"Hamburgischer Correspondent"Journal der Epoche

Der "Hamburgische Correspondent" war einst Europas größte Zeitung – und machte Hamburg zur deutschen Pressehauptstadt. von Holger Böning

Stich von J. Wichmann: Hamburg kurz vor Beginn des 18. Jahrhunderts

Stich von J. Wichmann: Hamburg kurz vor Beginn des 18. Jahrhunderts  |  © Hulton Archive/Getty Images

Dass Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg Medienmetropole der Republik wurde und es bis heute geblieben ist, verdankt sich keinem historischen Zufall. Denn Deutschlands Pressestadt – das war Hamburg schon zweieinhalb Jahrhunderte zuvor. Es sind legendäre Zeitungen und Zeitschriften, die hier (und in der unmittelbaren Nachbarschaft) erschienen, Blätter, die Kulturgeschichte geschrieben haben: von der berühmten Wochenzeitung Der Patriot bis hin zu Matthias Claudius’ poetischem Wandsbecker Bothen.

Das bedeutendste deutsche Journal aber war der Hamburgische Correspondent, um 1800 die größte Zeitung Europas. Sie übertraf an Auflage selbst die Londoner Times und ist längst ein Mythos der Mediengeschichte geworden. Im Juni 1712, vor genau 300 Jahren, erschien ihre erste Ausgabe, damals allerdings noch unter einem etwas anderen Titel.

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Ihr Gründer hieß Hermann Heinrich Holle. Ein mutiger Aufklärer, der sich zwei Jahre zuvor als Herausgeber einer Bibel, die fünf verschiedene Übersetzungen der Heiligen Schrift bot, bereits heftig mit den protestantischen Mullahs angelegt hatte. Geboren um 1680 in Nienburg an der Weser, war Holle schließlich in den Weiler Schiffbek vor den Toren Hamburgs gezogen. Hier druckte er mit dem Privileg, das ihm der Holstein-Gottorfer Herzog Carl Friedrich erteilt hatte, nicht nur seine Bibeln, sondern gründete auch die neue Zeitung.

Hamburg galt als idealer Markt. Bereits 1618 war aus einem handgeschriebenen Blatt, das wöchentlich, im Rhythmus des Postverkehrs, an die Abonnenten versandt wurde, die erste gedruckte Zeitung der Stadt entstanden. Innerhalb weniger Jahrzehnte eroberte das neue Medium das Publikum. 1649, noch ein Jahr bevor in Leipzig die weltweit erste Tageszeitung erschien, verfügte das vom Dreißigjährigen Krieg verschont gebliebene Hamburg mit sechs jeweils an einem anderen Tag erscheinenden wöchentlichen Zeitungen über so etwas wie eine Tagespresse.

Die Lektüre wurde zum selbstverständlichen Bestandteil des Alltagslebens. Man las und diskutierte an den Zeitungsbuden und in den Kaffeehäusern. Unter den etwa 75.000 Einwohnern Hamburgs – nur Wien und Berlin waren größer, als Pressestädte aber unbedeutend – kursierten etwa 4.000 Zeitungsexemplare. Jedes Blatt fand mehrere Leser, zum halben Preis konnte man es sich auch am Zeitungsstand zu Gemüte führen. Das Publikum reichte bis in die untere Mittelschicht, alles in allem also beste Voraussetzungen für ein gutes Geschäft.

Das hatte auch Holle begriffen. Am 22. Juni 1712 erscheint in Schiffbek unter dem Titel Aviso. Der Hollsteinische unpartheyische Correspondente Durch Europa und andere Teile der Welt sein neues Blatt. Tatsächlich ist es ein eher dürftiges Blättchen.

Und doch zeigt es bald seine Stärken. Denn der Correspondent ist von der zeitraubenden Vorzensur befreit, ein entscheidender Vorteil, der seinen Ruf als besonders aktuelles Blatt mitbegründet. Während der Schiffbeker Zeit erreicht er bereits eine Auflage von 2.000 Exemplaren; in der Holleschen Druckerei sind 28 Gesellen beschäftigt.

Ende 1730 wagt Holle den Sprung nach Hamburg, und am 2. Januar 1731 erscheint das Blatt erstmals als Stats- u. Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten, wie der berühmte Titel in barocker Vollständigkeit lautet. Der Geschäftsort befindet sich nun »neben der Börse aufm Eck von der Bohnenstraße, allwo das Schild der Buchdruckerey aushänget«.

