StudiumDie Edupunks kommen!

Noch sind es Außenseiter, die vernetzt lernen und neue Inhalte suchen. Organisationsforscher Ayad al-Ani über die Zukunft des Studierens von Alexandra Werdes

DIE ZEIT: Sie glauben, dass die Bildungsbranche vor einem Umbruch steht. Warum?

Ayad al-Ani: Die Hochschulen werden Vorlesungen und ganze Lehreinheiten verstärkt elektronisch produzieren und veröffentlichen. Die Studenten werden sich ihre eigenen Lernbiografien zusammenstellen und dabei nicht unbedingt ein bestimmtes Studienfach an einer einzelnen Hochschule wählen. In den USA, wo diese Entwicklung vorangeschritten ist, gibt es dafür schon den Begriff » Edupunks«.

Anzeige

ZEIT: Was bedeutet das?

Al-Ani: Der Begriff tauchte erstmals 2008 in einem Blog auf und bezieht sich auf die Szene der Cyberpunks: Außenseiter, die dank Internet ihr eigenes Ding machen können und nicht auf Konzerne und traditionelle Institutionen angewiesen sind – nicht zum Geldverdienen und nun auch nicht mehr im Bereich der Ausbildung, education. Man lernt vernetzt und sucht sich selbstbestimmt die Inhalte, die man wirklich braucht.

ZEIT: Wieso sollte sich dieses Internet-Phänomen auf etablierte Universitäten auswirken?

Al-Ani: Das ist keine soziale Utopie, das ist schon gelebte Praxis! Gute Professoren aus Yale, vom MIT, aus Stanford – die können Sie heute schon, zumindest was Einführungsveranstaltungen oder einzelne Vorlesungen angeht, kostenlos im Netz bekommen, über die Homepages der Hochschulen, aber auch über spezialisierte Plattformen wie Academic Earth oder Udacity.

Bildung für alle

Academic Earth war 2009 eine der ersten Plattformen, die einzelne Online-Vorlesungen von berühmten US-Professoren zusammenführte. Seitdem hat sich einiges getan: Der deutsche Stanford-Professor Sebastian Thrun erregte Ende letzten Jahres Aufsehen mit einem MOOC (Massively Open Online Course), als 160.000 Studenten weltweit seine Vorlesung über Künstliche Intelligenz verfolgten. Anfang Mai gaben die Eliteschmieden Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) bekannt, dass sie künftig gemeinsam online unterrichten wollen (edxonline.org); die Rivalen Stanford und Princeton finden sich unter www.coursera.org. In der iTunes University (ein Bereich der Download-Plattform von Apple) findet man Vorlesungen aus aller Welt, aus Deutschland sind bislang zwei Dutzend Hochschulen vertreten. Wer online studieren will, kann sich kostenlos den »Edupunk’s guide to a D.I.Y. credential« herunterladen  – frei übersetzt: Edupunk-Anleitung für ein Diplom zum Selbermachen.

ZEIT: Das mag in den USA funktionieren, wo es berühmte Privathochschulen gibt...

Al-Ani: In Deutschland ist die LMU München schon sehr aktiv in der iTunes University. Bislang ist das noch vor allem von dem Ehrgeiz einzelner Professoren und Institutionen getrieben, Reputation zu gewinnen. Aber das Angebot an elektronischen Lehreinheiten wird auch hierzulande schon deshalb weiter zunehmen, weil Kosten gespart werden müssen. Die Zahl derjenigen, die studieren wollen, wird bis 2021 kaum sinken.

ZEIT: Was nützt es den Unis, wenn die Vorlesungen kostenlos abrufbar sind?

Al-Ani: Der nächste Schritt ist, dass man ein Geschäft daraus macht und nicht nur die Vorlesungen ins Netz stellt, sondern im Paket auch Betreuung anbietet, Prüfungen abnimmt im Netz und am Ende ein Zertifikat ausstellt. Das hat in einzelnen Lernbereichen und Fächern schon begonnen, wie zum Beispiel Informatik, Jura oder Wirtschaftswissenschaften, die dafür prädestiniert sind. 

ZEIT: Wer kauft sich eine Jura-Vorlesung?

Al-Ani: Das ist nur eine Frage des Preises. Stellen Sie sich vor, Sie kriegen für 100 oder 200 Euro ein Zertifikat aus Harvard – dann überlegen Sie schon, ob das etwas ist, was Ihren Lebenslauf schmücken kann!

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Hochschule | Student | Internet
    Service