An der Weichsel: Der Weg führt durch Regen und kleine Mutproben. © Shinji Minegishi

Ein Mann rennt durch die Gassen von Breslau , das Mobiltelefon am Ohr. Er macht den leicht verwirrten Eindruck aller Ortsfremden dieser Welt. Losgerannt ist er am Dom, immer wieder stoppt er, weiß nicht weiter, fragt ins Telefon nach dem Weg – laut, es ist wohl ein Ferngespräch. Jetzt steht er gestikulierend vor einer Kirche mit auffallend steiler Treppe. Leute kommen aus der Messe, mancher macht einen Bogen um ihn. Er rennt weiter, an einem hohen eisernen Zaun entlang, über eine Kreuzung, achtet nicht auf den Verkehr. »Gleich da«, schnauft er und dann: »Hier muss es sein.«

Er lässt das Telefon sinken, drückt die Verbindung weg, er ist am Ziel – eine struppige Baulücke, darin ein Flachbau, ein Laden für irgendetwas, geschlossen. Mamut steht polnisch auf dem Plastikbanner des Ladens. Der Mann liest es, wiederholt es halblaut, begreift endlich den Witz. »Mammut, das sind wir. Ausgestorben.« Er zieht sein Messer, schneidet einen Zweig vom nächsten Baum, die Knospen sind noch ganz klein und hart, sticht einen Schlitz in das Mammut-Banner, steckt den Zweig hinein und geht fort.

Am anderen Morgen verlassen wir Breslau in östlicher Richtung. Wir, das sind Lukas Schmid mit seiner Kamera und ich. Wir wollen von Breslau, polnisch Wrocław, bis nach Lemberg gehen, dem ukrainischen Lwiw, beides Austragungsorte der Fußball-EM. Ein Weg von rund 600 Kilometern, also von gut drei Wochen im April. Lemberg kenne ich nicht. Breslau macht mich ein bisschen nervös. Mein Vater wurde hier geboren.

Gestern am Dom bin ich Lukas weggelaufen, ich wollte allein sein mit Erinnerungen, die nicht meine sind. Der Irrläufer war ich, die Stimme aus dem Telefon war die meines Vaters. Die Orientierungsorte, die er mir nannte, sind alle noch da – die steile Treppe der Kreuzkirche, der eiserne Zaun des Botanischen Gartens. Das Ziel aber, zu dem er mich lenkte, das Haus Kreuzstraße 31, gibt es nicht mehr – ein Geisterhaus. Er lebte hier bis zum Abend des 10. Januar 1945. Da zog er die Tür hinter sich zu, um dem Einberufungsbefehl zu folgen, und kam nie wieder heim. Er hatte sich zur Marine gemeldet, um der Ostfront zu entgehen. Er war siebzehn. Marine hieß Westen, Osten hieß Untergang. Es gab eine Verabredung in der Breslauer Familie: nach dem Krieg im Harz, im Hotel von Freunden. Wer irgend konnte, floh westwärts im Frühjahr 45. Aus Gründen, die mir noch immer nicht klar sind, habe ich einen Hang, ostwärts zu gehen – jetzt wieder.

Das Polen , in das ich hinauslaufe, hat mit Geisterhäusern und historischem Spuk nichts zu tun, weil es damit nichts mehr zu tun haben will. Aus dem Gefängnis seiner Geschichte befreit, rennt es hinaus in die Zukunft. Es erinnert mich an das Deutschland meiner Jugend. Auch mein Land wollte mit den Düsternissen, die hinter ihm lagen, nichts mehr zu tun haben. Deutschland baute, als baue es um sein Leben. Reihenhäuser, Hochhäuser, Bungalow-Siedlungen, ganze Innenstädte wurden umgegraben und neu gebaut – eigentlich alles. Genau das tun heute die Polen, sie bauen wie losgelassen. Das ist der erste, der stärkste Eindruck, selbst das entlegenste Dorf bekräftigt ihn, Neubau für Neubau, Dach für Dach, Zaun für Zaun. Polen ist wie das Deutschland der Nachkriegszeit, aber mit den baulichen Mitteln und Moden von heute.

Die Polen haben eine Vorliebe für schmiedeeiserne Zäune, und ihre Ziergärten rufen: Schau mich an – nichts als Rasen! Keine Kohlköpfe mehr, keine Kartoffelbeete, die Zeichen der Hungerleiderjahre suchst du vergebens. Kapier’s endlich, Deutscher: Die Zeit der ärmlichen Selbstversorgung, sie ist hier aus und vorbei. Es lebe der Supermarkt! Es leben Audi, Mercedes, VW! Es lebe der Rasen!

Ein Traum treibt das manische Bauen an, wir Deutschen kennen ihn gut, es ist der Traum von einem neuen Leben in spurlos neuen Städten und Häusern. Polnisch ist die Liebe zum tiefroten, sattgrünen oder azurblauen Ziegeldach. Wie unter Tortenglasur leuchten diese Dächer aus jedem Dorf hervor, durch das ich gehe. So viele Märkte für Dachziegel, Zäune, Garagentore. All die schlüsselfertigen Eigenheime mit Südstaaten-Säulen, die Siedlungen aus Klon-Häusern (sie heißen wirklich so) – ich gebe es auf, sie zu zählen. Und ich weiß, auch die ländliche Gated Community, an der ich vorübergehe, ist keine Einbildung, sie ist real. Ihre Zufahrt ist lang. Wie der Weg der Polen in diese pastellfarbene, posttragische Utopie.

Feiner Regen fliegt, manchmal taumeln frühreife Weißdornblätter hinein. Die dichte Folge der Breslauer Vororte dünnt erstaunlich bald aus. Ein Horizont geht auf am Ende der Straße, ich laufe durch freies Feld, durch Wald und Wind, und als ich am anderen Morgen im schönen, seltsam menschenleeren Brieg aus dem Hotelfenster schaue, wirbeln Schneeflocken übers Kopfsteinpflaster zwischen dem Schloss schlesischer Herzöge und der Jesuitenkirche.

Zur vollen Stunde regt sich Leben, die Leute strömen zur Messe. Ich folge ihnen, suche mir einen Stehplatz bei der Tür und betrachte die Auftritte der Gläubigen. Alte Frauen, denen es Mühe bereitet, noch das Knie zu beugen, junge Frauen auf unbeherrschbar hohen Absätzen. Einfache Leute in Freizeitjacken, die neue Elite in Mantel und Hut. Ein Mann drängt herein, seinen kleinen Sohn an der Hand, er heißt ihn knien und das Kreuz schlagen wie er selbst und wie alle. Dann tut er etwas Ungewöhnliches. Er geht mit ihm durch die Menge, die ihn nicht eben freundlich mustert, ganz nach vorn, bis vor den Altar. Dort knien sie noch einmal nieder, verharren kurz, gehen den Weg zurück.