Guatemala : Das Experiment des Sadisten

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg infizierte der US-Mediziner John Cutler im Auftrag seiner Regierung fast 1.400 Menschen in Guatemala mit Syphilis. Viele starben qualvoll, noch heute leiden Opfer an ihren Verletzungen. Jetzt tauchen die Versuchsprotokolle auf.

Als der US-Präsident Barack Obama davon erfuhr, rief er eine Nummer mit der Vorwahl von Guatemala an. Er sagte, er empfinde »tiefstes Bedauern« und entschuldige sich bei den Opfern. Der guatemaltekische Präsident Álvaro Colom antwortete, was geschehen sei, nenne er ein »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«.

Für den Amerikaner Obama war der Anruf der Beginn einer Aufarbeitung, für die alte Guatemaltekin Marta Orellana war er der Beginn einer Krise. Erst durch diesen Anruf erfuhr sie von ihrem Schicksal. Erfuhr, dass die Amerikaner – als sie ein kleines Kind war – ihr Leben in Leid verwandelt hatten. »Dass ich infiziert wurde, ist schlimm«, sagt sie. »Dass ich davon erfahren habe, ist schlimmer.«

Der Fund, der das Schicksal von Marta Orellana und knapp 1.500 weiteren Guatemalteken verändert hat, lag unberührt vergraben in den Archiven der Pittsburgh-Universität – mehr als fünfzig Jahre lang. Bis zum Jahr 2009. Da entdeckte eine Historikerin die Akten zufällig bei einer Recherche und brachte eine Welle ins Rollen. Nachdem sich Barack Obama bei dem guatemaltekischen Staatspräsidenten entschuldigt hatte, verklagte Guatemala die USA. Nun erreichen die Ausläufer der Affäre die Gerichte. Das, wofür Obama sich entschuldigte, waren Experimente, die zwischen 1946 und 1948 in Guatemala stattgefunden haben. Medizinische Versuche an lebenden Menschen, finanziert von den Vereinigten Staaten.

Der Fund war eine nüchterne Studie mit dem Titel Inoculation Syphilis (»Einimpfen von Syphilis«), verfasst von einem gewissen John Charles Cutler, sieben Kapitel und 314 Seiten lang. Eine Studie, die nie veröffentlicht wurde; wer sie liest, weiß, warum.

Marta Orellana versteht nicht, warum Barack Obama sich entschuldigt hat: »Er kann ja nichts dafür.« Die alte Frau presst die Lippen aufeinander, sie weint, und ihre Tochter sagt: »Du bist auch nicht schuld.« Nein, Orellana ist nicht schuld daran, dass ihre Tochter den Job als Verkäuferin in einem Schnellrestaurant verloren hat, weil sie von ihr, Orellana, »diese Sache« geerbt hat. Orellana ist nicht schuld daran, dass ihr Sohn von seiner Frau verlassen wurde, weil er »diese Sache« hat. Sie ist auch nicht schuld daran, dass ihr Enkel von seiner Geliebten sitzen gelassen wurde, wegen »dieser Sache«.

»Diese Sache«, so nennt Marta Orellana ihre Geschlechtskrankheit, die bedeutet, dass sie oft müde und ihr oft übel ist, dass ihre Augen eitrige Tränen weinen, dass ihr die Haare ausfallen. Sie sitzt in einer morschen Holzhütte in Guatemala-Stadt, La Ilusión heißt das Viertel, Kletterpflanzen dringen durch die Hauswände, das Dach ist eine löchrige Plastikplane, es riecht wie in einem feuchten Keller. Orellana, eine kleine, runde Frau, 74 Jahre, 5 Kinder, 21 Enkel, 8 Urenkel, sagt: »Ich hätte niemals Kinder gekriegt, wenn ich das gewusst hätte.«

Vor vier Wochen hat sie einen Syphilisschnelltest gemacht: positiv. Einen zweiten Test: positiv. Ihre Kinder wurden untersucht. Sohn: positiv, Tochter: positiv, Enkelsohn: positiv. »Es ist wie ein böser Samen, den sie in mich gepflanzt haben«, sagt sie. Und jetzt überwuchert die Krankheit die ganze Familie.

Es ist das Jahr 1946. Der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei, die Welt sortiert sich neu. Die Menschen suchen nach Jobs und Wohnungen, auf dem Schwarzmarkt zahlt man mit amerikanischen Zigaretten. Harry S. Truman ist Präsident der Vereinigten Staaten, Frank Sinatra singt die Nummer-eins-Hits im Radio, der Bikini ist die schockierendste Erfindung des Jahres, die Mikrowelle die praktischste.

Die US-Regierung hofft auf Erfindungen aus der Medizin. Sie kämpft mit Geschlechtskrankheiten. Auf Plakaten steht: »Sie sehen vielleicht sauber aus – aber Prostituierte verbreiten Syphilis und Gonorrhö«. Viele der Kriegsheimkehrer sterben an der Syphilis. Damals schätzt man, dass sich jedes Jahr eine Million Amerikaner neu infizieren.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Bis Seite 4 gelesen,

dann hatte ich Probleme, gegen meine Übelkeit anzukämpfen. Im deutschen Faschismus gab es vergleichbare Experimente, unter anderem auch an Kindern.

