Pegah Ferydoni © Yves Borgwardt

Ich schwimme durch eine Stadt. Die Stadt sieht aus wie New York , ich bin über den Köpfen der Menschen, die mich nicht wahrnehmen. Ich fliege nicht, es ist eine Art Brustschwimmen durch die Luft. Wie unter Wasser kann ich in alle Richtungen schwimmen, parallel zu den Menschen und Straßen, aber auch die Fassaden hinauf und hinunter – ein wunderbares Gefühl. Ich bin in geheimer Mission unterwegs, aber die Aufgabe ist diffus, irgendjemand muss gerettet, ein Problem gelöst werden. Wie bei einer Schnitzeljagd schwimme ich durch die Stadt, suchend, ohne konkretes Ziel.

Diesen Traum habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder geträumt. Er ist meist ein Zeichen dafür, dass ich mich festgefahren fühle. Dass ich nicht mehr nur funktionieren will, sondern Zeit für mich brauche, mich freischwimmen möchte. Merkwürdigerweise bin ich in diesem und vielen anderen Träumen oft ein Mann. Häufig bin ich ein Actionheld, manchmal träume ich sogar von mir selbst als Batman, auf geheimer Mission in den nächtlichen Straßen von Gotham. Wenn ich von mir selbst als Frau träume, habe ich kurze Haare. Meine Mutter hat mir als Mädchen die Haare immer kurz geschnitten, möglich, dass diese Vorstellung daher kommt. Dass ich in meinen Träumen meist allein bin, könnte auch an den Erfahrungen meiner Kindheit liegen: Ich bin Flüchtlingskind, später trennten sich meine Eltern, ich blieb bei meiner Mutter. Als ich 16 war, zog sie nach Frankreich , ich blieb auf meinen Wunsch in Berlin . Wie viele Flüchtlingskinder bin ich eine Suchende, Getriebene.

Es ist kein Zufall, dass mein Traum in New York spielt, die Stadt hat eine große Bedeutung für mich. Als ich vor vier Jahren das erste Mal nach New York reiste und beim Anflug die Skyline sah, musste ich weinen. In der Zeit, in der wir nach unserer Flucht aus dem Iran im Asylantenheim lebten, hätte ich nie zu träumen gewagt, dass ich mir irgendwann ein Flugticket würde kaufen können, um in diese Stadt zu reisen, die ja durch Migrantenströme erst entstanden ist. Dort habe ich es zum ersten Mal erlebt, dass Menschen mir das Gefühl gaben, dazuzugehören, vorbehaltlos. Davon habe ich schon als Kind geträumt – angenommen zu werden als Deutsche.

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Ich möchte nicht weg aus Deutschland, ich bin Berlinerin, habe einen deutschen Pass, Deutsch ist die Sprache, in der ich träume und arbeite. Trotzdem muss ich mein Deutschsein immer wieder rechtfertigen. Das ist sehr anstrengend. Ich träume davon, dass Menschen in Deutschland unabhängig von ihrer Hautfarbe und Herkunft selbstverständlich dazugehören und dass sie ein gutes Leben haben können, ohne Diskriminierung und ohne Rechtfertigungszwang. Ich träume von einer Farbenblindheit, wie ich sie in New York erlebt habe. Dass Menschen nicht durch Hautfarbe oder Herkunft festgelegt werden, im Guten oder Schlechten, sondern sich frei in alle Richtungen bewegen können. Wie ich in meinem Traum.

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