Bundeswehr : "...dann kommen wieder Neue"

Verschlissen, verwaltet, vergessen – Deutschland lässt seine Kriegsveteranen allein.

Die Todesangst kommt meist nachts. Schweißgebadet wacht David Hallbauer auf, zittert am ganzen Körper. »Das war’s jetzt«, denkt er in solchen Momenten und bereitet sich innerlich darauf vor, »dass man jetzt irgendwie tot ist«. Doch Hallbauer stirbt nicht. Irgendwann hört das Zittern auf, irgendwann schläft er wieder ein. Er lebt weiter, auch wenn er sich selbst manchmal fragt, wozu eigentlich noch.

David Hallbauer ist 35 Jahre alt. Als Zeitsoldat war er 1999 und 2001 für die Bundeswehr in Mazedonien und zweimal im Kosovo. Mehrfach geriet er damals in Gefechte, erschoss einen serbischen Milizionär, wurde selbst zweimal getroffen. Danach ist er, technisch gesehen, noch jahrelang Soldat geblieben, ehe er in anderen Jobs scheiterte, tatsächlich war er vor allem eines: Patient.

Hallbauer leidet an PTBS, einer posttraumatischen Belastungsstörung. Immer wieder verliert er die Kontrolle über seinen Körper und wird komplett bewegungsunfähig. Sein Puls schnellt hoch, der Blutdruck steigt. Hitze erträgt er nicht, ebenso wenig Menschenansammlungen: keine U-Bahn, kein Kino, kein Restaurant, kein Schwimmbad, keine Einkaufsstraßen, keine Innenstadt. In den Supermarkt wagt er sich nur, wenn es unbedingt nötig ist. »Nach zehn Minuten bin ich leer. Das ist wie mit ’nem Handy, wo der Akku piept, und dann geht’s aus«, sagt der ehemalige Soldat.

»Einsatzrückkehrer« – in der Sprache des Militärs ist das die korrekte Bezeichnung für David Hallbauer und alle anderen Soldaten, die mit der Armee im Einsatz waren – für Männer und Frauen, die in anderen Ländern »Veteranen« heißen. Veteranen und ihre Probleme sind gut erforscht, sie sind beträchtlich: Jeder vierte amerikanische Obdachlose, jeder zehnte britische Strafgefangene ist Veteran.

Über Deutschlands »Einsatzrückkehrer« weiß man kaum etwas, nicht einmal ihre Zahl. Jedenfalls müssen es deutlich über hunderttausend Menschen sein, die der Bundestag in den vergangenen zwanzig Jahren ins Ausland geschickt hat. Einiges spricht dafür, dass Tausende dieser Soldaten für ihr restliches Leben geschädigt sind.

Theoretisch müsste die Armee für sie sorgen, auch »nach Beendigung des Dienstverhältnisses« – so steht es im Soldatengesetz. In der Praxis fühlt sich für die deutschen Veteranen niemand verantwortlich. Während sich anderswo ganze Ministerien mit ihnen beschäftigen, gibt es hierzulande keine Forschung und kaum geregelte Zuständigkeiten. »Wir leben in dieser Frage noch in der Steinzeit«, klagte der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus.

Als David Hallbauer 2009 die Bundeswehr verlässt, hat er sechs Jahre Therapie hinter sich, seine »Wehrdienstbeschädigung« ist anerkannt. Im Prinzip steht Soldaten mit dieser Diagnose eine Entschädigung zu, derzeit beträgt sie 80.000 Euro. Trotzdem hat der 35-Jährige bis heute kein Geld erhalten. Der Grund: Sein Trauma kam zu früh. Geld gibt es nur für Opfer von Vorfällen nach dem 21. Dezember 2002.

Das ist nur einer von vielen Missständen. Medizinische Gutachten werden oft von Experten geschrieben, die nur die Akten kennen. Und nicht selten kommen sie zu dem Ergebnis, das Trauma eines Soldaten sei Folge nicht etwa des Kampfeinsatzes, sondern einer schweren Kindheit – obwohl jeder Soldat vor dem Einsatz auf seine sogenannte »Auslandseinsatzverwendungsfähigkeit« geprüft wird.

Eine schwere Kindheit hatte, angeblich, auch Martin Jäger. Er schlafe kaum, klagt er, werde schnell aggressiv, er hat Alkoholprobleme und war mehrere Male in der Psychiatrie. Neun Monate lang lebte der Exsoldat auf der Straße und im Wald. 2003 hatte er als Busfahrer in Kabul gedient, als sich nur wenige Meter neben seinem Fahrzeug ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Vier deutsche Soldaten starben, 29 wurden verletzt – bis heute einer der schwersten Anschläge auf die Bundeswehr in Afghanistan.

