Schauspielerin Pegah Ferydoni"Wie viele Flüchtlingskinder bin ich eine Suchende, Getriebene"

Die Schauspielerin und Moderatorin Pegah Ferydoni ist in Teheran geboren und kam im Alter von zwei Jahren nach Berlin. Sie träumt von einer Welt ohne Diskriminierung. von Jörg Böckem

Pegah Ferydoni

Pegah Ferydoni  |  © Yves Borgwardt

Ich schwimme durch eine Stadt. Die Stadt sieht aus wie New York , ich bin über den Köpfen der Menschen, die mich nicht wahrnehmen. Ich fliege nicht, es ist eine Art Brustschwimmen durch die Luft. Wie unter Wasser kann ich in alle Richtungen schwimmen, parallel zu den Menschen und Straßen, aber auch die Fassaden hinauf und hinunter – ein wunderbares Gefühl. Ich bin in geheimer Mission unterwegs, aber die Aufgabe ist diffus, irgendjemand muss gerettet, ein Problem gelöst werden. Wie bei einer Schnitzeljagd schwimme ich durch die Stadt, suchend, ohne konkretes Ziel.

Diesen Traum habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder geträumt. Er ist meist ein Zeichen dafür, dass ich mich festgefahren fühle. Dass ich nicht mehr nur funktionieren will, sondern Zeit für mich brauche, mich freischwimmen möchte. Merkwürdigerweise bin ich in diesem und vielen anderen Träumen oft ein Mann. Häufig bin ich ein Actionheld, manchmal träume ich sogar von mir selbst als Batman, auf geheimer Mission in den nächtlichen Straßen von Gotham. Wenn ich von mir selbst als Frau träume, habe ich kurze Haare. Meine Mutter hat mir als Mädchen die Haare immer kurz geschnitten, möglich, dass diese Vorstellung daher kommt. Dass ich in meinen Träumen meist allein bin, könnte auch an den Erfahrungen meiner Kindheit liegen: Ich bin Flüchtlingskind, später trennten sich meine Eltern, ich blieb bei meiner Mutter. Als ich 16 war, zog sie nach Frankreich , ich blieb auf meinen Wunsch in Berlin . Wie viele Flüchtlingskinder bin ich eine Suchende, Getriebene.

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Pegah Ferydoni

28, Schauspielerin und Moderatorin, ist in Teheran geboren. Im Alter von zwei Jahren kam sie mit ihren Eltern nach Berlin. Einem größeren Publikum wurde sie durch ihre Rolle in der Fernsehserie Türkisch für Anfänger bekannt, aus der auch ein Kinofilm hervorging. Sie moderiert jeden Donnerstag um 20.15 Uhr die Sendung Kulturpalast auf ZDFkultur

Es ist kein Zufall, dass mein Traum in New York spielt, die Stadt hat eine große Bedeutung für mich. Als ich vor vier Jahren das erste Mal nach New York reiste und beim Anflug die Skyline sah, musste ich weinen. In der Zeit, in der wir nach unserer Flucht aus dem Iran im Asylantenheim lebten, hätte ich nie zu träumen gewagt, dass ich mir irgendwann ein Flugticket würde kaufen können, um in diese Stadt zu reisen, die ja durch Migrantenströme erst entstanden ist. Dort habe ich es zum ersten Mal erlebt, dass Menschen mir das Gefühl gaben, dazuzugehören, vorbehaltlos. Davon habe ich schon als Kind geträumt – angenommen zu werden als Deutsche.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Ich möchte nicht weg aus Deutschland, ich bin Berlinerin, habe einen deutschen Pass, Deutsch ist die Sprache, in der ich träume und arbeite. Trotzdem muss ich mein Deutschsein immer wieder rechtfertigen. Das ist sehr anstrengend. Ich träume davon, dass Menschen in Deutschland unabhängig von ihrer Hautfarbe und Herkunft selbstverständlich dazugehören und dass sie ein gutes Leben haben können, ohne Diskriminierung und ohne Rechtfertigungszwang. Ich träume von einer Farbenblindheit, wie ich sie in New York erlebt habe. Dass Menschen nicht durch Hautfarbe oder Herkunft festgelegt werden, im Guten oder Schlechten, sondern sich frei in alle Richtungen bewegen können. Wie ich in meinem Traum.

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Leserkommentare
  1. Was zeichnet "den Deutschen" denn aus? Das alles was "anders" ist sich rechtfertigen muss. Nein, glaube ich nicht, vielleicht ist es auch so, dass man glaubt, sich rechtfertigen zu müssen???

    Und das man suchend und getrieben ist, sollte man als Vorteil nehmen gegenüber all denen, die meinen, in Selbstzufriendenheit schon alles gefunden und geborgen zu haben. ( Dies gilt aber zum Glück unabhängig von Hautfarbe, Religion oder sonstigem )

    Ignorieren Sie, sofern möglich, all die Kleingeister, die nicht nur hier beheimatet sind. Solche Menschen sind genauso international wie Dummheit oder Feigheit.

    "Anders ist man immer nur im Auge der Anderen!"

    2 Leserempfehlungen
  2. 2. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    Eine Leserempfehlung
    • Hagmar
    • 11. Juni 2012 23:23 Uhr

    "Wie viele Flüchtlingskinder bin ich eine Suchende, Getriebene." Sie könnten auch sagen, wie viele junge Menschen, bin ich eine Suchende, Getriebene. Die Frage ist doch, suchen was, getrieben wovon, wohin? Jeder Mensch, der über seinen eigenen Bauchnabel hinausschaut, den sein Menschsein beschäftigt, der die Sinnfrage stellt, wird zum Suchenden und kann sich getrieben fühlen, von Wünschen, von Ängsten, von Sehnsüchten. Es ist manchmal nicht leicht, von einer spezifischen biografischen Situation zu abstrahieren und zu sehen, welches Lebensgefühl man auch dann hätte, wenn man ein sogenannter Normalbürger irgendeinen Landes wäre. Ich z.B. lebe inzwischen seit Jahrzehnten nicht mehr in Deutschland, sondern in Ländern, in denen man Deutsche nicht besonders mag. Auch das kreiert ein besonderes Lebensgefühl. Ich finde es interessant und aufschlussreich, immer wieder Befindlichkeiten zu hinterfragen, warum fühle ich mich jetzt so, wieviel hat das mit dem Umfeld zu tun, wieviel einfach damit, wer ich bin? Und warum bin ich? Und warum so, wie ich bin? Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei solchen Fragestellungen. Sie sind spannend und führen weit. Es muss nicht immer New York sein. :=)

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Diskriminierung | Eltern | Hautfarbe | Mädchen | Sprache | Stadt
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