Selbst-PRDas Zitat... und Ihr Gewinn

Vincent van Gogh sagt: Die Normalität ist eine gepflasterte Straße; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr. von 

Ein Auftrag des Chefs: »Bitte recherchieren Sie die Marketingstrategien unserer drei größten Mitbewerber, und legen Sie mir je eine kurze Analyse vor – bis Freitag.« Was tut der typische Mitarbeiter? Drei Wettbewerber analysieren. Bis Freitag. Eine solche Leistung ist – frei nach van Gogh – so unauffällig wie eine gepflasterte Straße; Blumen wachsen nicht auf ihr.

Dieser Mitarbeiter streicht sich mit asphaltgrauer Tarnfarbe an. Er fällt nicht negativ auf. Aber auch nicht positiv! Wer Erwartungen erfüllt, mag als zuverlässig gelten, aber nie als brillant. Wer tut, was man ihm sagt, wird als bemüht gesehen, aber nie als engagiert.

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Wie hätte ein herausragender Mitarbeiter den Auftrag umsetzt? Vielleicht hätte er die Strategien von fünf Wettbewerbern recherchiert und seinen Bericht schon am Mittwoch vorgelegt. Vielleicht hätte er jeweils eine Kurzanalyse und eine längere Analyse verfasst. Vielleicht wäre er auf die Idee gekommen, seine Ist-Analyse mit einer Prognose anzureichern. In jedem Fall hätte er das, was bestellt war, nicht nur geliefert, sondern es übertroffen – in Quantität und Qualität. Leistungs-Blumen!

Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Malen Sie sich aus, welchen Eindruck das macht: Ein Mitarbeiter überflügelt eine Anforderung aus eigenem Antrieb, und zwar so, dass sein Handeln nicht nach Übermut riecht, sondern nach Mitdenken und Engagement. Solche Ausreißer nach oben prägen sich ein, heben einen Mitarbeiter aus der Masse und machen ihn interessant.

Erst recht, wenn diese Übererfüllung des Solls bei ihm nicht Ausnahme, sondern Regel ist. Wer, denken Sie, fällt dem Chef ein, wenn er ein spannendes Projekt zu vergeben hat? Wen wird er für Beförderungen oder Gehaltserhöhungen ins Auge fassen? Über wen wird er bei seinem Oberboss schwärmen? Wer mehr als der Durchschnitt tut, kommt auch schneller als der Durchschnitt vorwärts.

Es sei denn, Sie haben es mit einem Chef zu tun, der selbst nur ein Soll-Erfüller ist. Dann laufen Sie als hochengagierter Mitarbeiter Gefahr, als »Überflieger« zu gelten und gedeckelt zu werden. Nun lohnt gute Selbst-PR: Sorgen Sie durch Präsentationen, Hausmitteilungen und Mundpropaganda dafür, dass die gehobenen Vorgesetzten Ihre Leistungsblüten im Asphalt sehen. Schon mancher Hochengagierte wurde zum Chef seines (faulen) Chefs ernannt.

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Leserkommentare
  1. Was für eine Aussicht: der Angestellte soll nicht nur machen, was verlangt ist, er soll auch "freiwillig" die Erwartungen weit übertreffen. Dazu fällt mir ein
    1) Wenn sich dieser Ethos durchsetzt, führt das ausschließlich zu mehr Stress für alle und verschiebt die allgemeine Leistungserwartung nach oben (das Übererfüllen wird normal!). Gedient ist nur dem Unternehmen!
    2) Der Angestellte hat ein Glaubwürdigkeitsproblem: "Aus eigenem Antrieb" scheint seine Leistung nur zu sein, solange sie nicht als offensichtlicher Karriere-trick durchschaut wird. Das ist im Fall einer Strategieanalyse aber ziemlich wahrscheinlich (wer kann schon glaubwürdig vermitteln, aus echtem Eigeninteresse lieber 5 statt 3 Cases zu analysieren?)

  2. 2. [...]

    Bitte bleiben SIe sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

  3. ...wer mehr macht als wofür er bezahlt wird aus eigenem ehrlichen Antrieb? oder eben als strategisches Spiel?

