Komponisten-Nachlass : Post mortem

Beethoven schrieb Tausende Briefe, Mozart Hunderte. Von Johann Sebastian Bach ist ein einziger privater Brief bekannt. Forscher glauben: Da muss mehr sein.
Johann Sebastian Bach © Hulton Archive/Getty Images

Leipzig im Jahr 1730. Johann Sebastian Bach ist gereizt. Das Gehalt als Thomaskantor zu niedrig. Das Leben in der Messestadt kostspielig. Acht Kinder sind zu versorgen. Die Arbeitsbedingungen schlecht. Immer nur Ärger mit dem Stadtrat, alles Kunstbanausen. Eine »wunderliche un der Music wenig ergebene Obrigkeit«. Unerträglich. Nichts wie weg!

Ein einziges Lamento ist dieser Brief an Georg Erdmann, seinerzeit kaiserlich-russischer Gesandter in Danzig. Bach hatte sich vier Jahre lang nicht bei seinem einstigen Mitschüler und lebenslangen Freund gemeldet, er bedauert das in dem Schreiben. Erdmann aber durfte sich glücklich schätzen, überhaupt eine Botschaft von ihm in Händen zu halten. Der Kantor in Leipzig nämlich scherte sich nicht groß um private Korrespondenzen.

Ganz anders als so viele berühmte Komponisten: Tausende Briefe hat Ludwig van Beethoven der Nachwelt hinterlassen. Hunderte private Briefe von Wolfgang Amadeus Mozart finden sich in den Museen und Sammlungen. Von Bach dagegen ist keine persönliche Botschaft bewahrt, keine bis auf diese Zeilen an Georg Erdmann.

Woher also wissen, wie Bach dachte, was er fühlte, welche Art von Mensch er gewesen ist? Es klagt der Leipziger Bachforscher Peter Wollny: »Von den großen klassischen Komponisten ist Bach der Einzige, über den man eigentlich gar nichts weiß. Bei Bach gibt es weder Tagebücher noch irgendeine Form der Familienkorrespondenz, nichts. Es gibt nur diesen einen einzigen Brief!«

Da muss doch aber mehr zu finden sein! Das denken Wollny, 50, und sein Kollege Michael Maul, 34. Weshalb die beiden Mitteldeutschlands Archive durchforsten, voller Tatendrang: Sie fahnden nach dem privaten Bach.

Ausgewiesene Experten sind die Männer, als Mitarbeiter des Bach-Archivs Leipzig. Ein Besuch also bei ihnen, am Thomaskirchhof 15. Noch vom Bürofenster aus können sie ihren großen Komponisten sehen: das Bach-Denkmal des Bildhauers Carl Seffner von 1908. Es zeigt Bach als stolzen und aufrechten Menschen, mit kräftigem Körperbau und ernsthaftem Blick.

War er das, stolz und aufrecht, respekteinflößend und resolut? Da beginnen die Zweifel. Auch weiß man nichts über jene Dinge, die jeden Thomanerknaben interessieren: Was waren Bachs Unterrichtsprinzipien? Wie pflegte er, Aufführungen zu gestalten?

Bach, sagen Wollny und Maul, hat eben nicht über sich geschrieben. Fehlten ihm schlicht die Ambitionen, sich biografisch zu verewigen? War er zu bescheiden?

Vielleicht war es ja so. Seinerzeit machte sich der wohlhabende Gelehrte Johann Mattheson aus Hamburg daran, eine Sammlung von Musikerbiografien herauszugeben. Er bat Komponisten und Interpreten, ein paar Seiten über ihr Leben einzusenden. 149 entsprachen der Bitte. In seinem 1740 erschienenen umfassenden Werk Grundlage einer Ehren-Pforte stellte Mattheson sie vor. Nur einer fehlte: Bach. Dabei weiß man heute, dass er mindestens einmal gefragt wurde.Möglicherweise, sagen Maul und Wollny, hatte Bach auch schlicht zu viel zu tun. Der Meister musste schließlich nicht nur Kantaten für den sonntäglichen Gottesdienst sowie für die musikalische Untermalung von Hochzeiten, Begräbnissen und Feiertagen komponieren. Er hatte auch den Knaben seiner Thomasschule elementare musikalische Kenntnisse beizubringen. Die Arbeit mit widerspenstigen Teenagern: für einen Künstler wie ihn kräftezehrend.

Warum also überhaupt weitersuchen, Herr Wollny, Herr Maul, wenn die Aussicht auf Erfolg so gering ist? Wenn sich schon keine Texte von Bach finden, sagen sie, dann vielleicht doch wenigstens welche über ihn – von Leuten, die ihn kannten. »Wir versuchen es jetzt«, sagt Michael Maul, »mit einem ganz breiten Ansatz. Wir wollen Bachs Zeitgenossen durchleuchten.«

Denn bis heute existiert zum Beispiel kein Bericht über eine Kantatenaufführung Bachs in Leipzig. Obwohl der Komponist 27 Jahre lang, Woche für Woche, Kantaten aufgeführt hat: »Bachs Zeitgenossen«, sagt Maul, »hielten es offenbar nicht für nötig, das Wirken dieses Genies zu dokumentieren.«

Erhalten sind immerhin zwei Briefe von Bachs Sohn, Carl Philipp Emanuel. Darin finden sich ein paar wenige Details: Dass das Elternhaus einem »Taubenhaus« geglichen habe, stets herrschte viel Betrieb: Besucher gingen ein und aus. Vater Bach sei jedem ein »erbaulicher« Gesprächspartner gewesen. Schrieben noch andere, die Bach kannten, über ihn? »Der Hauptpreis«, sagt Maul, »wäre mal, die Lebensgeschichte eines Thomaners aus der Bach-Zeit zu finden. Eine, in der ein paar Seiten über das Leben an der Thomasschule und den Unterricht bei Bach enthalten sind.« Auf die damaligen Thomaner wollen Maul und Wollny sich bei ihren Recherchen nun konzentrieren.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

nun gut, ihre meinung

mir dagegen liegen gerade russische komponisten nicht - zu romantisch, ein riesiges pathos.
bachs qualität liegt für mich äußerlich in seiner wandelbarkeit, die ihm ermöglicht, immer auch aktuell zu sein (z.b. riesiger interpretationsspielraum); innerlich in seiner klarheit, souveränen struktur/stimmführung und einem immensen drive, der jeder noch so kleinen komposition innewohnt. von den harmonien gar nicht zu sprechen.
bach ist ein komplexes system voll von unglaublichen einfällen.

Wenn man in Bachs Musik hineinhört, dann ...

... erfährt man eine Menge über ihn. Vielleicht hat Bach das - wie jeder bildende und komponierende Künstler auch - gewusst und es instinktiv dabei belassen wollen. Man kann - auch in Bachs Kirchenmusik - hören, dass er ein engagierter Verführer gewesen sein muss. Der Blick auf seine 20 Kinder spricht nicht dagegen. Wer seine ebenso einfachen wie unnachahmlichen und umwerfenden Arpeggien (man nehme zum Beispiel Nr. 1 des Wohltemperierten Klaviers I) hört, kann schliessen, dass er ein Schmusekater war.

Kurzum: Der Aktensucher wird wohl nicht mehr viel finden, die intuitive HörerIn aber weiss eine Menge.