Beach BoysBetreutes Singen

Neues Album, neue Tour, alter Sound: Die Beach Boys begehen feierlich ihr 50. Bandjubiläum. Ein Besuch bei fünf Veteranen, die der kalifornische Traum nie losgelassen hat. von 

Die Beach Boys heute (von links nach rechts): Bruce Johnston (68), Brian Wilson (70), Mike Love (71), Al Jardine (69), David Marks (65)

Die Beach Boys heute (von links nach rechts): Bruce Johnston (68), Brian Wilson (70), Mike Love (71), Al Jardine (69), David Marks (65)  |  © Guy Webster

Mein Gott, Brian Wilson, das ist er also, in voller Montur und Leibesfülle. Er muss es sein, denn auf der Stelle entsteht jenes Gedränge, das den öffentlichen Auftritt berühmter Personen begleitet und von einem Pulk an Begleitern routiniert in geregelte Bahnen geleitet wird. So weit, so gewöhnlich, allein, was wirkt er so gehetzt?

Brian Wilson: Man weiß so viel über ihn oder glaubt, es zu wissen, aus einem der zahlreichen Bücher, die im Lauf der Jahre über die Beach Boys geschrieben wurden. Sie handeln vom Surfen unter kalifornischer Sonne, von verhängnisvollen LSD-Trips und vom Sandkasten, in den er seinen Flügel gesetzt hatte, um daheim beim Komponieren den Strand an den Füßen zu spüren. Wo er auch hinkommt, die eigene Legende eilt ihm immer schon voraus. Das Irre daran: Wenn der echte Brian Wilson den Raum betritt, sackt das alles erst einmal in sich zusammen, und die Reaktion ist schlicht – Bestürzung.

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Vielleicht wäre er auf der Straße nicht weiter aufgefallen, ein komischer Typ in ausgeleierten Jogginghosen. Hier aber, im Backstagebereich der Mehrzweckhalle, die sich stolz Westchester County Community Center nennt, fällt er schon deswegen auf, weil er so wenig auffallen will. Ängstlich duckt er sich unter den Blicken hinweg. Folgsam wie ein Kind lässt er sich von seiner Entourage eine Art Hawaiihemd reichen. Und jetzt zieht er auch noch das T-Shirt über den Kopf… Man will beschämt den Blick abwenden und muss doch hinschauen: Dieser Mann ist ein Wal, gestrandet an den Ufern einer Gegenwart, deren Gesetze er nicht versteht. Doch selbst Gestrandete kehren heute wieder.

Zu ihrem 50. Jubiläum sind die Beach Boys nicht nur wieder da, sie spendieren ihren Fans und sich selbst noch einmal das volle Programm. Spektakulärster Teil der Großoffensive ist eine Tournee, die sämtliche noch lebenden, einander nicht immer nur in Freundschaft zugetanen Bandmitglieder auf der Bühne vereint, rund um die Welt führt und im August für ein paar Termine auch in Deutschland Station machen wird. Zur Einstimmung gibt es ein brandneues Album, soeben erschienen und doch ganz dem Sound von damals verpflichtet. Hymnen auf Strände, Mädchen und schnelle Autos – mit That’s Why God Made The Radio demonstrieren die Beach Boys noch einmal, wo ihr Platz in der Schöpfungsgeschichte des Pop ist: am Steuer eines Wagens, dessen Sender unsterbliche Hits spielt.

Das allein wäre nichts Ungewöhnliches. Alle machen es so, vom daueragilen Beatles-Nachlassverwalter Paul McCartney bis hin zu den gerade ihr halbes Jahrhundert als Liveband begehenden Rolling Stones. Der Pop unserer Tage besteht mittlerweile zu einem beträchtlichen Teil aus Jubiläen und anderen Festivitäten zum Zwecke des Nachweises, dass gerade die Großen von einst es noch immer können. Während die Beatles allerdings aufgrund ihres frühen Dahinscheidens ewig jung bleiben werden und das Altern bei den Stones ein Dehydrierungsprozess ist, der ihnen das Aussehen prähistorischer Echsen verleiht, hat die Geschichte im Fall der Beach Boys einen Widerspruch eigener Art hervorgetrieben: Bei keiner Band der Gründerjahre klaffen Mythos und Performance so weit auseinander. Im Lichtbild kalifornischer Jugend sind sie inzwischen selbst der größte Störfaktor.

Eine Band mit Leichen im Keller

Es sind keine Strandjungs, sondern Strandgroßväter, die an diesem verregneten Nachmittag der Reihe nach in der Garderobe des 40 Meilen nördlich von New York gelegenen Westchester County Community Center eintrudeln, um kurz vor Showbeginn noch eben schnell ein Interview zu geben. Al Jardine: ein Männchen mit der Ausstrahlung eines pensionierten Mathematiklehrers. Bruce Johnston, der Brian Wilson auf Tour ersetzte, als dieser sich in den Nebel psychedelischer Drogen zurückzuziehen begann: ein polternder Kumpeltyp. Der ältere Herr in seinem Schlepptau muss David Marks sein, und direkt gegenüber von Brian nimmt Cousin und Konkurrent Mike Love Platz. Nicht mehr dabei sein können aus naheliegenden Gründen Carl und Dennis Wilson: Der eine starb 1998 an Krebs, Letzterer kam schon 15 Jahre zuvor bei einem mysteriösen Tauchunfall ums Leben. Die Beach Boys: eine Band mit Leichen im Keller. Doch davon wollen die Überlebenden nichts wissen.

Leserkommentare
  1. Die Bildunterschrift stimmt nicht. Sie müsste lauten "Die Beach Boys heute (von links nach rechts): Bruce Johnston (68), Brian Wilson (70), Mike Love (71), Al Jardine (69), David Marks (65)". Peinlich!

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