StilkolumneWieder mal total breit

Tillmann Prüfer über Keulenärmel von 

In diesen Ärmeln lassen sich viele Asse verstecken: Kleid von Jil Sander, 1.800 Euro

In diesen Ärmeln lassen sich viele Asse verstecken: Kleid von Jil Sander, 1.800 Euro  |  © Peter Langer

Manchmal begegnet man einem modischen Wiedergänger und weiß nicht, was er bedeuten soll. Ist Mode denn nicht der Spiegel der Gesellschaft, in dem sich die menschliche Seelenlage ihren Ausdruck sucht; die Oberfläche, die Auskunft über innere Zustände gibt? Warum kommt dann der Keulenärmel wieder zurück, getragen von modernen Frauen? Der Keulenärmel, auch Ballonärmel genannt, ist eine Erfindung des Biedermeiers, einer geistig eher dunklen Epoche. Napoleon war besiegt, in Europa herrschte die Restauration, und in fast hysterischer Weise flüchtete man in die Illusion des heimischen Idylls.

Die Frau wurde demonstrativ in ihre alte Rolle zurückgedrängt und mit Korsetts und Fischbeingestellen ausstaffiert, bis sie nur noch aus mütterlichen Kurven bestand. Dazu gehörten auch die aufgeblähten Ärmel. Sie wuchsen von Jahr zu Jahr, bis sie so voluminös waren, dass ihre Trägerin damit nichts mehr unternehmen konnte. Die Frau war eine zur Untätigkeit verdammte Skulptur geworden, nur gut dazu, den Wohlstand ihres Gatten auszustellen.

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Wer aber glaubt, dies hätte den Keulenärmel auf alle Zeit für die Mode disqualifiziert, der hat die Kollektionen von Céline, Jil Sander , Nina Ricci und Miu Miu noch nicht gesehen. Überall dort sind voluminöse Ärmel mit überschnittenen Schultern zu sehen. Die Armstücke sind nicht mehr ballonförmig, sondern gerade geschnitten – aber ähnlich umständlich. Obwohl er die Frau gleichermaßen behindert wie im Biedermeier, ist der sogenannte "Schinkenärmel" heute zurück. Allerdings ist er nun offenbar anders gemeint, nämlich genau umgekehrt: Sollte der überbreite Ärmel der Frau vor 200 Jahren eine schmale Taille suggerieren, sind es heute breite Schultern und starke Oberarme. Die Keulenärmelfrau rempelt sich den Weg frei und lässt sich nicht umwerfen.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick   |  © Peter Langer

Nun wirkt aber ein allzu breiter Oberkörper selten sonderlich vorteilhaft. Wer Maxi-Looks nicht mit Geschick in Szene setzt, erzeugt bloß Unförmigkeit. Darum muss der Rest des Körpers umso schmaler wirken. Voluminöse Ärmel sollten also mit Bleistiftröcken oder Röhrenhosen und hohen Schuhen kombiniert werden. Um breite Schultern zeigen zu können, muss man ein besonders schlankes Bein haben. Wie gesagt, es ist nicht so leicht mit der Mode.

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Leserkommentare
    • Nizzre
    • 11. Juni 2012 20:17 Uhr

    Es ist doch eigentlich seit Jahren wieder ein Trend, dass Frauen wieder "dekorativ" statt stark sein sollen.

    Als emanzipierte Frau der 80er gruselt es mich da seit langem. Die heutigen "Ikonen" sind wieder völlig untalentiert, "weibchenhaft" und piepsen in höchster Kopfstimmen-Lage.

    Sehr ärgerlich, wenn man eigentlich der Meinung war, es braucht keine Quote, weil man selbst durch Leistung, fest im Leben stehen und ehrliches, gerades Auftreten sein Umfeld - sowohl im Beruf als auch in der Familie - überzeugt.

    Und gerade, wo man in seiner Generation (der heutigen 40er) mit vielen anderen starken Frauen gezeigt hat, dass man ohne verbissenes Emanzipationsgehabe einfach so GUT sein kann, dass man die Hälfte der Welt verdient, kommt dieser tussige Rückschlag.

    Sowohl in der Mode als auch in den Medien und in der Politik zeigt die "junge Generation" von Frauen, dass sie "für nix gut" ist außer als Tischdekoration.

    Beschämend.
    (Sagt eine Frau, die wirklich gern elegant und weiblich gekleidet ist, aber niemals so, dass sie nicht im Zweifelsfall mal eben nen Reifen wechseln, auf ne Leiter klettern oder ne Katze aus nem Gulli retten könnte.)

    Sich freiwillig modisch zur "Puppe" machen ist einfach für nix gut.

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    Ist doch völlig egal, welchen Lebensweg ein Mensch für sich als begehrenswert definiert. Die einen setzen auf's Sein und andere halt lieber auf den Schein.

    Aber Ihr Kommentar zeigt auch irgendwie wieder, wie unsouverän selbsernannte Emanzipierte mit sich selbst und ihren GeschlechtsgenossInnen umgehen.