Zugleich übergibt der gesundheitlich angeschlagene Holle das Unternehmen an seinen 1695 in Hamburg geborenen Schwiegersohn Georg Christian Grund, der den Betrieb bald zum erfolgreichsten Hamburger Verlag für Periodika entwickelt. Die Übergabe ist mit einem Vertrag verbunden, der erhalten blieb – ein Glücksfall für uns heute, verrät dieser doch, dass die Zeitung 1730 eine Auflage von etwa 1.650 Exemplaren hat und den Produktionskosten von 2.352 Mark 6.552 Mark an Einnahmen gegenüberstehen. Ein einträgliches Geschäft. Von dem Gewinn hätte man jedes Jahr zwei ansehnliche Hamburger Wohnhäuser kaufen können.

Unter den Produktionskosten schlagen Satz und Druck mit je etwa 260 Mark jährlich zu Buche, das Papier kostet etwa 560 Mark. Tinte, Heizung, Licht und Ähnliches sind mit 104 Mark in Anschlag gebracht, der Vertrieb, also das Austragen der Zeitung und Botendienste, mit 100 Mark, das neue Druckprivileg durch den Rat mit 300 Mark. Die Redaktion verursacht Kosten von 400 Mark, die Korrespondenten 312 Mark und etwa 50 Freiabonnements, mithin also etwa ein Drittel der Gesamtkosten. Ein Abonnement ist fast das ganze Jahrhundert für 6 Mark jährlich zu haben – eine Tonne Bier kostet 4, der Eintritt in ein Konzert des Hamburger Director musices und Starkomponisten Georg Philipp Telemann 1 Mark.

Die Anzeigenerlöse spielen noch keine Rolle. Es gibt Inserate des Buchhandels, außerdem wird für Wunderarzneien aller Art geworben. 1789 erscheinen erste Todesanzeigen, später auch andere Familienannoncen, wie 1797 die Mitteilung jener Dame, die kundgibt, dass sie ihren Gemahl wegen schlechter Behandlung verlassen habe.

Leserkommentare
  1. Es wäre mal wieder Zeit dafür.

    PS: "protestantischen Mullahs" [klickt "Gefällt mir"-Button]

    3 Leserempfehlungen
  2. 2. Danke

    Ein sehr interessanter Artikel. Gute Redakteure wünscht man sich noch heute in der Presse - da sind umgeschriebene DPA Meldungen nur ein armer Ersatz.

    Unklar war mir allerdings, was Herr Böning mit "Protestantischen Mullahs" meint,spricht er von der Lutherischen Orthodoxie um Johann Melchior Goeze? Denn eigentlich hat Holle etwas ur-Protestantisches gemacht. Die Bibel dem Volk näher gebracht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Goeze, der einer der wichtigsten Gegner der Aufklärung war?

    Der über den Lessing seinen "Anti-Goeze" verfasste?

    Der Goethes "Werthers Leiden" kritisierte?

    Klingt doch sehr nach einem "Mullah".

  3. 3. Goeze?

    Der Goeze, der einer der wichtigsten Gegner der Aufklärung war?

    Der über den Lessing seinen "Anti-Goeze" verfasste?

    Der Goethes "Werthers Leiden" kritisierte?

    Klingt doch sehr nach einem "Mullah".

    Antwort auf "Danke"
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    Genau das war ja meien Frage, ob der Autor die Lutherischen Orthodoxen wie Johann Melchior Goeze als protestantische Mullahs bezeichnet.

    • konne
    • 18. Juni 2012 1:16 Uhr

    Ein sehr schöner aufschlussreicher Artikel. Vielen Dank

  4. Genau das war ja meien Frage, ob der Autor die Lutherischen Orthodoxen wie Johann Melchior Goeze als protestantische Mullahs bezeichnet.

    Antwort auf "Goeze?"
  5. ("von 1811 bis 1813 erscheint das Blatt [...]
    Damit ging die große Epoche der Zeitung zu Ende, und so ganz sollte sich der Correspondent von dieser Zäsur nicht mehr erholen. Dennoch blieb er, trotz all der neuen Konkurrenz, die im Laufe des 19. Jahrhunderts in Leipzig und Berlin, in Frankfurt am Main und in München heranwuchs, ein wichtiges Blatt, das 1912 seinen 200. Geburtstag feiern konnte.")

    Und exakt wegen dieser länger zurückliegenden Blütezeit dieses Blattes soll, wie im Einstieg behauptet, Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg Sitz von bedeutenden Medien gemacht worden sein?

    Da hätten die Briten ja gleich Wolfenbüttel nehmen können, wegen des "Aviso" von 1609.

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