Berlin Der letzte Hügel vor Moskau
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Rund um die Uhr empfangsbereit

Obenauf arbeiteten die Amerikaner im Dreischichtenbetrieb, um rund um die Uhr empfangsbereit zu sein. McLarren steuert das Herzstück der Anlage an, den Bürotrakt mit den Kuppeln auf dem Dach. Unter der weißen Kunststoffhülle der Kuppeln steckten die Radarschirme – so blieb deren Ausrichtung unsichtbar. McLarren hält unterwegs kurz vor einem Flachbau. Im schummerigen Innern sind verrostete Kessel zu erkennen: die Überreste der Pyrolyse-Anlage. »Hier wurden unsere Abhörprotokolle bei hoher Temperatur zersetzt«, sagt McLarren. »Es war so viel Papier, dass wir damit die Gebäude heizen konnten.«

Über eine Außentreppe entert die Gruppe den zweistöckigen Kasten, in dem die Papiere verfertigt wurden. Hier hatte McLarren Funkverkehr der NVA auszuwerten. »Wir mussten die Drecksarbeit machen«, sagt er. Wir – das waren die jungen Soldaten, die zwei bis drei Jahre blieben. Die Arbeitsbienen. In McLarrens Erzählungen schnurrt die knisternd spannende Spionagewelt, die manche Besucher insgeheim erwartet hatten, zu einer gleichförmigen bürokratischen Maschinerie zusammen. Eine Frau fragt, ob die Protokolle überhaupt etwas Wichtiges ergeben hätten. Oh ja, sagt McLarren, manche Informationen seien direkt dem US-Präsidenten zugegangen. Welche denn? Da wird er wieder undeutlich. Aus anderen Quellen ist bekannt, dass die Amerikaner von hier aus etwa die Vorbereitungen der Sowjetunion für die Invasion in der Tschechoslowakei 1968 belauschten. Auch Gespräche zwischen DDR-Politbüro-Mitgliedern sollen sie mitgehört haben.

Von dem fensterlosen Büro, in dem McLarren sitzen musste, ist nicht mehr viel übrig. Die Investoren, denen das Gelände heute gehört, haben den Trakt entkernt. Geblieben sind nur Stahlträger und Betondecken. Hier sollten Luxuswohnungen entstehen. Der Baubeginn verzögerte sich, die Genehmigung verfiel. Mittlerweile liegt die Musterwohnung in einer Ecke des Bürogebäudes genauso vollgesprüht und verfallen da wie der Rest der Räume. Immerhin geht nun der Blick hinaus ins Offene, während McLarren früher vom Schreibtisch aus kein Tageslicht zu sehen bekam.

Im Treppenhaus ist es noch immer dunkel – stockdunkel. Die Gruppe tappt dem Dach entgegen. Man traut sich kaum, das Geländer anzufassen; wer weiß, was daran klebt. Dafür gibt es gleich anschließend, zwischen den Kuppeln auf der Dachplattform, ein berauschendes Weitwinkelpanorama: Aus dem Häusermeer der Hauptstadt ragt in der Ferne der Fernsehturm empor, über die glitzernden Havelseen schaut man hinweg in den Brandenburger Horizont. Hier könnte später einmal eine Caféterrasse stehen – wenn aus den jüngsten Investorenplänen etwas wird und die Anlage als Mischung aus Museum und Ausflugsort erhalten bleibt.

Berliner Teufelsberg

Die Führungen durch die Abhörstation auf dem Teufelsberg finden jeden Sonntag um 14 Uhr statt. Die Tour kostet 15 Euro und dauert etwa zwei Stunden. Informationen über www.berlinsightout.de

Vom Flachdach aus kann man noch einmal etwas höher steigen, in den fünfstöckigen Turm hinein, der sich über den Bürotrakt erhebt. Der weiße Kunststoff, mit dem das Turmgerippe verkleidet war, hängt nur noch in Fetzen herab, der offene Fahrstuhlschacht ist ungesichert. Die Kuppeln auf dem Flachdach wirken von oben, als hätte ein Riese sein Spielzeug liegen gelassen.

1994 verließen Amerikaner und Briten die Station. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und mit der Weiterentwicklung der Satellitentechnik war die Anlage überflüssig geworden. McLarren, verheiratet mit einer Deutschen, hatte die letzten aktiven Abhörjahre damit zugebracht, Mitarbeiter der Station zu überprüfen. Oben im Turm erzählt er von Doppelagenten und Gegenspionage, während eine zerfledderte Kunststoffbahn im Wind flattert wie ein riesiges Taschentuch, das zum Abschied in den Himmel winkt. Nahebei sitzt eng umschlungen ein Pärchen mit Rastalocken, das offenbar an den Wachleuten vorbei durch den Zaun klettern konnte. Fehlte nur, dass es Christopher McLarren zum Abschluss ein make love, not war zuriefe.

 
Leser-Kommentare
    • oooo
    • 25.06.2012 um 18:30 Uhr
    1. Bilder

    Wo ist die Fotostrecke?

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