    So als Tipp: Ob ein anderer Mann mir mit Bierbauch, Feinrippunterhemd mit Senffleck, Goldkettchen und Bierdose in der Hand begegnet oder als metrosexuelles, nahezu androgynes Etwas, das aussieht wie ein in Pomade gefallener Papagei: Es ist mir wurscht, denn beide sagen nichts über "Männlichkeit" aus, nur über das jeweilige Individuum.

    Also, liebe Nizzre, werden sie souverän und beschweren Sie sich nicht über die Präferenzen anderer Menschen - wenn Ihnen die Mode nicht gefällt, dann kaufen Sie den Fetzen halt nicht und gut ist's. Denn so ein Stück Stoff sagt nichts über "Weiblichkeit" aus.

    Btw: Wenn ich mich nach meinem Geschmack gut angezogen habe, dann wechsle ich auch keinen Reifen oder ziehe Tiere aus dem Gulli. Da nehm ich mein Telefon und ruf' den ADAC oder die Feuerwehr und denke nicht drüber nach, inwiefern sich das jetzt auf "Geschlechtsrepräsentation" auswirkt...

  1. Ist doch völlig egal, welchen Lebensweg ein Mensch für sich als begehrenswert definiert. Die einen setzen auf's Sein und andere halt lieber auf den Schein.

    Aber Ihr Kommentar zeigt auch irgendwie wieder, wie unsouverän selbsernannte Emanzipierte mit sich selbst und ihren GeschlechtsgenossInnen umgehen.

    So als Tipp: Ob ein anderer Mann mir mit Bierbauch, Feinrippunterhemd mit Senffleck, Goldkettchen und Bierdose in der Hand begegnet oder als metrosexuelles, nahezu androgynes Etwas, das aussieht wie ein in Pomade gefallener Papagei: Es ist mir wurscht, denn beide sagen nichts über "Männlichkeit" aus, nur über das jeweilige Individuum.

    Also, liebe Nizzre, werden sie souverän und beschweren Sie sich nicht über die Präferenzen anderer Menschen - wenn Ihnen die Mode nicht gefällt, dann kaufen Sie den Fetzen halt nicht und gut ist's. Denn so ein Stück Stoff sagt nichts über "Weiblichkeit" aus.

    Btw: Wenn ich mich nach meinem Geschmack gut angezogen habe, dann wechsle ich auch keinen Reifen oder ziehe Tiere aus dem Gulli. Da nehm ich mein Telefon und ruf' den ADAC oder die Feuerwehr und denke nicht drüber nach, inwiefern sich das jetzt auf "Geschlechtsrepräsentation" auswirkt...

  2. "Nun wirkt aber ein allzu breiter Oberkörper selten sonderlich vorteilhaft. Wer Maxi-Looks nicht mit Geschick in Szene setzt, erzeugt bloß Unförmigkeit."

    Seit Jahren schon ist die T-Shirt-Mode der holden Weiblichkeit auf Spacko-eng getrimmt. Hautenge Laibchen, viel zu kurz und mit eng anliegenden Ärmchen. Die Größen haben sich entsprechend verschoben. Das mag für schlanke Teenies gerade noch durchgehen (wobei auch hier schon falsche Anreize gesetzt werden, was die angebliche Idealfigur angeht). Ab 30 sieht so etwas schon leicht bemüht aus, ab 40 können das nur noch die wenigsten Frauen vorteilhaft (sic!) tragen.

    Nicht keulenhafte Unförmigkeit im Maxilook ist gefragt, sondern Kleiderformen, welche "normale", weibliche Körperformen sanft umspielen. Nur leider, das bekomme ich als wohlwollender Begleiter mit, gibt es so etwas offenbar nicht mehr. Stattdessen ist heuer unsäglicher "Vintagelook" im Trend, bei dem selbst teure Klamotten "extra" so dünn sind, dass böses Angucken schon Löcher reisst.

    • Anja66
    • 11. Juni 2012 22:11 Uhr

    ist aber allenfalls ein Keulchen
    von so einer Harmlosigkeit auf die Wiederkehr der biedermeierschen Keulenärmel zu schließen scheint mindestens gewagt

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    dann würde ich zu folgendem raten:

    http://www.zum.de/Faecher...

    denn bei den Keulen kann man immerhin sehen, dass es sich um Keulen geht und wird schon beim Hinschauen fast erschlagen ...

  3. dann würde ich zu folgendem raten:

    http://www.zum.de/Faecher...

    denn bei den Keulen kann man immerhin sehen, dass es sich um Keulen geht und wird schon beim Hinschauen fast erschlagen ...

    Antwort auf "der abgebildete Ärmel"
  4. Seit vielen Jahren schon, und ich fahre gut damit, habe ich mich vom Modediktat verabschiedet. Ich trage was mir gefällt, passt, steht und bequem erscheint. Es war ein Befreiungsschlag und noch nie habe ich seit dem gehört "Ja wie siehst Du denn aus?"
    Das Ärgste sind übrigens die Schuhe! Nein, nein, ich möchte auch in 20 Jahren noch stehen und gehen können.

