AppleFluchen verboten

Der Computerhersteller Apple zensiert bei Musikstücken anstößige Texte und ersetzt sie durch "gesäuberte" Versionen, auch in Deutschland. Der Nutzer erfährt davon nichts.

Etwa eine Woche ist es her, dass Linus Schmelzer sein iPhone zückte, um diesen einen Song zu hören. Doch irgendwie war »Make Some Noise« von den Beastie Boys, einer New Yorker Hip-Hop-Band, nicht mehr das, was es einmal war. Er hörte genauer hin – und stellte fest: Der Text war gesäubert worden. »We gonna party for the motherfucking right to fight«, heißt es bei den Beastie Boys, aber nun fehlte plötzlich das Wort motherfucking, es war durch ein lautes Kratzgeräusch unhörbar gemacht worden. Ebenso, in einer anderen Zeile, der Vulgärausdruck bitching.

Der Saubermann vom Dienst, das stellte sich bald heraus, war der Hersteller des iPhones: die Firma Apple in Kalifornien.

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Im Dezember 2011 hatte Schmelzer den Dienst iTunes Match für seine Apple-Computer und sein iPhone abonniert. Er fand das Angebot ziemlich nützlich: Man bezahlt 24,99 Euro im Jahr, und dann durchsucht Match die komplette Musikbibliothek eines Kunden nach Titeln. Auch nach solchen, die nicht über iTunes bezogen wurden, die also beispielsweise von CDs überspielt, von Drittanbietern gekauft oder sogar im Internet illegal heruntergeladen wurden. Alle diese Titel stehen fortan auf allen Apple-Geräten des Kunden zur Verfügung. Sie werden automatisch und kabellos synchronisiert.

Zu diesem Zweck werden die Musikdateien aber von Apple durch diejenigen ersetzt, die sich im iTunes-Laden befinden. Häufig ist das eine gute Sache, denn die Tonqualität der dortigen Aufnahmen ist meist besser als die aus dem Netz kopierter Dateien.

In den puritanischen USA ist es aber schon lange üblich, »nicht jugendfreie« Texte nach strikten Moralrichtlinien zu verändern und Vulgärsprache durch höflichere Varianten zu ersetzen. Erst dann können solche Songs in Radio und Fernsehen laufen. Wer aber das Original des Künstlers hören will, muss sogenannte Explicit-Dateien kaufen, die dementsprechend benannt sind. Linus Schmelzer, der das Beastie-Boys-Album vor Jahren im Netz gekauft und heruntergeladen hatte, bezahlte genau dafür: Für die Explicit-Version, also mit Schimpfwörtern.

Doch als der Dienst Match in Aktion trat, wurde Schmelzer nicht gefragt, ob er künftig weiterhin die Explicit-Variante hören wolle oder die saubere Version. Er wurde auf keine Veränderungen hingewiesen. Die Titel wurden einfach geändert.

Bruno Kramm überrascht das wenig. »Das ist doch typische Apple-Policy«, wettert der Bundes-Urheberrechtsbeauftragte der Piratenpartei. »Und eine schreckliche Art und Weise, Kultur zu verstümmeln«, setzt er hinzu. Da werde Kultur zensiert, das Urheberrecht verletzt und der Nutzer entmündigt.

Und tatsächlich reiht sich der aktuelle Fall in eine längere Zensurliste durch Apple ein. Im Juni 2010 wurde der Künstler Rob Berry von dem Weltkonzern angehalten, sich für die Nacktzeichnungen in seinem James-Joyce-Comic Ulysses Seen eine Alternative zu überlegen. Ein Feigenblatt über dem Penis?, fragte Berry. Nein, sagte Apple. Man wolle keine Nackten zeigen. Ähnliches widerfuhr den Künstlern eines Oscar-Wilde-Comics. Ein schwules, sich küssendes Pärchen? No way, hieß es. Nach zahlreichen Protesten knickte Apple doch ein, beide Comicversionen sind heute unzensiert zu haben.

Erst im Mai fiel die App, ein Handyprogramm, zur Münchener Pinakothek-Ausstellung Frauen – Picasso, Beckmann, de Kooning dem Brustverbot aus Kalifornien zum Opfer: Der Kunst-App-Hersteller Antenna International sollte Beckmanns nackte Schlafende aus den Bildern entfernen, die das Produkt bei iTunes bewerben. Erst danach stellte Apple die App wieder online.

