Manch eine/r wird sich an die Abtreibungsdebatte im Deutschland der siebziger Jahre erinnern: »Staat! Hände weg von meinem Körper« oder: »Mein Körper gehört mir!«, rufen junge Demonstrantinnen in der Türkei. Mit Plakaten, Transparenten und Musik protestierten sie am vergangenen Wochenende in Istanbul und anderen Städten gegen ein geplantes Abtreibungsverbot der Regierung von Premier Tayyip Erdoğan. Die Türkei hat ihre erste handfeste Feminismus-Debatte. Anlass war die Rede des Ministerpräsidenten vor dem Frauenkongress seiner Partei AKP. »Abtreibung ist Mord«, sagte er dort. Bislang war eine Abtreibung in der Türkei bis zur 10. Schwangerschaftswoche legal, nun soll diese Frist auf vier oder fünf Wochen reduziert werden. Das kommt einem Abtreibungsverbot gleich, da Schwangerschaften häufig erst nach dieser Zeitspanne erkannt werden.

Zudem sprach sich Erdoğan gegen die Geburt per Kaiserschnitt aus – weil Frauen, die einmal so entbunden hätten, aus seiner Sicht nicht mehr ausreichend Kinder bekommen könnten. In türkischen Privatkrankenhäusern kämen 60 bis 70 Prozent der Kinder so zur Welt – oft ohne medizinische Notwendigkeit. Das, glaubt der Premier, geschehe auf Betreiben des Auslands, um das Wachstum der türkischen Bevölkerung zu verhindern. Erdoğan hat ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2023, zum 100. Geburtstag der Republik, soll die türkische Bevölkerungszahl von derzeit knapp 75 Millionen auf 90 Millionen steigen. In den vergangenen Monaten hatte er deshalb immer wieder den Wunsch geäußert, jede türkische Familie möge mindestens drei, besser noch fünf Kinder haben.

Seither werden in Talkshows und Zeitungen die Themen Abtreibung und Kaiserschnitt hitzig diskutiert. Der Vorsitzende der Oppositionspartei CHP Kemal Klçdaroğlu versuchte, sich als Frauenrechtler zu positionieren und übernahm sogar die feministische Rhetorik: »Der Körper der Frau gehört nur ihr.«

Von führenden AKP-Frauen können die Demonstrantinnen keine Unterstützung erwarten. Die Familien- und Gesundheitsministerin Fatma Şahin relativierte zwar die Aussagen des Ministerpräsidenten: Von »Mord« könne nur die Rede sein, wenn das Paar nicht verhütet hätte. Im Übrigen stimmte sie ihm jedoch zu und sorgte damit für eine neue Protestwelle. In den hinteren Reihen der AKP hält man sich schlicht nicht für zuständig: Die Frage der Abtreibungsfrist sei eine ethisch-religiöse, keine politische, und müsse von Theologen und Philosophen entschieden werden.

Muslimische Frauenrechtlerinnen und Kolumnistinnen dagegen kritisieren das geplante Abtreibungsverbot. Die Abtreibung sei aus theologischer Sicht bis zum 40. Tag der Schwangerschaft, nach einigen Gelehrtenmeinungen sogar bis zum 120. Tag zulässig und dürfe daher gesetzlich nicht verboten werden.