Bildung in Österreich : Reformerin ohne Fortune

Die Verschiebung der Zentralmatura ist eine Blamage für die Unterrichtsministerin. Lehrer wurden zu wenig auf ihre neue Rolle vorbereitet.
Die österreichische Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) © Lisi Niesner/Reuters

Wenn es in der Koalition um die Schule geht, prallen unvereinbare Weltanschauungen und Interessen aufeinander. Nur einmal zeigte sich das seltene Bild großkoalitionärer Einigkeit: als 2009 die Einführung der Zentralmatura beschlossen wurde. Die Reformbedürftigkeit der Reifeprüfung stand außer Streit. Zu offensichtlich waren die Mängel der alten Matura, insbesondere das von Schule zu Schule variierende Anspruchs- und Leistungsniveau. Trotzdem bescherte das Reformprojekt Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) eine blamable Niederlage: Sie muss nun ihr Vorhaben auf die lange Bank schieben.

Europaweit hatte der im Jahr 2000 begonnene Schulleistungsvergleich Pisa eine Welle von Maßnahmen zur Standardisierung von Schulleistungen ausgelöst. In vielen Ländern wurden an kritischen Zäsuren der Schullaufbahn die herkömmlichen Beurteilungen durch objektive Leistungstests ersetzt. Mehrere deutsche Bundesländer hatten das Zentralabitur eingeführt, das in Bayern und Baden-Württemberg schon seit nahezu 60 Jahren Standard war.

Das sollte nun auch in Österreich passieren. Im Jahr 2008 wurde mit großem Aufwand das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des Schulwesens (Bifie) in Salzburg etabliert, das wie viele vergleichbare nationale Innovations- und Evaluationsagenturen in anderen OECD-Ländern als »Leitstelle für effektive Reformen« fungieren sollte. Und schließlich hält sich die geplante »Zentralisierung« der Matura durchaus in Grenzen: Nur für die schriftlichen Klausuren in Mathematik, Deutsch und moderner Fremdsprache erstellt das Bifie zentral standardisierte Aufgaben. Die mündlichen Prüfungen werden weiterhin von den Lehrern gestaltet, um den spezifischen Lehrplanschwerpunkten der Schulen Rechnung zu tragen. Auch die dritte Säule der Matura, die »vorwissenschaftliche Arbeit«, lässt Raum für die individuellen Interessen und Begabungen der Schüler. Wie konnte es angesichts einer solchen Win-win -Situation zum peinlichen Desaster kommen?

Karl Heinz Gruber

Der Autor lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien und ist zurzeit Research Fellow an der Universität Oxford.

Wie es scheint, haben Unterrichtsministerium und Bifie die österreichische Seele fehl eingeschätzt. Die Abneigung gegen jegliche Veränderung wird im Fall der neuen Matura durch das Unbehagen gegenüber objektiven Tests verstärkt. Was die Lehrer nunmehr zu ahnen beginnen, worauf sie jedoch Ministerium und Bifie längst hätten vorbereiten müssen, ist der mit der Zentralisierung einhergehende Wandel ihrer Rolle: Ein erheblicher Teil der Verfügungsmacht über Lehrplan, Unterrichtsgestaltung und Leistungsbeurteilung wandert an das Bifie. Was bisher mit pädagogischem Augenmaß schulintern geregelt wurde, soll künftig der Kontrolle von außen unterliegen. Stärker als bisher werden Lehrer und Schüler auf dem Prüfstand stehen. Wenn eine ganze Maturaklasse schlecht abschneidet, wird der Pädagoge unter großen Legitimationsdruck geraten.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Sooo typisch für Österreich

Als Deutscher, der seit vielen Jahren in Österreich ansässig ist, bin ich immer wieder verwundert darüber, wie sehr die Volksseele effizienten Lösungen oder politisch korrekten Handlungen entgegensteht.
Aber das ist durchaus auch liebenswert - einfach dadurch, dass es menschlich ist. Es ist ungerechter, aber authentischer. Es ist eigensinnig und von Persönlichkeit geprägt. Manchmal läuft's unter'm Strich mit weniger Perfektionismus und dem daraus entstehendem Erwartungsdruck sogar besser - oder zumindest lebenswerter.