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    aufgrund von Kritik ihrer Umwelt haben Sie der deutschen Designermode, die gerade von den beiden genannten eher nicht zu Aufschreien der Empörung geeignet ist, den Rücken gekehrt?

    Und dabei auch noch die bequemen Loafer von Jil Sander, die sie seit langem als Business-Ausstatterin verkaufte, abgesagt, weil sie Angst haben, das Gehen und Stehen nicht mehr hin zu bekommen.

    Mein Mitleid ist mit solchen Menschen, denn wenn die Umwelt ein Problem hat, liegt es mit Sicherheit nicht an Jil Sander an einer über 50-jährigen Frau

    Und zum Thema Schuhe ist schon viel gesagt worden. Meine fast 80jährige Verwandtschaft hat kein Problem mit Absätzen, auf die Sie vermutlich anzuspielen versuchten und meine 30-jährige Kollegin kann ganz ohne je in einem Designerschuh gesteckt zu haben kaum noch auf ihren Duckfeet laufen, weil sie eine ausgeprägte Fehlstellung hat, die durch falsche Behandlung in der Kindheit verschlimmert wurde und nun nicht aufgehalten werden kann.

    Mir scheint, hier liegt ein Missverständnis vor über Mode und auch über Schuhe.

  5. aufgrund von Kritik ihrer Umwelt haben Sie der deutschen Designermode, die gerade von den beiden genannten eher nicht zu Aufschreien der Empörung geeignet ist, den Rücken gekehrt?

    Und dabei auch noch die bequemen Loafer von Jil Sander, die sie seit langem als Business-Ausstatterin verkaufte, abgesagt, weil sie Angst haben, das Gehen und Stehen nicht mehr hin zu bekommen.

    Mein Mitleid ist mit solchen Menschen, denn wenn die Umwelt ein Problem hat, liegt es mit Sicherheit nicht an Jil Sander an einer über 50-jährigen Frau

    Und zum Thema Schuhe ist schon viel gesagt worden. Meine fast 80jährige Verwandtschaft hat kein Problem mit Absätzen, auf die Sie vermutlich anzuspielen versuchten und meine 30-jährige Kollegin kann ganz ohne je in einem Designerschuh gesteckt zu haben kaum noch auf ihren Duckfeet laufen, weil sie eine ausgeprägte Fehlstellung hat, die durch falsche Behandlung in der Kindheit verschlimmert wurde und nun nicht aufgehalten werden kann.

    Mir scheint, hier liegt ein Missverständnis vor über Mode und auch über Schuhe.

  6. es hat eine weile gedauert,
    bis ich erkannt habe, dass mode nicht dazu da ist, damit ich mich über meinen körper ärgere, oder um mir meine umzulänglichkeiten vor augen zu führen. insofern hat sich mode mir und meinem körper und stil anzupassen; es sei denn, ein entwurf hat die stärkeren argumente. dann (ver)wandle ich mich gern ihm zuliebe. manchmal nur für die dauer des tragens; bei nachhaltig beeindruckenden argumenten sogar dauerhaft.

    ich zeichne designer meiner wahl aus und ehre sie, indem ich sie trage. doch geht ein stück in meinen besitz über, ist es ganz mir überlassen, mit der ursprünglichen aussage und dem kontext des createurs zu spielen, ihn zu unterstreichen oder ihn zu brechen. dieses spiel ist erheblich verantwortlich dafür, dass mir mode spaß macht. deshalb halte ich auch nichts von sog. DOs & DONTs. mode per se hat kein diktat. das diktat erheben eintagsfliegen-designer, modezeitschriften und trendscouts. also leute, die mit der vergänglichkeit geld verdienen

    Es gibt nur wenige DOs:
    1. trage, was du willst
    2. trage, was du willst, wie du willst
    3. trage, was du willst, wie du willst, mit selbstbewusstsein

    statt einem trend hinterher zu rennen, kann ihn so jede/r um eine neue, individuelle note bereichern.

    das schönste an der mode: mein spaß dabei.

    das gilt übrigens auch für das lesen dieser kolumne. ich schätze sie für die inspiration, ohne zwangsläufig mit dem autor und seinem stil übereinzustimmen. sie macht spaß. ebenso die kommentare. danke dafür.

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    müßte. In Bezug auf die hier angeführten Ärmelform kann man sich einfach mal die Kollektionen, in denen diese vorkommen anschauen und muss zugeben, dass es weder Zwang noch Vorgabe gibt, da es auch andere Ärmelformen gibt.

    Das gleiche gilt für Rocklängen, Jackenformen, Blusenkragen....

    Wo also ist das Problem, wenn Strömungen mit einer Art Textmarker aufgezeigt werden?

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  • Serie Stilkolumne
  • Schlagworte Epoche | Erfindung | Jil Sander | Mode | Spiegel | Körper
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