ZEITmagazin: Frau Schramm, Sie haben sich als Tochter von Albert Speer ein Leben lang öffentlich eingesetzt für die Opfer des Nationalsozialismus. Jetzt haben Sie eine Biografie geschrieben über eine Lehrerin, die Sie in den fünfziger Jahren an einem Heidelberger Mädchengymnasium unterrichtete. Wie hat Sie diese Dora Lux beeindruckt?

Hilde Schramm: Sie entsprach nicht dem Bild einer flotten, jungen Lehrerin. Sie war sehr alt, sprach leise, war distanziert, konnte aber faszinierende Linien in die Vergangenheit ziehen. Sie war eine der ersten Frauen, die im Kaiserreich studiert hatten. Und sie hatte schon in der Weimarer Republik Beruf und Familie verbunden. Lehrerin war ein zölibatärer Beruf, das wirkte lange nach: Lehrerinnen waren unverheiratet oder Witwen. Dora Lux aber hatte Mann und Kinder.

ZEITmagazin: Und sie war Jüdin, die den Nationalsozialismus überlebt hatte.

Schramm: Gleich 1933 erhielt sie Berufsverbot und veröffentlichte dennoch regimekritische Artikel in einer kleinen Zeitschrift. Später schlug sie einen außergewöhnlichen Weg ein: Sie weigerte sich, 1938 als Jüdin registriert zu werden und den Zwangsvornamen Sara zu führen. Jüdische Freunde drängten sie, das nicht zu tun – es würde ihr Leben kosten, wenn sie erwischt würde. Aber ich glaube, das war von Dora Lux gar nicht als Überlebensstrategie gemeint, sondern es war ein Akt der Selbstachtung: Sie wollte sich nicht stigmatisieren lassen. Sie kam damit durch, weil sie als Kind evangelisch getauft worden war und bei der Polizei keine Unterlagen über ihre jüdische Herkunft vorlagen. Aber Glück war auch dabei.

ZEITmagazin: Die Elisabeth-von-Thadden-Schule, an die Sie gingen, war eine Neugründung aus dem Geist des Widerstands.

Schramm: Ja, die Schule war im Geiste der Elisabeth von Thadden wiedergegründet, die wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung im September 1944 hingerichtet worden war. Das Spektrum der Schülerinnen und ihrer Herkunft war sehr breit. Meine Schwester und ich mit einem Hauptkriegsverbrecher als Vater, der in Spandau im Gefängnis saß. Und Töchter von Familien aus dem militärischen Widerstand, die hingerichtet worden waren. Das alles traf da aufeinander.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Warum haben Ihre Eltern Sie ausgerechnet auf eine solche Schule geschickt? 

Schramm: Ich weiß es nicht. Dummerweise habe ich mir früher die Frage auch nicht gestellt. Das kann man sehr befremdlich finden. Die Selbstverständlichkeit, mit der ich dorthin ging, und die Akzeptanz, die ich dort fand, habe ich damals nicht hinterfragt. Was sich meine Mutter dabei gedacht hat, weiß ich nicht, aber ich bin heilfroh, dass sie es getan hat.