Vor dem großen Krach leben viele im Kaiserreich Österreich in Saus und Braus. Während Napoleon halb Europa unterwirft, schwelgt die Habsburgermonarchie im Glück. Mährische Bauern zünden ihre Pfeifen mit Geldscheinen an. Kleine Dorfkrämer protzen wie vermögende Kaufleute. Sogar Bäckergemahlinnen würden mehr »Preziosen als so manche Hofratsgattin« tragen, heißt es in einem Bericht aus Olmütz. Das Geschäft blüht – nicht zuletzt wegen der Kriegskonjunktur. In Wien eröffnen 1808 die Apollosäle, ein Vergnügungszentrum, wie es Europa noch nicht gesehen hat. Kaiserin Maria Ludovica gab den verschwenderischen Auftrag, eine Reihe »exotischer Gemächer« in der Hofburg einzurichten.

Doch der Wohlstand währt nur kurz. Auf den Aufschwung folgt die Niederlage. Wien wird 1809 von Napoleon belagert und besetzt. Der Frieden von Schönbrunn raubt den Habsburgern die ökonomische Basis ihres Reiches, zwei Jahre später ist der Staat bankrott. Nicht zum ersten und letzten Mal in seiner Geschichte. Die Dynastie der Habsburger war berüchtigt für ihre Pleiten und regelmäßig zahlungsunfähig.

Eine existenzbedrohende Finanzkrise, wie sie heute Griechenland vor seiner Schicksalswahl am Sonntag erschüttert, gehörte jahrhundertelang zur Normalität des österreichischen Herrscherhauses und seiner Nachfolger in der kleinen Republik. Allein die spanische Linie der Habsburger musste von 1557 bis 1700 sechsmal einen Zahlungsausfall verkünden, rechnen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in ihrem Buch Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen (FinanzBuch Verlag 2011) vor. Die Wiener Habsburger gerieten im Verlauf des 19. Jahrhunderts sogar fünfmal in Zahlungsschwierigkeiten – Griechenland hingegen lediglich viermal.

In früheren Jahrhunderten waren Staatspleiten für die Menschen allerdings kaum spürbar: Zu klein war die Steuerbelastung, zu gering der Anteil des Staates an der Wirtschaft. »Die Staatsbankrotte der frühen Neuzeit waren leicht zu bewältigen«, sagt Roman Sandgruber, Wirtschaftshistoriker an der Universität Linz. »Der gewöhnliche Untertan bemerkte davon kaum etwas.« Das änderte sich jedoch mit dem Erstarken der territorialen Flächenstaaten und dem steigenden Finanzbedarf eines zentralisierten Verwaltungsapparates.

Als Erste griff Maria Theresia in Wien auf Staatsanleihen zurück, um frisches Geld zur Absicherung ihrer Herrschaft aufzutreiben, ihr Sohn Joseph II. finanzierte seine Reformpolitik vornehmlich mit geborgtem Geld. Noten- und Zettelschulden sowie von 1762 an die Ausgabe von Papiergeld sollten den Schuldenberg wieder abtragen. Mit Beginn der Napoleonischen Kriege explodierte dann die Geldausgabe. Der zunächst einsetzende Aufschwung war jedoch eine Schimäre, getragen von einer noch nie da gewesenen Inflation. Der Bankrott von 1811 war somit unvermeidbar. Selbst die Kaiserfamilie konnte ihre Rechnungen nicht mehr begleichen: Der Wiener Vergolder Kolb beispielsweise, der die Prunkgemächer der Kaiserin in Glanz hüllte, blieb auf seinen Forderungen sitzen und war ruiniert.

Die Folgen der Staatspleite drückten schwer: Nur zu Wucherzinsen waren Kredite zu bekommen, das Minus im Haushalt überstieg die Einnahmen fast um das Doppelte. Die Lösung schien die Gründung einer »unabhängigen« Nationalbank mit dem Monopol für den Gelddruck. Doch gleich nach deren Eröffnung am 1. Juni 1816 wurden die Schalter in der Wiener Singerstraße gestürmt. Niemand traute mehr den Banknoten, alle wollten Münzen aus Edelmetall – die Polizei musste ausrücken, um die Massen in Schach zu halten. Spekulanten kauften Papiergeld zu Schleuderpreisen und hofften, die Regierung werde den Kurs stützen. Zu ruinösen Bedingungen musste diese eine Auslandsanleihe aufnehmen. Erneut stand das Land mit leeren Kassen da.

Die marode Budgetlage im 19. Jahrhundert hatte viele Gründe. Die meisten der vielen Kriege endeten in Niederlagen und waren ein Verlustgeschäft. Die inneren Konflikte im Vielvölkerstaat waren ebenso teuer wie der feudale Anspruch, trotz schwindender Macht im Konzert der Weltmächte weiterhin mitzuspielen.

Mit »aller G’walt« – so übersetzte der Volksmund den kaiserlichen Wahlspruch Viribus unitis – ging der junge Franz Joseph nach der Revolution von 1848 gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Italiener vor. Doch nach der Niederlage von Solferino und dem Verlust der reichen Lombardei stand die Monarchie 1859 erneut vor dem Bankrott. Die Rothschilds, schon geübt darin, Löcher in der Staatskasse zu stopfen, erkauften dem Kaiser mit Staatsanleihen im Wert von 25 Millionen Gulden etwas Zeit. Und die Finanzmärkte bekamen, was sie wollten: Neue Gesetze, eine Verfassung, ein Parlament – und eine Verwaltung, die zur Kontrolle der Staatsausgaben taugte.