Atommüll-DebatteKein Fass aufmachen

Soll man Atommüll für immer vergraben oder einen Zugang in das Endlager offen lassen? Die Schweizer haben einen Kompromiss gefunden. von Frank Grotelüschen

Blick in einen Stollen des Schweizer Berglabors Mont Terri, in dem ein Test-Endlager entsteht.

Blick in einen Stollen des Schweizer Berglabors Mont Terri, in dem ein Test-Endlager entsteht.  |  © BGR Hannover

Saint-Ursanne, ein Idyll im Schweizer Jura. Am Ortsrand des mittelalterlichen Städtchens klettert Marcos Buser in einen Geländewagen. Der Geologe steuert den 800 Meter hohen Mont Terri an und fährt in einen Sicherheitsstollen, den Ingenieure vor 25 Jahren parallel zu einem Autobahntunnel gegraben haben. Kaum schneller als ein Fahrrad rollt der Wagen durch die düstere Röhre. Dann stoppt er, und es geht zu Fuß weiter. Das Ziel ist erreicht, als im Zwielicht ein Eingang auftaucht.

Dahinter öffnet sich ein verzweigtes System aus Gängen und Kavernen: das Schweizer Labor für Endlagerforschung. Es liegt mitten in einer besonderen Gesteinsformation, dem Opalinus-Ton. »Eigentlich ist es ein langweiliges Gestein, überall das gleiche Grau«, sagt Buser. »Aber brauchbar für ein atomares Endlager.« Im Mont Terri testen die Experten den Ton: Wie lässt sich Atommüll möglichst sicher in ihm lagern? Und ließe sich der Abfall im Notfall wieder herausholen?

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Ob man strahlende Abfälle rückholbar endlagern soll oder nicht, darüber wurde in der Schweiz schon in den neunziger Jahren debattiert. In Deutschland war das lange kein Thema. Stoisch hatten die Verantwortlichen ein einziges Konzept verfolgt: Sobald ein Endlager mit Atommüll gefüllt ist, wird es für die Ewigkeit verschlossen. Doch dann folgte der Skandal um den Salzstock Asse. 2008 war ans Licht gekommen, dass in dem niedersächsischen Forschungsbergwerk mehr als 120.000 Fässer mit schwach und mittelradioaktivem Atommüll unter heiklen Bedingungen lagern. Wasser dringt in den Salzstock ein, Fässer verrotten, radioaktive Lauge schwappt in den Kavernen.

Zweieinhalb Milliarden Euro soll die Räumung der Asse kosten

Der Druck der Öffentlichkeit wurde so groß, dass sich das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) vor zwei Jahren zu einer drastischen Entscheidung durchrang. Die maroden Fässer sollen geborgen und in ein sicheres Depot umgelagert werden. Die Kosten der Rückholaktion wurden auf zweieinhalb Milliarden Euro taxiert. Dauer der Operation: noch offen. Eine ganze Reihe von Experten bezweifeln, dass der Plan überhaupt aufgeht, denn der bröckelnde Salzstock der Asse gilt laut Gutachten nur noch rund zehn Jahre als stabil. Deshalb halten manche eine »Verfüllung« der Schächte mit Betonsperren für sicherer. Doch in der Region Wolfenbüttel gilt als ausgemacht: Etwas anderes als die Rückholung kommt nicht infrage.

Probebohrung in Asse

Es war ein perfekter Einstieg für Peter Altmaier. Kaum im Amt, durfte er vergangenen Freitag gleich den roten Knopf drücken, der die erste Probebohrung im maroden Atommülllager Asse in Gang setzte. Die Szene sollte symbolisieren: Um die Sanierung der Asse kümmert sich der neue Umweltminister persönlich!

Leider war der Auftritt Altmaiers nicht mehr als ein Symbol. Denn ob sich die teils verrotteten Atommüllfässer aus dem Bauch der Asse wirklich ans Tageslicht holen lassen, ist unklarer denn je. Schließlich stellt die Bergung aus 750 Meter Tiefe Forscher, Techniker und Behörden vor bislang nie gekannte Herausforderungen.

Operation Rückholung

So hatte es bisher geheißen, die Operation Rückholung solle spätestens 2025 beendet sein. Nun zeigt der neueste Terminplan des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS): die Bergung des Atommülls könnte überhaupt erst imJahre 2036 beginnen.

