Mein Gott, Brian Wilson , das ist er also, in voller Montur und Leibesfülle. Er muss es sein, denn auf der Stelle entsteht jenes Gedränge, das den öffentlichen Auftritt berühmter Personen begleitet und von einem Pulk an Begleitern routiniert in geregelte Bahnen geleitet wird. So weit, so gewöhnlich, allein, was wirkt er so gehetzt?

Brian Wilson: Man weiß so viel über ihn oder glaubt, es zu wissen, aus einem der zahlreichen Bücher, die im Lauf der Jahre über die Beach Boys geschrieben wurden. Sie handeln vom Surfen unter kalifornischer Sonne, von verhängnisvollen LSD-Trips und vom Sandkasten, in den er seinen Flügel gesetzt hatte, um daheim beim Komponieren den Strand an den Füßen zu spüren. Wo er auch hinkommt, die eigene Legende eilt ihm immer schon voraus. Das Irre daran: Wenn der echte Brian Wilson den Raum betritt, sackt das alles erst einmal in sich zusammen, und die Reaktion ist schlicht – Bestürzung.

Vielleicht wäre er auf der Straße nicht weiter aufgefallen, ein komischer Typ in ausgeleierten Jogginghosen. Hier aber, im Backstagebereich der Mehrzweckhalle, die sich stolz Westchester County Community Center nennt, fällt er schon deswegen auf, weil er so wenig auffallen will. Ängstlich duckt er sich unter den Blicken hinweg. Folgsam wie ein Kind lässt er sich von seiner Entourage eine Art Hawaiihemd reichen. Und jetzt zieht er auch noch das T-Shirt über den Kopf… Man will beschämt den Blick abwenden und muss doch hinschauen: Dieser Mann ist ein Wal, gestrandet an den Ufern einer Gegenwart, deren Gesetze er nicht versteht. Doch selbst Gestrandete kehren heute wieder.

Zu ihrem 50. Jubiläum sind die Beach Boys nicht nur wieder da, sie spendieren ihren Fans und sich selbst noch einmal das volle Programm. Spektakulärster Teil der Großoffensive ist eine Tournee, die sämtliche noch lebenden, einander nicht immer nur in Freundschaft zugetanen Bandmitglieder auf der Bühne vereint, rund um die Welt führt und im August für ein paar Termine auch in Deutschland Station machen wird. Zur Einstimmung gibt es ein brandneues Album, soeben erschienen und doch ganz dem Sound von damals verpflichtet. Hymnen auf Strände, Mädchen und schnelle Autos – mit That’s Why God Made The Radio demonstrieren die Beach Boys noch einmal, wo ihr Platz in der Schöpfungsgeschichte des Pop ist: am Steuer eines Wagens, dessen Sender unsterbliche Hits spielt.

Das allein wäre nichts Ungewöhnliches. Alle machen es so, vom daueragilen Beatles-Nachlassverwalter Paul McCartney bis hin zu den gerade ihr halbes Jahrhundert als Liveband begehenden Rolling Stones. Der Pop unserer Tage besteht mittlerweile zu einem beträchtlichen Teil aus Jubiläen und anderen Festivitäten zum Zwecke des Nachweises, dass gerade die Großen von einst es noch immer können. Während die Beatles allerdings aufgrund ihres frühen Dahinscheidens ewig jung bleiben werden und das Altern bei den Stones ein Dehydrierungsprozess ist, der ihnen das Aussehen prähistorischer Echsen verleiht, hat die Geschichte im Fall der Beach Boys einen Widerspruch eigener Art hervorgetrieben: Bei keiner Band der Gründerjahre klaffen Mythos und Performance so weit auseinander. Im Lichtbild kalifornischer Jugend sind sie inzwischen selbst der größte Störfaktor.

