Als der Prinz von Wales und spätere König Edward VII im Jahre 1876 Indien besuchte, hatte der Maharadscha von Jaipur eine ganz besondere Idee, ihn zu ehren: Er ließ die Stadt in der traditionellen Farbe der Gastlichkeit anstreichen. Seither heißt Jaipur auch Pink City. 130 Jahre später kam man in Aurangabad, einer Stadt im rückständigen Bundesland Bihar, auf einen ähnlichen Gedanken. Diesmal sollte Pink helfen, die Kriminalitätsrate zu drücken und die Moral zu heben. Denn Pink steht auch für Harmonie und Gemeinschaftssinn. Selbst amtliche Mitteilungen werden auf rosarotes Papier gedruckt.

Jetzt ist Kalkutta dran. Dreieinhalb Jahrzehnte lang war Westbengalen politisch rot gewesen. Letztes Jahr stieß Mamata Banerjee die Kommunisten vom Thron. Seitdem ist sie Ministerpräsidentin von Westbengalen. Und nun möchte die 57-Jährige das ehemals rote Kalkutta im Sinne der indischen Farbenlehre von jeder Erinnerung an die modernen kommunistischen »Wassermelonen« (außen grün, innen rot) befreien. Durch Blau. Muss man das ernst nehmen? Wohl ja. Time Magazine zählte die »populistische Frau der Tat« im April 2012 zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit.

Eine Heerschar von Arbeitern macht sich mit blauen Farbkübeln an die Arbeit. Sie begannen mit den nunmehr rot-blauen Ziegelbauten der Polizeistationen in Kalkuttas Vororten. Straßensperren, ehemals rot-gelb, sind neuerdings blau und kaum mehr zu sehen. Die inzwischen weiß-blauen Verkehrshütchen werden regelmäßig umgefahren. An Bushaltestellen und Kiosken riecht man noch die frische Farbe.

So soll es weitergehen. Tausende Straßenlampen und -schilder, Überführungen und sämtliche Regierungsgebäude werden bald blau leuchten. Selbst die legendären Hindustan-Taxis sollen nicht verschont werden. Und die Skahid-Minar-Säule, das Wahrzeichen Kalkuttas, seit ihrer Errichtung 1848 alabasterweiß, ist zumindest in Mamata Banerjees Träumen schon ganz blau.

Das Motto der Aktion laute »The sky is the limit«, »Der Himmel ist die Grenze«. Das erklärt der Stadtentwicklungsminister Firhad Hakim der Presse. Und Kalkuttas Bürgermeister Sobhan Chatterjee begründet die Farbwahl so: »Unser Blau besänftigt das Auge, und das Weiß dazu symbolisiert Frieden und Harmonie.« Tragen nicht auch die Schwestern der von Mutter Teresa gegründeten Missionaries of Charity blau-weiße Saris?

Das blaue Kalkutta ist das größte und teuerste Stadtentwicklungsprojekt seiner Geschichte, und The Telegraph, die führende Zeitung am Ort, kommentiert ironisch: »Die richtige Farbe ist ein Meilenstein, um die Stadt sicherer, gesünder, sauberer zu machen. Ohne Zweifel wird das Blau unsere Probleme lösen.« Kalkutta hat mehr als 15 Millionen Einwohner – und reichlich Probleme.