AgrarsubventionenDer Esel in der Politik

Agrarsubventionen nützen dem Bauern, nicht dem Tier. Das ist das Pech des Viehs. von Barbara Hofmann

Kenner schwärmen von der sensiblen Klugheit der Langohren.

Kenner schwärmen von der sensiblen Klugheit der Langohren.  |  © flinkthink/photocase.com

Zwei Esel stehen bewegungslos im Dreck. Ihre Hufe sind fast 30 Zentimeter lang, ihr Fell ist ekzemüberzogen. Sie gehören einem Landwirt in der Tessiner Gemeinde Giubiasco. Nach einer Anwohnerinitiative holt die regionale Tierschutzorganisation SPAB die Tiere ab und macht die Quälerei bekannt. Um die Esel zu retten, braucht es eine monatelange, von Fachleuten begleitete Rehabilitation.

Es ist im laufenden Jahr bereits der vierte Einsatz der Tessiner Tierschützer, bei dem es um vernachlässigte, misshandelte oder an Vernachlässigung gestorbene Esel geht. »Bis vor ein paar Jahrzehnten gab es hier kaum Esel«, sagt Armando Besomi, der Leiter und Gründer der SPAB. »Doch seit Eselhaltung subventioniert wird, gibt es diese Probleme.«

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Denn der Esel hat die Eigenschaft, dass er Raufutter verzehrt. Für Raufutterverzehrer aber spendiert der Staat landwirtschaftliche Direktzahlungen: Vier Esel zählen so viel wie eine Kuh. Normalerweise. Zu beachten sind zudem noch Flächenbeiträge – weidet der Esel in der Ebene oder in den Bergen? Hat der Bauer viel oder wenig Land? Wer mehr hat, dem wird mehr gegeben. Dem Esel geht’s dabei wie anderen Vieheinheiten auch: Direktzahlungen dienen dem Bauern und nicht unbedingt dem Tierwohl. Und so schaffen sie falsche Anreize. Das lässt Kantonstierarzt Tullio Vanzetti durchblicken, der hörbar verärgert ist über die Eselmisere. »Obwohl wir ständig über korrekte Eselhaltung aufklären, gibt es immer wieder Beanstandungen.«

Dabei schwärmen Kenner von der sensiblen Klugheit der Langohren. Ein Buch wie Die Weisheit der Esel des Engländers Andy Merrifield wurde zum Klassiker der Entschleunigungsliteratur. Und die Grautiere helfen Insassen in der Strafanstalt Saxerriet als Resozialisierungstherapeuten wieder auf die Sprünge.

In vielen südlichen Ländern wiederum wird der aus Wüstengebieten stammende Esel bis heute als Lasttier benutzt. Dort entsetzt sich der sensible Schweizer Tourist über wund gescheuerte Stellen unter Sattel und Geschirr ebenso wie über schlechte Ernährung, kranke Hufe und übermäßiges Gewicht. Des Esels Fähigkeit, unter härtesten Bedingungen viel zu leisten, macht ihn oft zum Opfer. Wie mies hingegen auch die Lebensbedingungen unter den rund 6.000 Grautieren in der Schweiz sein können, wird dabei geflissentlich ignoriert.

Esel als Rasenmäher

Esel in der Schweiz gelten als treibstofffreie Rasenmäher: Sie sollen struppige Wiesenflächen und Berghänge sauber fressen. Ein Sprecher des Bundesamtes für Landwirtschaft sagt, dass Ziegen dafür eigentlich besser geeignet seien. Aber Esel sind die lohnenderen Subventionsbeschaffer: Immerhin gibt es bis zu 250 Franken pro Tier.

Haltungsfragen sind dabei für die meisten Besitzer sekundär. Doch korrekte Eselhaltung heißt Pflege über Jahrzehnte: Esel werden bis zu 50 Jahre alt. Als Tier aus trockenen heißen Regionen braucht es einen wettergeschützten Unterstand, Sandplätze zur Fellpflege, mageres Futter und Arbeit. Das normale fette Grasfutter, dass der arbeitslose Rasenmäher in der Schweiz zu verdauen hat, führt leicht zur gefürchteten und oft tödlichen Hufrehe, einer äußerst schmerzhaften Entzündung des inneren Hufgewebes. Die meisten Tiere sterben in der Schweiz schon in jungen Jahren an solchen Haltungsfehlern. Esel brauchen außerdem Kontakt zu Artgenossen und zum Menschen – sonst werden sie bösartig.

Viele Behördenvertreter, ob für tierschützerische oder für landwirtschaftliche Belange zuständig, lassen durchblicken, dass die Kapazitäten für Qualitätskontrollen bei Tierhaltern nicht genügen. Kontrolliert wird die korrekte Tierhaltung von akkreditierten Privatfirmen. Der Staat und Tierschutzorganisationen greifen erst ein, wenn es gravierende Mängel zu beanstanden gibt.

In Feldbach am Zürichsee gibt es eine Auffangstation der Eselhilfe Schweiz. Hier kümmert man sich um Grautiere, die durch das Unwissen oder die Subventionsgier ihrer Halter in Not gerieten. Leiter Viktor Huber und seine Frau Hanni haben schon viele Esel aus miserablen Situationen geholt. Huber will nun mit tierschutzbewussten Parlamentariern das Problem auf Bundesebene angehen. Sein Traum: Ein Musterhof für korrekte Eselhaltung, der die Standards für Direktzahlungen definiert.

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Leserkommentare
  1. von "akkreditierten Privatfirmen".

    Übersetzung: Gar nicht.

