Noch nie hatte ein deutscher Regierungschef so viel Macht, nicht einmal Bismarck – jedenfalls, wenn man CNN-Kommentatoren wie David Frum glauben will. Der fantasiert, Angela Merkel werde Barack Obama die Wiederwahl vermasseln, wenn sie sich mit ihrem Geiz weiter gegen die Rettung des Euro stemmt und so den Wiederaufstieg der US-Wirtschaft vereitelt .

In der Financial Times kreiden der professionelle Schwarzseher Nouriel Roubini und der Historiker Niall Ferguson der Kanzlerin Schlimmeres an. Es sei "fünf vor zwölf", und die Deutschen sollten sich daran erinnern, was sie in der Finanzkrise 1931 ff. mit der Brüningschen Sparpolitik angerichtet hätten: den "Zusammenbruch der Demokratie im eigenen Land sowie in Europa ". Obama und seine Hintersassen sagen es etwas höflicher: An Deutschland hänge das Schicksal Europas , der westlichen Welt. Am deutschen Wesen genesen, mal andersherum.

Hübsches Kompliment, aber schlampige Geschichtsschreibung. Totalitäre und Autoritäre siegten in Russland , Osteuropa und Italien in den "Goldenen Zwanzigern". Heute droht kein Stalin, kein Hitler. Wenn es zum Umschwung kommt, dann trägt er das Gesicht eines François Hollande, also das der demokratischen Linken .

Völlig daneben liegen die Merkel-Basher mit dem Feindbild der austerity. Welche meinen sie eigentlich, wenn sie Merkel mit Heinrich Brüning (1930 bis 1932) gleichsetzen? Der hat tatsächlich das Letzte aus dem Haushalt herausgequetscht – die Ausgaben um ein Drittel gekürzt, die Neuverschuldung auf fast null gestaucht. Doch seit 2008 hat der Westen Billionen springen lassen.

Überall, auch in Deutschland, schoss das deficit spending hoch, am stärksten in Amerika und England, die damit an ihrer Arbeitslosigkeit kaum rütteln konnten. In den frühen Dreißigern haben die Zentralbanken die Geldmenge brutal verknappt, heute haben Fed und EZB Liquidität im Wert von etwa zwei Billionen Euro in den Kreislauf gepumpt. Überall im Westen sind die Zinsen auf einem historischen Tiefpunkt .

Welche austerity? In den Euro-Krisenstaaten bewegt sich das Defizit zwischen 4 und 13 Prozent der Wirtschaftsleistung – gewiss nicht ganz freiwillig, weil im Abschwung die staatlichen Einnahmen sinken, die Ausgaben steigen. Aber auch in Frankreich und den Niederlanden klafft ein Defizit von rund fünf Prozent. Brüning hätte hier mit einem ganzen Dutzend Notverordnungen zugeschlagen. Außer den Finnen sind nur die Deutschen brav, jetzt mit einem Defizit von einem Prozent. Und das ist ihr Verhängnis.

Der Klassenbeste möge doch aufhören, den Streber zu geben, singt der aufbrausende Chor. Er soll abschreiben lassen, aber keinen Nachhilfeunterricht im richtigen Wirtschaften geben. Er soll für die Schulden der Klassenkameraden geradestehen – das ist der Sinn der Bankenunion. Er soll ihnen die weitere Verschuldung durch Euro-Bonds erleichtern, die einen niedrigeren Zinssatz hätten, weil die Starken bürgen würden. Aber es gibt nur noch einen, und der heißt Deutschland. Schließlich sollen die hiesigen Löhne schneller steigen als die Produktivität, um so Konsum und Import zu steigern. Das nannte man früher "Lohninflation", das Gegenteil von Wettbewerbsfähigkeit. Oder: Wir einigen uns alle auf ein Vierer-Abitur.