Eine Band mit Leichen im Keller

Es sind keine Strandjungs, sondern Strandgroßväter, die an diesem verregneten Nachmittag der Reihe nach in der Garderobe des 40 Meilen nördlich von New York gelegenen Westchester County Community Center eintrudeln, um kurz vor Showbeginn noch eben schnell ein Interview zu geben. Al Jardine: ein Männchen mit der Ausstrahlung eines pensionierten Mathematiklehrers. Bruce Johnston, der Brian Wilson auf Tour ersetzte, als dieser sich in den Nebel psychedelischer Drogen zurückzuziehen begann: ein polternder Kumpeltyp. Der ältere Herr in seinem Schlepptau muss David Marks sein, und direkt gegenüber von Brian nimmt Cousin und Konkurrent Mike Love Platz. Nicht mehr dabei sein können aus naheliegenden Gründen Carl und Dennis Wilson: Der eine starb 1998 an Krebs, Letzterer kam schon 15 Jahre zuvor bei einem mysteriösen Tauchunfall ums Leben. Die Beach Boys: eine Band mit Leichen im Keller. Doch davon wollen die Überlebenden nichts wissen.

Die Welt Vor und ein Nach dem Sündenfall

Man kann die Geschichte der Beach Boys auf zwei Arten erzählen. Die eine handelt von drei Brüdern, die eine Band gründeten und mit fruchtsaftsüß gesungenen Verklärungen des Strandlebens die Welt eroberten. Die andere fragt nach den Schattenseiten der Idylle. In der einen steht der Jungsverbund im Zentrum, in der anderen ein einsames Genie, das über das große Wasser hinweg mit den Beatles konkurrierte, um schließlich an den Stimmen in seinem Kopf zu zerbrechen. Die eine Geschichte ist Teil des Amerikanischen Traums, die andere erzählt von dessen Widersprüchen und Kollateralschäden. Welches die richtige Variante ist, bleibt bis auf Weiteres ungeklärt, denn sosehr die goldenen Sechziger inzwischen einem Albumblatt mit Eselsohren gleichen: Einfach umblättern lässt es sich nicht. Deshalb haben die Beach Boys des Jahres 2012 der Beach-Boys-Saga eine dritte Version hinzugefügt: Die Beach Boys sind die Beach Boys. Alles andere ist Schnee von gestern.

Was für eine Harmonie sie ausstrahlen! Kein Blatt Papier scheint zwischen diese fünf Männer um die 70 zu passen, die forciert locker auftreten, sich im Gespräch die Bälle zuspielen und, Brian Wilson ausgenommen, allesamt wirken, als hätten sie ihre gute Laune im Golfclub trainiert. Konflikte? Ich bitte Sie, so etwas kommt doch in den besten Familien vor. Feindschaften und Richtungskämpfe gar? I wo, "die Leute erzählen viel Unsinn", wiegelt David Marks ab. Aber ganz aus der Luft gegriffen kann doch nicht sein, was die Beach-Boys-Forschung in zahlreichen Kapiteln dargelegt hat: dass die Band ab Mitte der Sechziger in zwei Fraktionen zerfiel, die Brüder Wilson mit ihrem kreativen Expansionsdrang und die Verschwörer um Cousin Mike, die die Angst umtrieb, gerade das könnte die Erfolgsformel verderben. "Sehen Sie", sagt Mike Love nachsichtig: "Es ist nichts falsch daran, sich die Hörner abzustoßen." Aber übertreiben sollte man es eben auch nicht.