Bevor die Sanitäter eintrafen, leistete Martin Jäger zusammen mit zwei weiteren Überlebenden eine halbe Stunde lang Erste Hilfe. Er schleppte Kameraden aus Fahrzeugen und versuchte, irgendwie ihre Blutungen zu stillen. Verstümmelte Männer, abgerissene Körperteile und blutüberströmte Gesichter, Schuldgefühle: All das verfolgt Martin Jäger noch immer. Er sagt, er höre die Schreie der Verletzten und rieche den Gestank von verbranntem Fleisch.

»Viel schlimmer als der Anschlag selbst waren die achteinhalb Jahre danach«, sagt Jäger heute. Seit Jahren kämpft er darum, dass die Bundeswehr seine Krankheit anerkennt. Anfang April bekam er ein Schreiben: »Posttraumatische Belastungsstörung, zwischenzeitlich chronifiziert« heißt es in dem medizinischen Gutachten. »Endlich«, dachte Jäger. Vier Wochen später kam wieder ein Schreiben. Man könne »noch nicht von einer dauerhaften Minderung« seiner Erwerbsfähigkeit ausgehen. Für Martin Jäger heißt das: kein Geld, noch mehr Anträge.

Ein anderer Veteran erzählt von Angstattacken, sobald ein neues Schreiben kommt, ein dritter sagt, er habe irgendwann selbst nicht mehr gewusst, ob er nun eigentlich traumatisiert sei oder nicht. »Da fragt man sich schon: Warum hast du Idiot eigentlich dein Leben riskiert?«, sagt David Hallbauer. Mediziner berichten, dass der jahrelange Streit mit der Bundeswehr die Belastungsstörung verstärken könne. Im schlimmsten Fall werde sie erst so chronisch.

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Kommentare

78 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

"Ein schöner Tag zu Sterben. "

Heike Groos: Ein schöner Tag zu Sterben. Als Bundswehrärztin in Afghanistan
(Frankfurt/M. 2009)

Die Autorin stellt zwei Bubdestagsbgeordneten bei einem Kurzbesuch ganz keise folgende Frage
"Meine Frage ist folgende: "Wie können Sie mich hierher schicken? Sie sind es doch,
die dafür verantwortlich sind, dass ich hier bin, oder? ... Wie können Sie es wagen?
Mich, eine Mutter von fünf Kindern, zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres hierher
zu schicken? Wie konnten Sie das tun, wo Sie doch offensichtlich nicht den Schimmer
einer Ahnung davon haben, was sich hier abspielt."

Naja....

Für ältere Offiziere gilt das sicherlich. Da gibt es einige, die diese Bundeswehr nicht mehr als "ihre" betrachten.

Aber unter den Jüngeren kann sich nun wirklich niemand mehr darauf berufen. Im übrigen verpflichtet sich keiner dazu, in "sinnvolle" Einsätze zu gehen, sondern einfach, das Recht und der Freiheit Deutschlands tapfer zu verteidigen. Immer noch sind die zentralen Wert der Bundeswehr Gehorsam und Disziplin. Wer einen Befehl bekommt, muß diesen befolgen, es sei denn, er ist ganz offenkundig illegal, was bei einem vom Parlament beschlossenen Einsatz wohl kaum der Fall ist. In anderen Worten: diese Ärztin - deren persönliches Unglück, gerade auch in ihrer Eigenschaft als Mutter, ich durchaus nachvollziehen kann - wußte oder hätte sehr wohl wissen müssen, was auf sie zukam, als sie sich als Offizierin verpflichtete. Nur das Medizinstudium bezahlt zu bekommen und dann nett am BwK in Wandsbek zu arbeiten, ist eben keine Option mehr beim Bund.

Veteranen..

oder "Einsatzrückkehrer" sollte es in Deutschland eigentlich gar nicht geben.
Zumindest ist mir nicht bekannt, dass Deutschland angegriffen wurde seit wir eine Verteidigungsarmee haben.

So leid mir solche Einzelschicksale tun, so wenig Bedauern habe ich für das System und die darin willfährigen Mitmacher.

[...]

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

Die Bundeswehr

findet in der Gesellschaft nicht statt. Das wird einer der Probleme sein weshalb Veteranen nicht die notwendige Anerkennung erfahren und seitens der Bevölkerung kein Druck auf die Politik ausgeübt wird.

Mit tun die Soldaten in jeder Hinsicht leid, vor allem wenn man sich mal klar macht das die Männer sich selbst Ausrüstung kaufen müssen um für Krisengebiete einsatzfähig zu sein. Da sollte Die Zeit auch mal drüber berichten.

Neuropsychologiestudie

Bericht von Heute in der Wiener Zeitung:

http://www.wienerzeitung....