Damit aber rennt den Sanierern die Zeit davon. Denn der undichte Salzstock droht mit Wasser vollzulaufen – was die Rückholung unmöglich machen würde. Eine allseits geforderte »Lex Asse« könnte die Prozeduren des Genehmigungsrechts beschleunigen. Die technischen und logistischen Probleme werden dadurch aber nicht kleiner. Und das täglich in die Asse einsickernde Wasser kann nicht einmal Peter Altmaier stoppen.

So ist mit dem Asse-Skandal auch die grundsätzliche Diskussion über den richtigen Umgang mit hochradioaktivem Abfall wieder entbrannt. »Man sollte den Atommüll so lagern, dass man ihn bei unvorhergesehenen Ereignissen wieder herausholen kann«, fordert zum Beispiel Rolf Bertram, einst Chemieprofessor an der TU Braunschweig, heute Mitglied einer Kommission zur Schließung der Asse. Die Rückholbarkeit ließe sich durch eine Art dauerhaftes Zwischenlager erreichen. Der Vorteil: Künftige Generationen hätten den nuklearen Abfall stets im Blick und könnten bei Bedarf schnell reagieren.

Möglich wäre auch ein Lager, das nur provisorisch verschlossen ist. Sensoren und Kameras würden das radioaktive Inventar überwachen. Läuft etwas schief, ließe sich der Verschluss aufbrechen wie das Siegel eines Briefes.

Die Möglichkeit eines späteren Zugriffs auf das gefährliche Material fasziniert nicht nur Atomskeptiker, sondern auch Unionspolitiker. »Die Rückholbarkeit ist eine zentrale Frage bei der Endlagersuche«, sagt Björn Thümler.

Leserkommentare
  1. Ein "Endlager auf Zeit"? Könnte es sein, dass die allgemeine Sprachverwirrung jetzt endgültig auch die "Zeit"-Redaktion erreicht hat?
    Ein ENDlager hat - wenn die deutsche Sprache noch mit einem Sinngehalt ausgestattet sein sollte - einen ENDGÜLTIGEN Charakter. Alles andere wäre ein - auf kürzere oder längere Zeit ausgerichtetes - ZWISCHENlager.
    Selbstverständlich muss ein "... Zugang in das Endlager offen ..." bleiben, damit Material-ZUFLÜSSE (also abgebrannte Brennelemente) möglich sind. Aber: klar sein muss auch: Was einmal drin ist, bleibt auch drin!
    Eben "kein Fass aufmachen" wie Sie so schön titeln.
    Sonst ist es eben doch KEIN Endlager.

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    Die Asse ist ja eher eine Art endgültiges Zwischenlager...

    • joG
    • 08. Juni 2012 13:22 Uhr

    ....wissen? Gottes Ewigkeit oder das Ende der Menschheit, wie wir sie kennen? Ersteres ist ziemlich lang. Der Artikel in Nature besagt aber nur noch wenige Jahre. Oder ist es das eigene Ableben, der bestimmt, dass die Zeit danach nur noch relativ wichtig ist?

  2. Die Asse ist ja eher eine Art endgültiges Zwischenlager...

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    Genau - Ein Versuchs- und Forschungsendlager!

    Genau das Gegenteil von ASSE - da wurden ein verlassenes Salzbergwerk (also nix von neu!) in übelster Art unter dem Deckmantel der Forschung und Wissenschaft von der GSF (Helmholtz-Ableger!) ca. 130.000 Fässer mit radioaktiv Strahlendem Inhalt aller Art 'verstürzt' - d.h. ziel- und wahllos reingebaggert!

    Offensichtlich weiss auf die Helmholtz-Zentrum nicht, was von ihren Ablegern KIT und GSF wann wo und von wem da reingebaggert wurde.
    Immerhin sollen 60-70% aus Atommeilern - in Karlsruhe durch das KernforschungsZentrum (heute KIT!) als Forschungsmaterial umgelabelt - dabei sein, praktisch gratis.
    Und die sterblichen Überreste zweier hochradioaktiv verstrahlter Techniker aus dem AKW Gundremmingen - Block I -
    erster GAU in DE!

    Das sieht richtig nach DritteWeltLösung aus - nicht die eines reichen, westlichen Technologielandes!
    Abgesehen von der Informationspolitik!

    Vielleicht schickt man den ganzen Helmholtz-Laden mal in die Schweiz - oder zum Aufräumen in die ASSE!