    Mag sein, dass es Chefs gibt, die solch Tun gutheissen, warum auch nicht: etwas gratis zu bekommen ist immer schön! Aber wenn nur ein bisschen soziale Intelligenz dabei ist dann erkennt er Ihr Spiel. Der Faktor Kollegen sollte auch nicht ausser Acht gelassen werden! Setzen Sie diese durch Ihre Ellenbogenmentalität nämlich unter Leistungs- und Rivalitätsdruck. Es könnte dann gut sein, dass alsbald Ihre Bemühungen von den Kollegen torpediert werden, ja, vielleicht wird das nächste Missgeschick Ihnen zur Last gelegt, weil Sie ein wenige "gebremst" werden sollen. Auf jeden Fall erzeugt das alles jede Menge Stress, graue Haare und Burn-Out. Prost Mahlzeit! :)

  4. Hier mal ein Gegenbeispiel:

    Machen Sie aus der Aufgabe eine Projektarbeit in der Gruppe und binden Sie Kollegen nach deren Fähigkeiten mit ein. Im Gegenzug bieten Sie an, auch mal Ihren Kollegen zu helfen.
    Verteilen Sie die Arbeit gerecht, aber sorgen Sie dafür, dass ihre Kollegen noch deren eigenen Aufträge erledigen können.
    Lassen Sie sich Zeit bis Freitag, und arbeiten Sie gründlich denn Qualität ist langfristig überzeugender.
    Wenn Sie die Arbeit klug delegiert haben, dann schaffen Sie bis Freitag vielleicht sogar zehn andere Mitbewerber und dazu das eigene Unternehmen zu analysieren.
    Vergessen Sie Prognosen. Kaffeesatzleserei sieht nur als Powerpointpräsentation gut aus.
    Die Entwicklung der Vergangenheit reicht, Prognosen können sich die Chefs dann daraus selbst machen. Das verhindert, dass die Chefs Ihnen ans Bein pinkeln, wenn die Prognosen (mit hoher Wahrscheinlichkeit) nicht stimmen. Kommunizieren Sie den Verzicht auf Prognosen in cleverer Form.
    Präsentieren Sie ihre Arbeit nach Möglichkeit nicht nur dem direkten Vorgesetzten, sondern laden Sie die höheren Chargen zu einer Präsentation durch die ganze Gruppe ein oder senden sie ihnen.

    Wie auch bei der Egomanenversion aus dem Artikel ist der Karriereschritt nicht sicher, aber es schafft ein kollegialeres Umfeld, in welchem sich entspannter und stressfreier arbeiten lässt.

    MfG
    AoM

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    Ihr Vorschlag gefällt mir so gut... wäre ich Chef: Dafür würde ich Sie mir vormerken (positiv, versteht sich!) :)

  5. ...nicht immer 120% leisten wollen und Grenzen setzen, damit man nicht überbeansprucht wird.

    In vielen Berufen ist die Arbeitsverdichtung ja schon so weit vorangeschritten, dass man froh sein kann, das geforderte überhaupt noch rechtzeitig fertig zu kriegen.

  6. Herr Wehrle empfiehlt also dem Angestellten, fünf statt nur der wichtigsten drei Wettbewerber zu analysieren. Welchen Erfolg wird der Angestellte damit einheimsen? Gar keinen, denn der Chef muss sich jetzt statt durch die Essenz durch eine Unzahl unnötiger Nebeninformationen quälen. Der Angestellte fällt zwar auf, aber negativ. Und noch etwas: Vincent Van Gogh, dessen Zitat Herr Wehrle zur Stützung seiner Thesen für das berufliche Fortkommen nutzt, war im Beruf ein Totalversager. Er scheiterte sowohl als Hilfslehrer wie auch als Hilfsprediger, und das jeweils schon nach kurzer Zeit.

    Quelle:
    http://de.wikipedia.org/w...

  7. ... bei denen jeder merkt, dass sie nicht einen Gedanken daran verschwenden, wie sie bei anderen einen bestimmten Eindruck hinterlassen können, Menschen mit einer natürlichen Autorität und Gelassenheit, die sie selber sind.