Für die Beach Boys von heute zerfällt die Welt in ein Vor und ein Nach dem Sündenfall. Gern reden sie über alte Zeiten, ihren ausgeprägten Familiensinn, das Städtchen Hawthorne am Rand von Los Angeles, in dem sie aufgewachsen sind, sowie, Brian Wilson eingeschlossen, über Autos. "Cadillac", platzt es auf die Frage nach dem ersten eigenen Wagen aus ihm heraus. Da lachen die anderen: Mein Gott, Brian, hast du’s nicht eine Nummer kleiner? Von so was haben wir damals geträumt! Ein Nash Rambler ist’s gewesen, in dem man abends gemeinsam saß und sich am Harmoniegesang der Everly Brothers versuchte, wie er damals aus jedem Radio kam. Nicht ganz so gern sprechen sie über die Zeit ab 1965, als der Pop unter dem Einfluss progressiver Kräfte aus der Fasson zu geraten begann, ihr wichtigster Mann zu einem 200-Kilo-Kloß aufquoll, um, nach diversen Nervenzusammenbrüchen, schließlich zwei Jahrzehnte lang in den Fängen eines zwielichtigen Psychogurus dahinzudämmern. Warum negativ denken, wenn man mit optimistischen Songs groß geworden ist?

Ideale Bedingungen, das halbe Jahrhundert patriotisch zu begehen

Wahr ist: Die Beach Boys sind die großen Naiven des Pop. Die Wucht, mit der sie in den frühen Sechzigern einschlugen, verdankt sich dem Umstand, dass fünf Jahre nach der ersten Rock’n’Roll-Welle Teenager zu ernst zu nehmenden Konsumenten aufgestiegen waren. Mit ihren Beschwörungen endloser, von keinerlei Krisenbewusstsein getrübten Sommer lieferten Brian und seine Brüder den Begleitsound zu einer Ära, in der der amerikanischer Standard von Wohlstand allen erreichbar zu sein schien. Ganz hat sie dieser Spirit nie verlassen. Noch Brian Wilsons ambitionierteste Kompositionen sind trotz oder gerade wegen der teenage angst , die in ihnen rumort , dem Geist der Idylle verpflichtet. Warum also nicht da weitermachen, wo es am schönsten war. " The good times never have to end, and now’s the time to let them happen again ", singen sie auf ihrem Reunion-Album. Wenn Kalifornien träumt, müssen Zyniker und andere böse Menschen draußen bleiben.

Es ist ein Rückzug in die eigene Legende, den die Beach Boys zu ihrem Jubeljahr angetreten sind: Der Glanz alter Tage muss die Tatsache überstrahlen, dass einiges darunter welk geworden ist. Als Rätselrest und lebender Widerspruch bleibt allein Brian Wilson. Herzzerreißend, wie er die meiste Zeit des Gesprächs über zusammengesunken dasitzt, höchstens hin und wieder stumme Blicke zu Mike Love hinüberschickt. Der Problembär und der Neidhammel der Familie: Irgendetwas zwischen diesen beiden Männern scheint noch immer unausgestanden. Man ist versucht, Brian als Opfer zu sehen, dargebracht auf dem Altar des Erfolgs, doch vielleicht ist das ein Irrtum. Vielleicht ist Brian Wilson einfach nur geblieben, was er immer schon war: ein talentierter, aber labiler Mensch, der seine Konflikte nur in der Musik ausdrücken kann. Zum Glück bleibt ihm wenigstens das erhalten. Als der Soundcheck beginnt, drängt es ihn als Ersten hinaus auf die Bühne.

Bei flüchtigem Hinsehen ist das Städtchen White Plains, an dessen Rand das Westchester County Community Center liegt, ein Beach-Boys-fernes Fleckchen Erde. Strände gibt es hier keine, und gesurft wird allenfalls im Internet: White Plains hält sich einiges darauf zugute, Geburtsort von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu sein, ansonsten handelt es sich um eine Durchfahrstadt, deren hervorstechendstes Merkmal in der günstigen Verkehrsanbindung nach New York hinein besteht. Doch wer weiß, dass die Beach Boys, Dennis Wilson ausgenommen, in Wahrheit wasserscheu waren, der weiß auch, dass es Beach-Boys-ferne Orte jenseits des Atlantik nicht gibt. In White Plains beginnt das, was im Amerikanischen mit dem schönen deutschen Wort Hinterland bezeichnet wird: eine Gegend, in der das Sternenbanner vor den Häusern weht und Hamburger-Restaurants das fehlende Zentrum ersetzen. Ideale Bedingungen, das halbe Jahrhundert patriotisch zu begehen.