    Einfach billig - in jeder Hinsicht!

    • deDude
    • 08. Juni 2012 12:39 Uhr

    [...]Andere Experten halten es sogar für denkbar, dass unsere Kindeskinder den Müll irgendwann wieder zutage fördern wollen, um die beträchtliche Restenergie, die noch in ihm steckt, in einer neuen Generation von Kernreaktoren zu nutzen.

    Vielleicht wollen Sie den Müll auch rückholen um ihn denjenigen ins Maul zu stopfen die heute ohne Gedanken an die Konsequenzen nach dem Motto "Aus dem Auge aus dem Sinn" gefährlichen strahlenden Abfall in einsturzgefährdeten Bergstollen versenken.

    Eine tolle, "saubere Energie" ist das, mit deren Produktionsabfall man im Falle eines Unfalles ganze Landstriche auf tausende bis millionen Jahre unbewohnbar machen kann.

    Aber es ist halt so schön billig...

  3. Bereits jetzt gibt es aussichtsreiche Versuche (zum Beispiel am Karlsruher Institut für Technologie) die Halbwertszeit von radioaktiven Abfällen auf unter 300 Jahre zu senken. Warum sollte Forschung und Wissenschaft nun genau hier bei diesem Wert stehen bleiben?
    Es gilt also die Abfälle zwischenzulagern um sie nach der Entwicklung einer geeigneten Technologie zum Recycling/unschädlich machen zurück zu holen und das Endlagerproblem so zu lösen.

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    • ASasse
    • 08. Juni 2012 17:37 Uhr

    mag sein, dass irgendwann Transmutation technisch machbar ist. Leider wird sie dann vermutlich ein vielfaches der Energie kosten, die bei der Atommüll-Entstehung geerntet wurde. Der Energiebedarf der Wiederaufarbeitungsanlagen, Konversionsanlagen und Isotopentrennung in Urananreicherungsanlagen ist eine heute bereits erkennbar mahnende Vorstufe für ganz wenige Isotope, die noch nicht einmal transmutiert werden. Dagegen wird der Aufwand zur Bergung des Mülls wohl vernachlässigbar sein.

    Natürlich müssen wir dennoch über Transmutation nachdenken, denn Aussagen wie "Bei einem guten Endlagerkonzept kann man davon ausgehen, dass es mehrere 1.000 bis 10.000 Jahre dauert, bis dort beispielsweise Wasser eindringt" zeigen angesichts der Halbwertszeiten des hochaktiven Mülls, dass Lagerung keine seriöse Lösung ist.

    Mir fällt da wieder die Badewanne ein: wenn die überläuft drehe ich erst den Wasserhahn ab, bevor ich einen Lappen und Bautrocknungsgerät suche. Gegen den Willen der Bevölkerung will unsere Regierung jedoch mit der Abschaltung der überlaufenden Plöre noch 10 Jahre warten, (oder länger)?

  4. die rückholbarkeit ist eine pure selbstverständlichkeit-

    der begriff endlager ist entlarvend- im grunde ging es den grünen nur darum,die kernkraft in die kosten zu treiben-

    endlager = endlösung der lagerfrage-sehr deutsch

    der richtige begriff wäre langzeitlager

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    "der begriff endlager ist entlarvend- im grunde ging es den grünen nur darum,die kernkraft in die kosten zu treiben-"

    Weil die Grünen damals nicht einfach die Augen vor dem Problem der Müllbeseitigung verschlossen haben, sind die jetzt Ihre Bösewichte? Das ist eine... interessante Argumentation!

    Das Schweizer Beispiel zeigt ganz ausgezeichnet, wie man ein Problem mit gesellschaftlicher Relevanz zur Zufriedenheit (fast) aller lösen kann:

    - Ergebnisoffenheit (von der Politik gerne benutzt, kennen viele scheinbar die Bedeutung des Wortes gar nicht)

    Eine Standort zu suchen, wenn von der Politik eindeutige Vorgaben für das Ergebnis dieser Suche gemacht werden, wie im Fall Gorleben, verbrennt nur unnötig Geld.

    - rechtzeitige und ausführliche Information der Bürger

    Die Schweizer haben VOR den Beschlüssen der politiker bereits Infoveranstalltungen und Diskussionsrunden veranstaltet, um Bedenken zu sammeln und zu zerstreuen und um möglicherweise hilfreiche Ideen der Bürger mit in die Planung einfliessen zu lassen.
    Da die Bürger am Ergebnis des Prozesses massgeblich beteiligt sind, ist die Akzeptanz wesentlich höher als bei Gorleben, Asse, Jülich oder auch S21.