Der Pressesprecher von Apple Deutschland, Georg Albrecht, möchte all diese Fälle nicht kommentieren. Er sagt aber zu den veränderten Versionen bei Match: »Wenn für das Problem schon eine Lösung gefunden worden wäre, hätten wir das sicher mitbekommen.« Was genau Apple da für »das Problem« hält, ob man die Zensur an sich problematisch findet oder die Sache eher für einen technischen Fehler hält, erklärt der Sprecher nicht.

Zeit genug, sich damit auseinanderzusetzen, hätte Apple gehabt. In den USA wurde bereits im Februar dieses Jahres das unfreiwillige Säubern von Dateien bei iTunes Match zum Thema: Ein Leser der Seite 9to5mac.com gab an, er habe Apple-Manager Eddy Cue per E-Mail über das Problem informiert – und von seinem Mitarbeiter die Nachricht erhalten: Man arbeite an einer Lösung.

Linus Schmelzer hatte noch Glück: Auf einer externen Festplatte waren die entsprechenden Songs in seiner Musiksammlung noch gespeichert. Er stellte von Hand die Originalversionen wieder her. Mit allen motherfuckings und bitchings, die die Beastie Boys eben getextet haben.

 
Leserkommentare
  1. Hoffenltlich säubert man auch bald alle Text von bösen wörtern oder wörtern dia man falsch verstehen könnte.

    ( SATIRE )
    --------------------------------------------------------------

    Man hatte schon vorher darauf hingewisen das die Rechte auf Änderung alleine bei der Company liegen und das das ein Problem ist.

    Aber man hatte damals auch immer Argumentiert im Netz das es ja niemanl zu solchen seltsamen Zensuren kommen würde. Nun merkt man das es zu Zensur kommt wenn die REchte dafür vorligen.

  2. Also ich frage mich manchmal ob es "Die Zeit" nötig hat solche Artikel zu verfassen.

    Apple hat so ein System als erstes Unternehmen hoch gezogen, und natürlich gibt es dort noch ein paar Schwachstellen.

    Aber was soll dieses "Lied ist plötzlicht zensiert"?? Die Version gibt es im iTunes Store, der von Apple betrieben wird.

    Der aktuelle Algorithmus zum Datenabgleich berücksichtigt solche Eigenschaften eben noch nicht. Eine E-Mail an Apple, die arbeiten daran, fertig.
    Das hat nicht im Geringsten damit zu tun dass Apple irgendwelche "Kraftausdrücke" zensieren will. Sie bieten doch lediglich eine Verkaufsplattform.

    Es gibt sicherlich Punkte über die man diskutieren kann, aber ist das Sommerloch schon so groß dass es so einen Artikel Wert ist?

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    Also ich frage mich manchmal, ob die apple-fanboys es nötig haben, selbst größten Mängel an Produkten oder Service der Firma schönzureden.

    Natürlich ist das Lied zensiert. Plötzlich vielleicht nur für den nichtsahnenden "Match"-Nutzer, aber zensiert trifft doch auf jeden Fall zu. Und warum sollte jemand, der eine selbstgeripte Version hat, vorher die itunes-Variante hören. Damit rechnen, daß apple die eigenen Dateien gegen verstümmelte austauscht mußte er wohl nicht.
    Ich denke, daß viele, die diesen Service von apple nutzen oder erwägen es zu tun, den Artikel nützlich und informativ fanden und jetzt zumindest backups ihrer Musikdateien anlegen. Von daher überhaupt kein Sommerloch-Thema.

    Ihre Schönrednerei, es handle sich ja nur um einen neuen, tollen und einzigartigen Service der besten Firma aller Zeiten, der nur noch nicht so ganz perfekt sei, trifft dabei nicht den Kern: das erwähnte Beispiel mit Zensur von Comics und selbst von Gemälde-Abbildungen zeigt, daß das Vorgehen von apple Methode hat und eine Verbesserung da eher nicht zu erwarten ist. Auch von daher ein sehr interessanter Artikel, der einem warnend vor Augen hält, was passieren kann, wenn unser Kulturleben einmal in die Hand von Großkonzernen gefallen ist.