    Ich halte das für einen guten Weg, und auch wenn der eine oder andere "Selbstvermarkter" dadurch Vorteile hat, kann ich damit gut leben.

  8. ...wie feindselig der "Mehrarbeit" gegenüber argumentiert wird. Als wäre der Job generell etwas, was man nicht mag, für das Geld tut und keine persönliche Bereicherung liefert. Als handele es sich um einen ewigen Kampf zwischen dem Arbeitnehmer und dem Arbeitgeber, die sich gegenseitig belügen und betrügen, um das alte Tauzieh - Spiel um den guten Mammon zu führen.

    Es ist bezeichnend, wie stark sich Menschen voneinander abstrahoieren, sich gegenseitig auflehnen und im Berufsleben gestresst sind, getrieben vom ewigen Kampf der Effizienzsteigerung bei gleichzeitigem Wert- und Sinnverlust.

    Kein Leben kann falscher sein als dieses, was man um anderer Leute willen führt, kein Erfolg nachhaltig, den man aufgrund äußerer, statt innerer Faktoren erreichen möchte. (Viel Geld verdienen um sich Statussymbole zu kaufen, durch einen Job, den man hasst, indem man sich durch Kollegen durchsetzt, die einen beneiden und/oder die man verachtet, und man sein Unglück und seine soziale Isolation als notwendiges Übel betrachtet, um erfolgreich zu sein...nur um dann sein Unglück materiell scheinbar auszugleichen, sich selbst in die Tasche lügt, um dann irgendwann an einem Schlaganfall oder Herzinfarkt zu sterben...ist KEIN Erfolg)

    Wer das tut, was er liebt, tut viel und er tut dies gerne. Wer dies nicht tut, ist ohnehin verloren. Insofern sind Karrieretips immer ein zweischneidiges Schwert - denn die Einen brauchen SIe nicht, die anderen wollen sie nicht

    Nichtsdestotrotz netter Ansatz...

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    • dth
    • 24. Juni 2012 15:45 Uhr

    Natürlich arbeitet man mal freiwillig mehr, wenn das Umfeld stimmt, man nicht sowieso schon überlastet ist und aus innerer Motivation heraus irgend etwas tun möchte, weil man es für sinnvoll erachtet.
    Im Artikel geht es aber nicht darum, wie man sich als motiviertes Mitglied einer Gruppe verhält, sondern wie man sich am besten in Szene setzt.
    Der Protest richtet sich gegen diese aufreibende Selbstvermarktung, die niemandem etwas bringt und kaum jemandem Spaß macht.

    "Wer das tut, was er liebt, tut viel und er tut dies gerne. Wer dies nicht tut, ist ohnehin verloren. Insofern sind Karrieretips immer ein zweischneidiges Schwert - denn die Einen brauchen SIe nicht, die anderen wollen sie nicht"

    Also, "Karriere machen" bedeutet ja nicht nur, viel zu leisten (und im Optimalfall auch noch bei einer Arbeit, die einen erfüllt) - sondern auch angemessen dafür vergütet bzw. entlohnt zu werden, sei es in einem Angestelltenverhältnis oder selbständig firmierend.

    In diesem Kontext würde ich Ihr "die Einen brauchen sie nicht, die anderen wollen sie nicht" wie folgt interpretieren:
    - die kleine Gruppe derer, welche mehr oder weniger leistungsunabhängig die Karriereleiter hinauffällt, und dabei 15 bis 50% jährliche Einkommenssteigerungen einsackt, benötigt sicher keine "Karrieretips"; auf der Gewinnerseite der Zinspyramide lebt es sich halt auch ohne Tips außerordentlich gut
    - der Rest, durch eine Dekade Reallohneinbußen und konstant zunehmender Härte der Arbeitswelt gezeichnet, kann auf "Karrieretips" in der Tat verzichten, aus Erfahrung wissend, daß sich Mehrleistung - wenn überhaupt - dann vor allem für die zuvor genannte Gruppe lohnt

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