FreiwilligenarbeitAustausch andersherum

Freiwillige aus Entwicklungsländern kommen nach Europa – und sind überrascht von Deutschland. von Sebastian Erb

Dass in Deutschland Menschen auch auf dem Land wohnen, hat ihm vorher keiner gesagt. Mauro Brito Romero aus Ecuador dachte, alles sei städtisch und modern. Das war seine Vorstellung von diesem fernen Land jenseits des Atlantiks. Sein Bild von Deutschland.

Auf einem Bauernhof in Niedersachsen entdeckt der 23-Jährige dann auch anderes Erstaunliches, »Verrücktheiten der Deutschen«, wie er es nennen wird. Er kam hierher, weil ehemalige »weltwärts«-Freiwillige ihn nach Deutschland holten. Die Idee dahinter, die bald vielleicht sogar mit einem staatlich geförderten Programm unterstützt werden soll: Auch junge Leute aus Entwicklungsländern sollen die Erfahrung machen dürfen, wie das Leben so ist auf der anderen Seite der Welt.

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Mauro Romero sitzt an einem Tisch im Hof Wörme und löffelt Haferflocken mit Wasser. Sein Magen macht Probleme. »Ich brauche kaufen Medikamente«, sagt er zu seinem Chef, der mit am Tisch sitzt. Und dann klappe das immer noch nicht mit der Kontoeröffnung, versucht er zu erklären. Sein Chef sagt irgendetwas, das er nicht so recht versteht.

Mauro Brito Romero ist ein kräftiger, ruhiger Typ, seit Anfang des Jahres ist er in Deutschland. Er kommt aus Baeza, einem Städtchen im Regenwald von Ecuador, knapp 2.000 Einwohner, drei Stunden von der Hauptstadt Quito entfernt. Mauro macht jetzt ähnliche Erfahrungen, die viele junge Deutsche machen, die es hinauszieht in die Welt, in Entwicklungsländer, mit weltwärts oder einem anderen Freiwilligendienst. Er ist Vertreter einer Gegenbewegung, die so langsam Fahrt aufnimmt: Freiwillige aus Entwicklungsländern kommen nach Deutschland. »Reverse«- oder »Incoming«-Programme« sind die etwas sperrigen Namen solcher Angebote. Austausch andersherum.

Der Hof Wörme liegt am Rand der Lüneburger Heide. Im Haupthaus aus roten Klinkersteinen ist gerade Mittagspause, 21 Leute sitzen im Speisesaal an den Tischen, Mitarbeiter, Auszubildende, Freiwillige. Für alle ohne Magenprobleme gibt es Pizza. Er könne am Nachmittag helfen, das Gewächshaus mit aufzubauen, sagt Romero. »Ich habe ja auch Architektur studiert.« Ja schön, sagt sein Chef.

Sein Chef, das ist Clemens von Schwanenflügel, 59, Halbglatze, gebürtiger Hamburger, früher war er Lehrer an einer Waldorfschule. Dann ging er in die Landwirtschaft, vor 25 Jahren kaufte er mit ein paar anderen Menschen den Hof, sie führen ihn als Gemeinschaft, bauen Gemüse an und backen Brot, vor allem für die Bioläden Hamburgs. Der Pädagogik blieb Clemens von Schwanenflügel treu. Er bringt jetzt den jungen Leuten den biologisch-dynamischen Anbau näher, besonders gerne auch Ausländern, die die Erfahrung mit in ihre Heimatländer nehmen. Demeter für die Welt. Und die Auszubildenden und Freiwilligen helfen, den Hof zu bewirtschaften. Und bringen ihre Erfahrung mit ein.

Teil der Hofgemeinschaft zu sein, das bedeutet für Mauro: früh aufstehen, um 6 Uhr. Pferde versorgen, Frühstück, pflanzen, säen, Mittagspause, wieder raus, Kaffeepause, wieder raus, Abendessen. Auch wenn es nicht immer viel für ihn zu tun gibt, ist er abends meistens müde. Allein schon wegen der deutschen Sprache.

Die Gäste aus dem Ausland tragen ein differenziertes Deutschlandbild heim

Für ein Jahr ist Mauro Romero in Deutschland, 250 Euro Taschengeld bekommt er im Monat. Dass er jetzt erlebt, dass hier nicht alles so ist wie im Fernsehen, liegt, wenn man so will, an der Globalisierung. Mauro hat an einer Fern-Uni studiert, zweimal im Monat ist er zu Seminaren in eine größere Stadt gefahren, nach Riobamba, dort übernachtete er bei einem Freund. In der Familie wohnte auch eine deutsche Freiwillige, so freundete er sich mit ihr und ihren Kollegen an. Er träumte davon, selbst einmal nach Deutschland zu reisen. Dann postete einer seiner deutschen Facebook-Freunde: Freiwillige für Deutschland gesucht. In fünf Minuten schrieb er seine Bewerbung. Engagement war gefragt, er passte ins Profil, schließlich war er aktiv in seinem Barrio, wo Rinderhalter leben, ein paar Obstbauern und Restaurantbesitzer: Wenn die Bewohner eine neue Wasserleitung zu bauen hatten oder es Veranstaltungen zu organisieren gab, war er dabei.