    Also ich frage mich manchmal, ob die apple-fanboys es nötig haben, selbst größten Mängel an Produkten oder Service der Firma schönzureden.

    Natürlich ist das Lied zensiert. Plötzlich vielleicht nur für den nichtsahnenden "Match"-Nutzer, aber zensiert trifft doch auf jeden Fall zu. Und warum sollte jemand, der eine selbstgeripte Version hat, vorher die itunes-Variante hören. Damit rechnen, daß apple die eigenen Dateien gegen verstümmelte austauscht mußte er wohl nicht.
    Ich denke, daß viele, die diesen Service von apple nutzen oder erwägen es zu tun, den Artikel nützlich und informativ fanden und jetzt zumindest backups ihrer Musikdateien anlegen. Von daher überhaupt kein Sommerloch-Thema.

    Ihre Schönrednerei, es handle sich ja nur um einen neuen, tollen und einzigartigen Service der besten Firma aller Zeiten, der nur noch nicht so ganz perfekt sei, trifft dabei nicht den Kern: das erwähnte Beispiel mit Zensur von Comics und selbst von Gemälde-Abbildungen zeigt, daß das Vorgehen von apple Methode hat und eine Verbesserung da eher nicht zu erwarten ist. Auch von daher ein sehr interessanter Artikel, der einem warnend vor Augen hält, was passieren kann, wenn unser Kulturleben einmal in die Hand von Großkonzernen gefallen ist.

  3. Also ich frage mich manchmal, ob die apple-fanboys es nötig haben, selbst größten Mängel an Produkten oder Service der Firma schönzureden.

    Natürlich ist das Lied zensiert. Plötzlich vielleicht nur für den nichtsahnenden "Match"-Nutzer, aber zensiert trifft doch auf jeden Fall zu. Und warum sollte jemand, der eine selbstgeripte Version hat, vorher die itunes-Variante hören. Damit rechnen, daß apple die eigenen Dateien gegen verstümmelte austauscht mußte er wohl nicht.
    Ich denke, daß viele, die diesen Service von apple nutzen oder erwägen es zu tun, den Artikel nützlich und informativ fanden und jetzt zumindest backups ihrer Musikdateien anlegen. Von daher überhaupt kein Sommerloch-Thema.

    Ihre Schönrednerei, es handle sich ja nur um einen neuen, tollen und einzigartigen Service der besten Firma aller Zeiten, der nur noch nicht so ganz perfekt sei, trifft dabei nicht den Kern: das erwähnte Beispiel mit Zensur von Comics und selbst von Gemälde-Abbildungen zeigt, daß das Vorgehen von apple Methode hat und eine Verbesserung da eher nicht zu erwarten ist. Auch von daher ein sehr interessanter Artikel, der einem warnend vor Augen hält, was passieren kann, wenn unser Kulturleben einmal in die Hand von Großkonzernen gefallen ist.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zweifel an Niveau"
  4. Wenn Amerikaner in Europa unterwegs sind, dann kennen sie keine Moral, wie ich das schon an verschiedenen stellen sehen konnte! Besonders lustig war es mal vor ein paar Jahren in den Niederlanden, wo ich Freunde besuchte, wir campten auf einer Wiese, eines Bekannten, schräg gegenüber gab es einen Sexshop in dem nur Tierpornos verkauft wurden, und hauptsächlich Amerikaner, ganze Busladungen stümrmten regelmäßig den Laden! Schöne Moral! Bäh!

  5. Ich würde mit niemals Apple kaufen, denn es stört mich schon, das man an deren Computer kaum was anschließen kann und nur eigene Programme laufen! UND, das man am I-Phone den Akku nicht rausnehmen und ihn gegen einen neuen austauschen kann! Die produzieren das Phone für ein paar Dollar und plündern dann ihre Kunden über überzogene Preise aus! Ba Pfui!

    Eine Leserempfehlung
  6. 6. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie ihre Kritik sachlich und argumentativ. Danke, die Redaktion/jp

  7. Wer sich für weitere Details zu iTunes Match interessiert, für den ist vielleicht nachstehender Link interessant. Ich habe ein sehr ausführliches FAQ zu iTunes Match erstellt, welches auch diese Problematik der "Zensur" am Rande streift.
    http://www.unmus.de/itune...

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