Mecklenburg-VorpommernAls die Schlacht erfunden wurde

Ein Flusstal in Mecklenburg-Vorpommern erzählt, wie Menschen in der Bronzezeit die ersten Kriege führten. von Diana Laarz

In einem Flusstal in Mecklenburg-Vorpommern geht zwei Wissenschaftlern die Fantasie durch. »Hoch die Keulen«, ruft Mike Parker Pearson und hebt beide Arme zum imaginären Schlag über den Kopf. Pearson, Archäologieprofessor an der Universität Sheffield, Ausgräber bei Stonehenge und geehrt mit den höchsten Meriten seines Faches, ist jetzt ganz in seinem Spiel gefangen. Vor ihm steht Kristian Kristiansen, Professor in Göteborg, die Kollegen nennen ihn ehrfurchtsvoll »Mister Bronzezeit«. Er spielt das Opfer. Geschwächt von Tagen der Gefangenschaft, vielleicht verwundet, die Hände am Rücken zusammengebunden.

Pearsons Arme sausen nieder, schwingen ins Leere. Und: »Bum!« – seine Stimme überschlägt sich. Der Schlag hat den armen Gefangenen frontal auf den Schädel getroffen. Der 63-jährige Kristiansen taumelt ein paar Schritte rückwärts. Er bleibt seiner Rolle treu, stolpert und kommt dabei der Uferkante des Flusses gefährlich nahe. Das war’s. Exitus. Eine Hinrichtung, die hier – wie Hunderte andere – vor 3.200 Jahren genau so stattgefunden haben könnte. Jedenfalls halten Pearson und Kristiansen das für die wahrscheinlichste aller Theorien.

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Das Tal der mäandernden Tollense im Osten Mecklenburg-Vorpommerns ist eine Landschaft wie aus einem Gemälde Caspar David Friedrichs. Ein Flüsschen mit so vielen Windungen, dass sich die Einheimischen erzählen, hier habe der Teufel seine widerspenstige, im Zickzack laufende Großmutter vor den Pflug gespannt. An diesem Ufer graben Hobby-Denkmalpfleger und Archäologen seit gut 15 Jahren immer mehr Menschenknochen aus, ein paar Pferdeknochen sind auch dabei. Taucher sammeln ein, was die Strömung vorbeiträgt.

Mit einer Art Baseballschläger aus Eschenholz schlugen die Täter zu

Gebeine von mindestens 100 menschlichen Individuen sind es bislang. Die Überreste werden auf das Jahr 1.200 vor Christus datiert, späte Bronzezeit. Mal steckt eine Pfeilspitze im Oberarmgelenk, ein anderes Mal ist der Schädel durch einen Schlag zertrümmert worden. Es sind Zeugnisse einer Schlacht – das war von Anfang an die Vermutung vieler Experten.

Wenn das stimmt, befindet sich im Tollensetal ein Bronzezeit-Schlachtfeld – das erste, das in Mitteleuropa entdeckt wurde. Schon früh hätten sich dann Konflikte in organisierter Gewalt entladen. Begann also die Menschheit damals bereits, Krieg zu führen?

ALM‹96/855,8 ist ein Kronzeuge. Ein junger Mann, gesunde Zähne, aber es hat ihn ein unschönes Ende ereilt. »Impressionsfraktur im vorderen zentralen Teil des Schädels«, sagt Detlef Jantzen, Dezernatsleiter im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern. Oder einfacher gesagt: »Loch im Kopf.« An diesem golfballgroßen Loch ist ALM‹96/855,8 gestorben. Niedergestreckt mit brutaler Entschlossenheit, sagen die Anthropologen und Gerichtsmediziner. Mit einem stumpfen Gegenstand, einer Keule vielleicht. Solche Keulen wurden im Tollensetal gefunden. Eine Art Baseballschläger aus Eschenholz.

»Einem Typen mit dieser Waffe möchte man auch heute nicht in der Straßenunterführung begegnen«, sagt Jantzen. Der Chefarchäologe, lässig gekleidet, sagt lieber zu wenig als zu viel. Er steht nicht im Verdacht, schnell in Begeisterungsstürme auszubrechen. Aber was die Tollense betrifft, ringt sich sogar Jantzen fast einen Superlativ ab: »Wenn wir einen sensationellen Fundplatz im Land haben, dann ist es dieser.«

Im Schloss Wiligrad bei Schwerin, seit 20 Jahren provisorische Heimat des Landesamts und Dauerbaustelle, versuchen Jantzen und sein Team dem Geheimnis des Tollensetals auf die Spur zu kommen. Seit zwei Jahren läuft ein Forschungsprojekt mit den Universitäten Greifswald und Rostock. Schlachtfeldarchäologie ist gerade populär, die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert die Ausgrabung mit 350.000 Euro. Immer mehr Knochen landen auf Tischen im Schloss, werden katalogisiert, aneinandergefügt, in Kartons verpackt. Es sind so viele, dass Detlef Jantzen bald einige Aktenordner aus den Regalen räumen muss, um Platz zu schaffen.