    • Mari o
    • 17. Juni 2012 23:23 Uhr

    und in der Kunst ist der Esel nicht umsonst schon
    lange ein Symbol für die leidende Kreatur
    http://de.wikipedia.org/w...

  2. 3. Warum?

    "Ein Sprecher des Bundesamtes für Landwirtschaft sagt, dass Ziegen dafür eigentlich besser geeignet seien."
    Ja und warum ändert man die Subventionen dann nicht einfach? Wenn es schon unbedingt Subventionen sein müssen? Wie schwer kann es sein?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    weil die Subvention auf die Haltung raufutterfressender Tiere gezahlt wird, und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus der Schweiz, sondern aus der EU. Keine Panik - die Schweiz hat viele Abkommen mit der EU unterzeichnet, und auch wenn die Schweiz kein formales Mitglied ist. Die Sonderstellung der Schweiz verursacht meines Wissens nach für die Schweiz mehr Kosten, als sie an Subventionen bekommt, aber die Abkommen sind zwingend nötig für die Schweiz, da sie ansonsten wirtschaftlich ziemlich eingeschränkt handeln könnte.

    Ansonsten gilt es zu den Förderprinzipien der EU, nicht konkret eine spezielle Lösung für ein Problem zu fördern, sondern eher die Problembeseitigung anteilig zu unterstützen. Im konkreten Fall wäre also das Problem: die alpine Landschaft (über Jahrhunderte Almwirtschaft-Betrieb) soll so erhalten werden, wie sie ist. Da die Nahrungsproduktion heute an den Berghängen nicht mehr lohnt (Transport ist halt vergleichsweise billig), wird dort die Erhaltung der Almwiesen gefördert, bzw. eben die Tierhaltung auf diesen Wiesen.

    Wahrscheinlich wird an diesem Punkt eben eine Maximalmenge von Tieren gefördert, die wiederum soundsoviel Nahrung aufnehmen können und deshalb mehr oder weniger lohnend sind. Ich schätze, dass genau da der Hase im Pfeffer liegen wird, muss aber zugeben, dass ein-zwei Unsicherheiten in der Argumentation sein können ;)

  3. ist derjenige, der das letzte Steuerabkommen zwischen Schweiz und Deutschland verhandelt hat.

  4. weil die Subvention auf die Haltung raufutterfressender Tiere gezahlt wird, und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht aus der Schweiz, sondern aus der EU. Keine Panik - die Schweiz hat viele Abkommen mit der EU unterzeichnet, und auch wenn die Schweiz kein formales Mitglied ist. Die Sonderstellung der Schweiz verursacht meines Wissens nach für die Schweiz mehr Kosten, als sie an Subventionen bekommt, aber die Abkommen sind zwingend nötig für die Schweiz, da sie ansonsten wirtschaftlich ziemlich eingeschränkt handeln könnte.

    Ansonsten gilt es zu den Förderprinzipien der EU, nicht konkret eine spezielle Lösung für ein Problem zu fördern, sondern eher die Problembeseitigung anteilig zu unterstützen. Im konkreten Fall wäre also das Problem: die alpine Landschaft (über Jahrhunderte Almwirtschaft-Betrieb) soll so erhalten werden, wie sie ist. Da die Nahrungsproduktion heute an den Berghängen nicht mehr lohnt (Transport ist halt vergleichsweise billig), wird dort die Erhaltung der Almwiesen gefördert, bzw. eben die Tierhaltung auf diesen Wiesen.

    Wahrscheinlich wird an diesem Punkt eben eine Maximalmenge von Tieren gefördert, die wiederum soundsoviel Nahrung aufnehmen können und deshalb mehr oder weniger lohnend sind. Ich schätze, dass genau da der Hase im Pfeffer liegen wird, muss aber zugeben, dass ein-zwei Unsicherheiten in der Argumentation sein können ;)

    Antwort auf "Warum?"
    • Atan
    • 18. Juni 2012 10:56 Uhr

    wenn Sie solche Artikel z.B. über die Schweiz hereinstellen, sollten Sie mehr Information über rechtliche und politische Hintergründe vermitteln. Ich kenne mich mit den Zielen und Gepflogenheiten Schweizer Agrarsubventionen z.B. überhaupt nicht aus. Wie relevant ist die Eselhaltung überhaupt in der Schweiz?
    Wenn es aber um Schweizer Tierschutz geht: da sind die rechtlichen Gegebenheit nochmals völlig anders, es gibt z.B. tlw. öffentliche "Tieranwälte", die "Würde der Kreatur" ist in der Bundesverfassung verankert, weshalb allen Ernstes inzwischen über die Wahrung von "Pflanzenrechten" diskutiert wird.
    Und sollte es z.B. Tierschutz allgemein gehen: in Deutschland nimmt die Huftierhaltung auch immer weiter zu, indem z.B. immer mehr Laien Weiden pachten, um sich "billig" Pferde zu halten. Diese tlw. halblegalen Haltungsformen bringen div. Umweltprobleme mit sich und immer mal wieder müssen Huftiere aus ähnlichen Gründen wie oben in amtstierärztliche Verwahrung genommen werden.

    Kurz: wenn Sie gerne eine Zeitung für den gesamten deutschsprachigen Raum werden wollen, sollten Sie abseitigere Themen für deutsche Stammleser lieber "übersetzen", weil es sonst sehr schwer ist, Berichte richtig einzuordnen.
    (Ich weiss also nicht, ob hier eine skurrile Anekdote oder aber ein wichtiges Schweizer Thema behandelt wird.)

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