihre ehemalige Lehrerin Dora Lux geschrieben.   |  © Thorsten Wulf

ZEITmagazin: Frau Schramm, Sie haben sich als Tochter von Albert Speer ein Leben lang öffentlich eingesetzt für die Opfer des Nationalsozialismus. Jetzt haben Sie eine Biografie geschrieben über eine Lehrerin, die Sie in den fünfziger Jahren an einem Heidelberger Mädchengymnasium unterrichtete. Wie hat Sie diese Dora Lux beeindruckt?

Hilde Schramm: Sie entsprach nicht dem Bild einer flotten, jungen Lehrerin. Sie war sehr alt, sprach leise, war distanziert, konnte aber faszinierende Linien in die Vergangenheit ziehen. Sie war eine der ersten Frauen, die im Kaiserreich studiert hatten. Und sie hatte schon in der Weimarer Republik Beruf und Familie verbunden. Lehrerin war ein zölibatärer Beruf, das wirkte lange nach: Lehrerinnen waren unverheiratet oder Witwen. Dora Lux aber hatte Mann und Kinder.

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ZEITmagazin: Und sie war Jüdin, die den Nationalsozialismus überlebt hatte.

Hilde Schramm

76, ist die Tochter des Architekten Albert Speer, des Rüstungsministers der Nazis und verurteilten Kriegsverbrechers. Sie wuchs in Heidelberg auf. Dort ging sie an eine Schule, die nach der Widerstandskämpferin Elisabeth von Thadden benannt ist – am selben Ort hatte diese ein Mädcheninternat gegründet. Schramms Buch Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux ist bei Rowohlt erschienen. Hilde Schramm lebt in Berlin

Schramm: Gleich 1933 erhielt sie Berufsverbot und veröffentlichte dennoch regimekritische Artikel in einer kleinen Zeitschrift. Später schlug sie einen außergewöhnlichen Weg ein: Sie weigerte sich, 1938 als Jüdin registriert zu werden und den Zwangsvornamen Sara zu führen. Jüdische Freunde drängten sie, das nicht zu tun – es würde ihr Leben kosten, wenn sie erwischt würde. Aber ich glaube, das war von Dora Lux gar nicht als Überlebensstrategie gemeint, sondern es war ein Akt der Selbstachtung: Sie wollte sich nicht stigmatisieren lassen. Sie kam damit durch, weil sie als Kind evangelisch getauft worden war und bei der Polizei keine Unterlagen über ihre jüdische Herkunft vorlagen. Aber Glück war auch dabei.

ZEITmagazin: Die Elisabeth-von-Thadden-Schule, an die Sie gingen, war eine Neugründung aus dem Geist des Widerstands.

Schramm: Ja, die Schule war im Geiste der Elisabeth von Thadden wiedergegründet, die wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung im September 1944 hingerichtet worden war. Das Spektrum der Schülerinnen und ihrer Herkunft war sehr breit. Meine Schwester und ich mit einem Hauptkriegsverbrecher als Vater, der in Spandau im Gefängnis saß. Und Töchter von Familien aus dem militärischen Widerstand, die hingerichtet worden waren. Das alles traf da aufeinander.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

ZEITmagazin: Warum haben Ihre Eltern Sie ausgerechnet auf eine solche Schule geschickt? 

Schramm: Ich weiß es nicht. Dummerweise habe ich mir früher die Frage auch nicht gestellt. Das kann man sehr befremdlich finden. Die Selbstverständlichkeit, mit der ich dorthin ging, und die Akzeptanz, die ich dort fand, habe ich damals nicht hinterfragt. Was sich meine Mutter dabei gedacht hat, weiß ich nicht, aber ich bin heilfroh, dass sie es getan hat.

Leserkommentare
  1. warum man sich im Nachgang darüber erschrecken muss, dass man als Kind seine Rolle in seinem Umfeld ausfüllte?
    Erschrickt man damit nicht darüber, dass man mit 5,6 7 Jahren ganz normal im Gegebenen lebte?

    2 Leserempfehlungen
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    >> Ich weiß nicht, warum man sich im Nachgang darüber erschrecken muss, dass man als Kind seine Rolle in seinem Umfeld ausfüllte? <<

    ... kann ich nicht ganz nachvollziehen - auch wenn es Kinder gibt, die opponieren, wenn ihnen intiuitiv etwas "falsch" erscheint. Dafür hätte dieses Gefühl des "Falschen" ja schon im Kindesalter vorhanden sein müssen.

    Aber Frau Schramm geht den entscheidenden Schritt weiter und fragt sich, wie sie das Falsche jemals hätte erkennen können, wenn ihr keiner den Weg gewiesen hätte.

    Ein wichtiger Rat, wie ich finde: nicht einfach hinnehmen, sondern öfter mal hinterfragen, ob das, was uns normal scheint, auch gut und richtig ist.

  2. oder gar des gesamten, erwachsenen Umfelds verstehen kann, so sehr befremdet es mich, von einem Kind zu erwarten, sich unangepaßt zu verhalten, nur um hinterher mit der Schuld der Väter umgehen zu können.

    So viel Zeit und so wenig ausgesöhnt.

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  3. >> Ich weiß nicht, warum man sich im Nachgang darüber erschrecken muss, dass man als Kind seine Rolle in seinem Umfeld ausfüllte? <<

    ... kann ich nicht ganz nachvollziehen - auch wenn es Kinder gibt, die opponieren, wenn ihnen intiuitiv etwas "falsch" erscheint. Dafür hätte dieses Gefühl des "Falschen" ja schon im Kindesalter vorhanden sein müssen.

    Aber Frau Schramm geht den entscheidenden Schritt weiter und fragt sich, wie sie das Falsche jemals hätte erkennen können, wenn ihr keiner den Weg gewiesen hätte.

    Ein wichtiger Rat, wie ich finde: nicht einfach hinnehmen, sondern öfter mal hinterfragen, ob das, was uns normal scheint, auch gut und richtig ist.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich weiß nicht,"
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    wenn er sich an Kleinkinder richtet.
    Und nein, sie fragt nicht nur wie es weitergegangen wäre, was man ja verstehen kann.
    Sie erschrickt ausdrücklich darüber wie sie als Kind ihre Rolle ausfüllte.
    Um es deutlich zu machen: Frau Schramm ist Jahrgang 36 und erschrickt somit darüber, wie sie mit etwa 5 Jahren so angepasst sein konnte, dem Onkel Adolf das Patschhändchen zu geben.
    Das ist doch ziemlich dick aufgetragen, gleichwohl verständlich, denn genau solche Texte dürften zeitlebens von ihr erwartet und abgefragt worden sein.

  4. wenn er sich an Kleinkinder richtet.
    Und nein, sie fragt nicht nur wie es weitergegangen wäre, was man ja verstehen kann.
    Sie erschrickt ausdrücklich darüber wie sie als Kind ihre Rolle ausfüllte.
    Um es deutlich zu machen: Frau Schramm ist Jahrgang 36 und erschrickt somit darüber, wie sie mit etwa 5 Jahren so angepasst sein konnte, dem Onkel Adolf das Patschhändchen zu geben.
    Das ist doch ziemlich dick aufgetragen, gleichwohl verständlich, denn genau solche Texte dürften zeitlebens von ihr erwartet und abgefragt worden sein.

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