Sie häuften Besitz an, bauten Burgen – und erfanden das Schwert

Wenn man den Archäologen an der Tollense zuhört, könnte man den Eindruck gewinnen, man müsse nur etwas an der Uferböschung kratzen, schon luge ein Knochen hervor. Ganz so ist es nicht, aber die Masse der Funde ist tatsächlich gewaltig. Früher legten Kühe Knochen frei, wenn sie zum Trinken die Uferböschung runtertrampelten, das Moor hatte die Skelettreste zuvor drei Jahrtausende lang hervorragend konserviert.

Jetzt wird systematisch gegraben – allerdings erst auf etwa fünf Prozent der Fundfläche. Die Überreste sind auf über zwei Kilometer Flussufer verteilt. Es könnten Hunderte, wenn nicht sogar 1.000 Individuen sein. Diese Gegend in Deutschlands Norden ist auch heute nicht üppig besiedelt. In der Bronzezeit lebten dort vier bis sechs Personen auf einem Quadratkilometer. 1.000 tote Menschen in einer Einöde – da muss mehr als eine Dorfprügelei stattgefunden haben.

Die Forschungsergebnisse aus Wiligrad liefern erste Erkenntnisse. An der Tollense liegen kaum Überreste von Frauen und Kindern, etwa 85 Prozent der bislang nachgewiesenen Individuen sind Männer, und von denen ist ein Großteil im kampffähigen Alter. Aber daneben gibt es auch viele Rätsel. »Ein echter Kriminalfall«, sagt Detlef Jantzen.

Leserkommentare
  1. ... oberarmgelenk? Nennt man das auch Schulter? Oder eher Ellenbogen?

  2. es keine Operation war? Warum auch immer...vielleicht wollten Schamanen dem Hirn Platz verschaffen. Jedenfalls lässt die Deutung als Keulenschlag eher auf die Denkwelt des Forschers schliessen als auf das was wirklich geschehen ist.

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    Auf dem Foto ist der eingedrückte Lochrand zu erkennen. Bei der steinzeitlichen Operation, die "bösen Geister" aus dem Kopf zu lassen, wurde die Kopfhaut beiseitegeklappt und dann geschabt - eine medizinische Schädelöffnung per Keule ist kaum zu machen.

  3. auch Rethra, ein Zentrum slawischer Stämme. Natürlich einige tausend Jahre später, aber das Zentrum an sich hätte länger existieren können, als bisher angenommen. Eben ein idealer Ort zum leben, zumindest vor unserer Zeit.?

  4. Auf dem Foto ist der eingedrückte Lochrand zu erkennen. Bei der steinzeitlichen Operation, die "bösen Geister" aus dem Kopf zu lassen, wurde die Kopfhaut beiseitegeklappt und dann geschabt - eine medizinische Schädelöffnung per Keule ist kaum zu machen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sicher dass"
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    ... voroperative Betäubung missglückt?

    • Suryo
    • 26. Juni 2012 6:23 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke. Die Redaktion/ag

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    Der Ausgangskommentar wurde entfernt. Die Redaktion/ag

  5. 6. [...]

    Der Ausgangskommentar wurde entfernt. Die Redaktion/ag

    Antwort auf "[...]"
    • otto_B
    • 26. Juni 2012 8:44 Uhr

    Flintstein

    Tschuldigung die Frotzelei -

    eber "Flintstein" - ist das nicht wieder so ein typischer und ärgerlicher Wissenschafts-Anglizismus?

    Die im deutschen Sprachraum übliche Bezeichnung des Gesteines ist (?) Feuerstein, und das ist von Generationen deutschprachiger Frühgeschichtler auch nicht anders in die Literatur gebracht worden.

    Wenn heute das Original der wissenschaftlichen Literatur schon nicht mehr deutsch ist - dann sollte wenigstens bei der Aufbereitung für den deutschen Zeitungsleser aufgepaßt werden.

    ....Selbst Fred Feuerstein schaffte es vor Jahrzehnten unter diesem Namen in die (west)-deutschen Kinderzimmer.
    Ob das heut noch so passieren würde?

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    müssen Sprachpuristen Steinschlossgewehr und nicht Flinte sagen. Habe durchaus als Cowboy in meiner Kindheit mit Filnten auf Indianer geschossen...

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