    • JGC
    • 08. Juni 2012 12:49 Uhr

    Das 11. Gebot in der Bibel...

    Du sollst in deiner Aufmerksamkeit NIEMALS nach lassen!!!

    Wie soll man den sonst mit "dauerhaften" Gefahren leben?

    Im Auge behalten ist eben nun mal der einzig richtige Weg um die Sicherheiten auch auf Zukunft zu gewähren..

    Da soll ruhig ein neuer Grundgesetz-Artikel zur Verfassung hinzu gefügt werden..

  5. "Dann nämlich wäre der strahlende Abfall im günstigsten Fall für Jahrmillionen sicher ummantelt."

    Ahja, und im ungünstigsten Fall würde dann das Grundwasser kontaminiert werden? Am Ende wird es wohl wieder einfach eine Frage es Geldes sein.

  6. Die oberflächenahe, kontrollierte und mittelfristige Zwischenlagerung ist nach meiner Meinung schon immer die beste Lösung. Es ist absolut unrealistisch mit unserer heutigen Technologie eine geologische Stabilität für 100.00 Jahre zu gewährleisten. Es ist aber möglich den radioaktiven Müll kontrolliert zu lagern und an neuen Entsorgungstechniken zu forschen.

    Früher wurde alles deponiert und verbrannt, heute wird recyclet. Wer sagt denn, dass wir nicht in 50 oder 100 Jahren in der Lage sind den radioaktiven Abfall als Ressource zu nutzen oder ihn mittels effizienter Raumfahrttechnologie in der Sonne zu entsorgen.

    Ich halte es für einen Verrat an Forschung und Ingenieurskunst der heutigen Generation und um vorsätzlichen Betrug unserer Kinder und Kindeskinder, wenn wir aus ideologischen Gründen (Grüne) die oberflächennahe Lagerung nicht in Betracht ziehen.

    Leider kommt diese sinnvolle Lösung nicht in Frage, denn das würde den Atomkraftkritikern gehörig Wind aus den Segeln nehmen. Schade, dass Ideologieverblendung so schädlich sein kann.

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    ...Oberflächlichkeit!

    Sie schreiben doch selbst von 100.000 Jahren...

    Und Ihnen fällt nicht auf, dass selbst 'relativ' stabile
    wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische 60 Jahre im Vergleich dazu peanuts sind!

    Stellen Sie sich doch nurmal die letzten 100 Jahre nach
    obigen 3 Kriterien vor - da ist bei Oberfläche - nicht nur
    beim Atommüll - sondern bei den 100ten Atommeilern richtig
    was zu erwarten!

    mal so ein ganz klitzekleines Beispielchen:

    Biblis geht in die Luft - was passiert dann mit den anderen
    Atommeilern - auch in grösserem Umkreis?

    Ob da das Personal einfach mal im Meiler bleibt und steuert und und und...

    Oder ob da einige - ganz menschlich - einfach abhauen?

    Abert wir haben ja die Grossmänner ¬o. - die harren da in den Leitständen aus - wie der Kapitän der Concordia!

    wäre eine Möglichkeit, aber keine gute, weil:
    "Mars bringt verbrauchte Energie...."
    Aber Spaß beiseite. Es zeugt schon von unglaublicher Arroganz einen Zeitraum von ca. 100.000 Jahre so einfach zu besprechen. Das sind etwa 3000 Menschengenerationen. Von Christi Geburt bis heute waren es vielleicht 90!
    Ich bin dafür, daß dieser Müll oberflächennah und dezentral mit der aktuell sichersten Technik gelagert wird.
    Das Recycling von radioaktivem Müll, das dramatische Verkürzen der Halbwertszeit, sollte auf Ewig unmöglich sein?
    Warum so zögerlich?
    Peterchens Mondfahrt wurde Wirklichkeit und ist heute ein alter Hut.
    Den Müll aus der Asse zu holen und, wie oben beschrieben, zu versorgen, wird ohnehin ein gigantisches
    (??Milliarden €) Projekt.
    Es sichert dabei Arbeitsplätze auf Jahrzehnte.
    Und über das Verursacherprinzip sollte nocheinmal nachgedacht werden.

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

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