Leserkommentare
  1. "Und dann ist der "Eingereiste/Bundesfreiwillige" sicher berechtigt, in Hartz 4 einzusteigen. "

    Nein, das ist nicht so. Haben Sie das irgendwo gelesen oder wollen Sie hier nur provozieren?

    "Weiter so, Deutschland ist der Samariter dieser Welt. Das find ich gut."

    Ich finde es auch gut. Ich freue mich, dass Menschen aus anderen Ländern die Gelegenheit haben, sich unser Land anzuschauen und positiv davon zuhause berichten können. Sie oder ihre Bekannten entscheiden sich dann vielleicht nach Deutschland zu gehen und unsere Wirtschaft zu bereichern indem sie arbeiten und Steuern bezahlen, mit denen dann wiederum wirklich hilfsbedürftigen geholfen werden kann.

    PS: Sie kommen nicht zufällig aus einem Bundesland, welches vom Länderfinanzausgleich profitiert? Finden Sie das eigentlich auch verwerflich?

    Antwort auf "[...]"
  2. So was sollte viel mehr gefördert werden. Unser Land gibt so viel Geld für unnützen Quatsch aus, hier könnte der Staat mal richtig sinnvoll investieren.

  3. denn sie verzeihen es mir sie haben keine Ahnung wie es in anderen westlichen Ländern zu geht, wenn es um Ausländer geht.
    Dagegen ist D eine Insel der Glückseligen, egal was die Medien inklusive den Selbsternannten Moralaposteln der Störmeldung verbreiten.

    @Thema
    Wenn auch das Bsp. etwas von heiler Welt hat und imho nicht typisch ist, und auch wie gern in der Branche der Öko Jünger etwas von geiz ist geil Mentalität hat, denn 250 Euro ist eine billige Arbeitskraft, so hat es denn Vorteil das die Leute sehen wie es in D zu geht und das Vieles was von Medien etc kolportiert wird, nicht der Realität entspricht.

    Antwort auf "Angesichts"
    • Jinja
    • 26. Juni 2012 14:33 Uhr

    @Jawoll meine Herrn
    Es geht hier um einen Freiwilligenaustausch, nicht um Migration! Nachdem die Freiwilligen ihren Dienst abgeschlossen haben (sie sind Freiwillige und verrichten ihre Arbeit übrigens ohne Bezahlung), kehren sie in ihre Heimatländer zurück.
    Ihr Populismus ist an dieser Stelle nicht angebracht!

    @ mcharlie
    Um billige Arbeitskräfte in prekären Beschäftigungen anzustellen benötigt man kein Freiwilligenaustauschprogramm. Das geht in Deutschland um einiges leichter.

    Was denke ich viele vergessen ist, dass es hier in erster Linie um den interkulturellen Austausch geht. Menschen aus Ländern des globalen Südens bekommen die Möglichkeit sich in Deutschland sozial zu engagieren und gleichzeitig Land und Leute kennen zu lernen. Sie tragen ein differenziertes Bild von Deutschland in ihre Heimatländer zurück und wir in Deutschland lernen Menschen aus anderen Ländern besser kennen.

    Diese Chance haben übrigens schon tausende deutsche Jugendliche bekommen, die mit deutschen Freiwilligenprogrammen ins Ausland gegangen sind.
    Ich finde die Idee des Süd-Austausches daher sehr begrüßenswert!

  4. Mir scheint, hier kommentieren vor allem Leute, die die entsprechenden Programme nicht kennen. Seit vielen Jahren schon können Jugendliche aus Deutschland einige Monate oder ein ganzes Jahr mit solchen "sozialen Diensten" im Ausland verbringen. Ziel ist einerseits das soziale Engagement, andererseits die interkulturelle Erfahrung.

    Was, bitteschön, ist das Problem daran, dass jungen Leuten aus anderen (auch nicht-EU) Ländern umgekehrt nun eine ähnliche Erfahrung ermöglicht wird? Die interkulturelle Begegnung wird zudem auch den jeweiligen Einrichtungen, die sie beschäftigen, gut tun - auch wenn oder gerade weil diese Begegnungen nach aller Erfahrung (für beide Seiten) nicht immer problemfrei verlaufen. Genau daran lässt sich sehr viel lernen - zum gegenseitigen Nutzen!

    Ehrlich, manchmal irritiert mich der ätzende Ton der Kommentare hier ... aber das nur am Rande (und ja, ich weiss: off topic).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wie man leider so oft feststellen muss, dass der Durchschnittsdeutsche (der SELBSTVERSTÄNDLICH über keinerlei interkulturelle Kompetenzen verfügt und mit Fahnen durch die Gegend fährt), sofort Angst bekommt, dass alle Ausländer in sein geliebtes Schlaraffenland kommen und ihm sein hart erkämpftes Luxusleben streitig machen wollen.

  5. 14. @ Nr 12

    Unsere Kommentare haben sich wohl überschnitten ... ähnliche Argumentation. :-)

  6. wie man leider so oft feststellen muss, dass der Durchschnittsdeutsche (der SELBSTVERSTÄNDLICH über keinerlei interkulturelle Kompetenzen verfügt und mit Fahnen durch die Gegend fährt), sofort Angst bekommt, dass alle Ausländer in sein geliebtes Schlaraffenland kommen und ihm sein hart erkämpftes Luxusleben streitig machen wollen.

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