ZITAT: "Die Lust zu töten sei demnach - vor allem für Männer - etwas "Natürliches": "Die Bereitschaft zu lustvoller, brutaler Konfrontation ist Teil der männlichen Natur", so Maggie Schauer: "Gesellschaften, die Gewalt ermöglichen, müssen damit rechnen, dass ein bestimmter Prozentsatz der männlichen Bevölkerung diese Natur ausleben wird."

spirituell-ritueller Vorgang (Voodoo)

Das mag damit zusammenhaengen, dass die Gesellschaft die Einsaetze der Bundeswehr in ihrer bekannten Form nicht billigt. Man mag nun versuchen die Billigung in Form von Gedenktagen verordnen zu wollen und hoffen oder auch damit rechnen dass kommende Generationen dadurch ein Sinn fuer diese Arten von Einsatz entwickeln und ein entsprechender Prozess u.a. der Anerkennung in Gang gesetzt wird.

Wirklich sinnvoll in der geschilderten Problematik scheint jedoch ein solch spirituell-ritueller Vorgang (Voodoo) nicht zu sein und erinnert an fuer ueberwunden geglaubte Zeiten - er ist aber auf jeden Fall sehr viel billiger als eine Anerkennung in Form einer handfesten und grosszuegigen Kompensation sowie Hilfestellung von Seiten des Staates und der Politik.

Das die

von der Bundeswehr gestellte Ausrüstung teilweise nicht den Anforderungen der Einsatzgebiete gerecht wurde haben viele Soldaten erst im Einsatz erfahren müssen.Der Dienstherr reagiert aber nicht angemessen drauf, mit der Folge das der Soldat um sein Leib und Leben und das seiner Kameraden zu schützen es aus eigener Tasche berappen muss.

Schauen Sie mal was in der Privatwirtschaft passiert wenn Arbeitnehmer überlebenswichtige Ausrüstung selber bezahlen müssen.

Das ist in jeglicher Hinsicht falsch und die Politiker sollten sich schämen die Jungs so in den Einsatz zu schicken.

Was ist denn

die Motivation? Wird doch relativ individuell sein oder? Wie mir scheint lehnen Sie jeden Soldaten und deren Sorgen und Leiden aufgrund ihrer Ideologie bzw. Wertvorstellungen ab.

Da kommen wir beide aber auf keinen grünen Zweig. Ich lehne zwar auch Krieg ab und die vorgeschobenen Erklärungen unserer Regierung für den Kampf um Rohstoffe und Einfluss verfangen auch nicht bei mir.

Es ist aber Realität und deshalb stehe ich ganz klar hinter dem Soldaten als Individuum, auch wenn ich den Grund für sein Handeln ablehne.

Berufsrisiko

"Was ist denn die Motivation? Wird doch relativ individuell sein oder? Wie mir scheint lehnen Sie jeden Soldaten und deren Sorgen und Leiden aufgrund ihrer Ideologie bzw. Wertvorstellungen ab."
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Ich lehne keinen Soldaten ab, das muss jeder selber wissen. Sich aber erst in ein Kriegsgebiet zu begeben und sich nachher zu beklagen, dass man dort evtl. verwundet oder getötet werden könnte, ist doch grotesk. Das ist doch das Berufsrisiko eines Soldaten.
Ein Pilot hat ja auch ein höheres Risiko eines Flugzeugabsturzes als etwa eine Krankenschwester. Sowas bringt der Beruf mit sich, und sowas weiß man auch vorher.

Ich lehne Krieg ab (solange er nicht der Verteidigung dient), und deswegen werde ich auch niemanden, der das nicht tut, als Helden feiern.

Entschuldigung

mal bitte:

Zitat: "Sich aber erst in ein Kriegsgebiet zu begeben und sich nachher zu beklagen, dass man dort evtl. verwundet oder getötet werden könnte, ist doch grotesk."

Soldaten wussten nicht das ihre Ausrüstung unzureichend war bevor Sie in Krisengebiete geschickt worden sind. Ein Soldat hat einen Anspruch auf adäquaten Schutz.

Von Heldenverehrung konnte ich weder im Artikel etwas lesen noch habe ich mich diesbezüglich geäußert.

Dienstverweigerung

"Soldaten wussten nicht das ihre Ausrüstung unzureichend war bevor Sie in Krisengebiete geschickt worden sind. Ein Soldat hat einen Anspruch auf adäquaten Schutz."
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Wenn ich keinen ausreichenden Schutz habe, melde ich mich beim Kompanieführer. Bekomme ich dann keinen, verweigere ich den Dienst.

"Von Heldenverehrung konnte ich weder im Artikel etwas lesen noch habe ich mich diesbezüglich geäußert."
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Sie nicht.... aber ich