Tour de Force durchs Gesamtrepertoire

Mag die Show eine Woche zuvor im am Broadway gelegenen Beacon Theatre die Intellektuellen unter den Anhängern angesprochen haben, hier feiert die Provinz.

Und wie sie feiert! Mit Kind, Kegel und Landschönheiten, die sich in ihre besten Strass-Jeans geworfen haben: White Plains will gerockt werden. Der Jubel bereits bei den ersten Takten von Do It Again belehrt selbst Skeptiker, dass hier nicht einfach eine Band aufspielt, sondern eine nationale Institution: die besten Ersatz-Beatles, die das Land hervorgebracht hat. Gerüchte, ihre Stimmen seien brüchig geworden, erweisen sich als haltlose Negativpropaganda interessierter Kreise: Gerade der Satzgesang kommt in studioreifer Perfektion. Sollte Brian Wilsons berühmtes Falsett in den allerhöchsten Lagen doch einmal schwächeln, springt ein Ersatz-Beach-Boy aus der Tourband ihm zur Seite.

Nein, hier wird kein müdes Veteranenkonzert geboten, sondern ein Spektakel für die ganze Familie, mit Brian am weißen Flügel, Tonnen von Scheinwerfern und sämtlichen Hits aus allen Schaffensperioden. Bei Help Me, Rhonda geht ein Ruck durchs Publikum, bei Fun, Fun, Fun reißt es die Ersten von den Stühlen, zum Groß- und Hauptwerk Good Vibrations fließen Tränen, und bei Barbara Ann ist kein Halten mehr: Der Saal tanzt auf jedem Quadratzentimeter, den die Bestuhlung hergibt. Als auch noch Carl und Dennis per Videoleinwand zugespielt werden, jeder mit dem Stück, das er zu Lebzeiten am schönsten gesungen hat, wird die Revue zur Messe. Allerdings ist es schwer, zu sagen, was an dieser Las-Vegas-reif abschnurrenden Show noch das Werk der Beach Boys ist.

Man sollte mehr von einer Aufführung sprechen als von einem Konzert

Frontmann Mike Love unterhält mit launigen Moderationen, hin und wieder steuert David Marks ein breitbeiniges Surfsolo auf der Fender bei, den eigentlichen Sound jedoch liefert, originalgetreu bis ins letzte Detail, eine zehnköpfige Begleitband. Sie können alles, diese 30 bis 40 Jahre jüngeren Wunderkinder, gern stehen sie im Schatten ihrer Arbeitgeber, bloß für Spontaneität bleibt kein Platz in der Tour de Force durchs Gesamtrepertoire. Vielleicht sollte man mehr von einer Aufführung sprechen als von einem Konzert: Eine Beach-Boys-Revival-Band spielt die größten Beach-Boys-Hits, deren Klassikerstatus durch die Anwesenheit der echten Beach Boys geadelt wird.

Immerhin: So könnte gelebte Solidarität aussehen. Es ist eine Art betreutes Singen, für das die verbliebenen Beach Boys auf ihrer Welttour das Exempel abgeben: Während die Alten in die Kinderrolle regredieren, greifen die Jungen ihnen beherzt unter die Arme. Selbst Brian Wilson zeigt zur Zugabe hin ein Zucken der Gesichtsmuskulatur, das in seiner Gesamtheit mit etwas gutem Willen als Lächeln zu bezeichnen wäre. In Zeiten allgemeiner sozialer Kälte ist das tröstlich und zukunftsweisend zugleich. " Summer weather, we’re back together ": Ein bisschen Optimismus kann nicht nur Amerika derzeit gut gebrauchen.

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