Freiwilligenarbeit : Austausch andersherum

Freiwillige aus Entwicklungsländern kommen nach Europa – und sind überrascht von Deutschland.

Dass in Deutschland Menschen auch auf dem Land wohnen, hat ihm vorher keiner gesagt. Mauro Brito Romero aus Ecuador dachte, alles sei städtisch und modern. Das war seine Vorstellung von diesem fernen Land jenseits des Atlantiks. Sein Bild von Deutschland.

Auf einem Bauernhof in Niedersachsen entdeckt der 23-Jährige dann auch anderes Erstaunliches, »Verrücktheiten der Deutschen«, wie er es nennen wird. Er kam hierher, weil ehemalige »weltwärts«-Freiwillige ihn nach Deutschland holten. Die Idee dahinter, die bald vielleicht sogar mit einem staatlich geförderten Programm unterstützt werden soll: Auch junge Leute aus Entwicklungsländern sollen die Erfahrung machen dürfen, wie das Leben so ist auf der anderen Seite der Welt.

Mauro Romero sitzt an einem Tisch im Hof Wörme und löffelt Haferflocken mit Wasser. Sein Magen macht Probleme. »Ich brauche kaufen Medikamente«, sagt er zu seinem Chef, der mit am Tisch sitzt. Und dann klappe das immer noch nicht mit der Kontoeröffnung, versucht er zu erklären. Sein Chef sagt irgendetwas, das er nicht so recht versteht.

Mauro Brito Romero ist ein kräftiger, ruhiger Typ, seit Anfang des Jahres ist er in Deutschland. Er kommt aus Baeza, einem Städtchen im Regenwald von Ecuador, knapp 2.000 Einwohner, drei Stunden von der Hauptstadt Quito entfernt. Mauro macht jetzt ähnliche Erfahrungen, die viele junge Deutsche machen, die es hinauszieht in die Welt, in Entwicklungsländer, mit weltwärts oder einem anderen Freiwilligendienst. Er ist Vertreter einer Gegenbewegung, die so langsam Fahrt aufnimmt: Freiwillige aus Entwicklungsländern kommen nach Deutschland. »Reverse«- oder »Incoming«-Programme« sind die etwas sperrigen Namen solcher Angebote. Austausch andersherum.

Der Hof Wörme liegt am Rand der Lüneburger Heide. Im Haupthaus aus roten Klinkersteinen ist gerade Mittagspause, 21 Leute sitzen im Speisesaal an den Tischen, Mitarbeiter, Auszubildende, Freiwillige. Für alle ohne Magenprobleme gibt es Pizza. Er könne am Nachmittag helfen, das Gewächshaus mit aufzubauen, sagt Romero. »Ich habe ja auch Architektur studiert.« Ja schön, sagt sein Chef.

Sein Chef, das ist Clemens von Schwanenflügel, 59, Halbglatze, gebürtiger Hamburger, früher war er Lehrer an einer Waldorfschule. Dann ging er in die Landwirtschaft, vor 25 Jahren kaufte er mit ein paar anderen Menschen den Hof, sie führen ihn als Gemeinschaft, bauen Gemüse an und backen Brot, vor allem für die Bioläden Hamburgs. Der Pädagogik blieb Clemens von Schwanenflügel treu. Er bringt jetzt den jungen Leuten den biologisch-dynamischen Anbau näher, besonders gerne auch Ausländern, die die Erfahrung mit in ihre Heimatländer nehmen. Demeter für die Welt. Und die Auszubildenden und Freiwilligen helfen, den Hof zu bewirtschaften. Und bringen ihre Erfahrung mit ein.

Teil der Hofgemeinschaft zu sein, das bedeutet für Mauro: früh aufstehen, um 6 Uhr. Pferde versorgen, Frühstück, pflanzen, säen, Mittagspause, wieder raus, Kaffeepause, wieder raus, Abendessen. Auch wenn es nicht immer viel für ihn zu tun gibt, ist er abends meistens müde. Allein schon wegen der deutschen Sprache.

Die Gäste aus dem Ausland tragen ein differenziertes Deutschlandbild heim

Für ein Jahr ist Mauro Romero in Deutschland, 250 Euro Taschengeld bekommt er im Monat. Dass er jetzt erlebt, dass hier nicht alles so ist wie im Fernsehen, liegt, wenn man so will, an der Globalisierung. Mauro hat an einer Fern-Uni studiert, zweimal im Monat ist er zu Seminaren in eine größere Stadt gefahren, nach Riobamba, dort übernachtete er bei einem Freund. In der Familie wohnte auch eine deutsche Freiwillige, so freundete er sich mit ihr und ihren Kollegen an. Er träumte davon, selbst einmal nach Deutschland zu reisen. Dann postete einer seiner deutschen Facebook-Freunde: Freiwillige für Deutschland gesucht. In fünf Minuten schrieb er seine Bewerbung. Engagement war gefragt, er passte ins Profil, schließlich war er aktiv in seinem Barrio, wo Rinderhalter leben, ein paar Obstbauern und Restaurantbesitzer: Wenn die Bewohner eine neue Wasserleitung zu bauen hatten oder es Veranstaltungen zu organisieren gab, war er dabei.

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Deutschland ist nicht Deutschland!

Ich kann es mir schon vorstellen, wie es da zugeht auf diesem Demeter Hof!
So ein (in Ermangelung eines besseren Wortes will ich es mal bezeichnen als:) gemeinschaftlich organisierter, anthroposophischer Kibbuz ist allerdings keinesfalls typisch für Deutschland.
Dass Herr von Schwanenflügel auch eine missionarische Aufgabe in seinem Tun sieht, wurde im Artikel ja schon klargestellt.

Ich will damit nicht sagen, dass von Anthroposophen irgendeine potentielle Gefahr für die Gesellschaft ausginge.

Aber wenn ich im Austausch, um ein anderes Beispiel zu geben, für ein Jahr zu den Amish gehe, kann ich zwar eine Menge lernen, sollte aber nicht annehmen, ich hätte kennengelernt, wie der typische Amerikaner lebt.

Auch ökologisch ergibt sich ein gewisser Konflikt: Das Gemüse ist zwar biologisch-dynamisch, aber man sollte den ökologischen Fussabdruck des Fluges aus fernem Land nach Möglichkeit nicht berücksichtigen, wenn man es mit gutem Gewissen essen will.

Mich nicht

denn sie verzeihen es mir sie haben keine Ahnung wie es in anderen westlichen Ländern zu geht, wenn es um Ausländer geht.
Dagegen ist D eine Insel der Glückseligen, egal was die Medien inklusive den Selbsternannten Moralaposteln der Störmeldung verbreiten.

@Thema
Wenn auch das Bsp. etwas von heiler Welt hat und imho nicht typisch ist, und auch wie gern in der Branche der Öko Jünger etwas von geiz ist geil Mentalität hat, denn 250 Euro ist eine billige Arbeitskraft, so hat es denn Vorteil das die Leute sehen wie es in D zu geht und das Vieles was von Medien etc kolportiert wird, nicht der Realität entspricht.