Man muss sich aber nichts vormachen, auch heute gibt es diese "Experimente". Da werden den Ärzten vom den Pharmaunternehmen Geldgeschenke gemacht, teure Spaßurlaube bezahlt, wenn sie ein bestimmtes von der Firma vertriebenes Medikament bevorzugt verschreiben und dem Pharmaunternehmen ein Feedback über Nebenwirkungen oder Verträglichkeiten geben.

Man ist nur teilweise Patient, sondern potenziell auch Versuchskaninchen.

Das bedeutet "billige" Forschung durch Finanzierung durch die Kassen.

Wenn dann jemand durch das eingesetzte zu erprobende Medikament Haarausfall, Hautausschläge, Depressionen, Erektionsstörungen, Unfruchtbarkeit, Schlafstörungen, Veränderung der Libido, übermäßiges Schwitzen oder Allergien bekommt, dann wird das auch als medizinischer Kolateralschaden hingenommen und ist im Übrigen schwer als kausaler Zusammenhang nachzuweisen.

Vor Kurzem sah ich in einem Bus des öffentlichen Nahverkehrs Aufrufe einer Pharmafirma, sich bei bestimmten Erkrankungen für eine Studie zur Verfügung zu stellen (gegen ein äußerst geringes Entgelt).

Abscheulich !

Advocatus Rationaliti (oder so ähnlich)

zu erst: ich will ganz sicher nicht die Taten solcher Monstren wie Cutler und Mengele verteidigen.
Diese, nur biologisch, Menschen haben Linien überschritten, die man auch nichtmal aus der Ferne sehen sollte.
Der Zweck heiligte ihnen die Mittel. Besonders tragisch: Die "Ausbeute" aller dieser Experimente war mehr als mager.....

Aber deswegen jede Studie zu verdammen ist auch nicht richtig. Und manche Dinge erscheinen uns sehr fragwürdig, weil das Thema "medizinische Studie" in der Vergangenheit und leider auch in der Gegenwart schrecklichste Konotationen hat.

Wenn nun per Anzeige nach Personen mit Krankheit xy gesucht wird, schrillen bei uns die Alarmglocken.
Aber das heißt nicht, dass die Studie, die dahinter steht, ethisch verwerflich ist.
Denn um eine Krankheit besiegen zu können, muss man zum Beispiel erstmal wissen, womit man es zu tun hat. Und da kann es notwendig sein, möglichst viele Proben zu bekommen. Bis dahin ist nichts dabei, was ich als verwerflich ansehen würde.
Auch kann es nützlich sein, statistisches Material über Menschen mit einer bestimmten Krankheit zu sammeln.
Das ist auch nichts, was per se verwerflich ist.

Wichtig ist die abdsolute Freiwilligkeit und die Aufklärung über alle möglichen Risiken, einschätzbare, wie nicht beherrschbare.

Danke

… für den guten Artikel, auch wenn der Inhalt schrecklich ist. Ich hoffe es lässt sich für die Opfer so viel Gerechtigkeit wie möglich herstellen.

Was mich der Artikel auch lehrt: Ethik und Mitgefühl sind das a&o, wo das fehlt entsteht Leid, und je mächtiger die Person ist, der es fehlt, desto größer das Leid. Außerdem: es bedarf immer der Mittäter. Von daher ist es wichtig wachsam zu sein, dass man nicht selbst Mittäter in einem Unrechtssystem ist. Ich würde mich allerdings nicht über die Täter stellen wollen, es ist schwer zu sagen, wie man selbst handeln würde, wenn man mitten in so einer Sache ist. Das Milgram-Experiment hat da ja einiges an menschlicher Schwäche aufgedeckt … also hilft nur Wachsamkeit, da wo man selbst ist, um nicht die selben Fehler zu machen.

Der Sadist? oder Das System?

Ein bedrückender und gleichzeitig aufrüttelnder Artikel.
Es war nicht "Das Experiment des Sadisten". Hätte es Mr.Cutler nicht getan, hätten sich mit Sicherheit andere "Ärzte" gefunden. Es waren ja auch mehrere andere Mediziner beteiligt. Man könnte versucht sein,es mit dem damaligen Zeitgeist zu erklären. Die USA hatten damals Rassengesetze, die sich nur in Nuancen von denen Hitlerdeutschlands unterschieden, ja denen sogar als Vorlage gedient hatten. Ein Indioleben galt nicht viel. Aber das erklärt nicht alles. Hauptursache ist meines Erachtens damals wie heute das menschenverachtende System, bei dem der Profit im Mittelpunkt steht. Dazu passen auch die im Artikel enthaltenen Passagen über heutige Menschenversuche der Pharmaindustrie in Entwicklungsländern. Solange einzig der Profit im Mittelpunkt steht,stehen Menschenwürde und -rechte nur auf dem Papier, werden wieder Kriege um Ressourcen und Macht geführt.
Der Fehler liegt im System!!!!

Gesellschaft

Sicher, die gesellschaftlichen Bedingungen haben das erst möglich gemacht, aber es bedarf auch des entsprechenden Charakters um so etwas aus eigenen Antrieb heraus zu tun.
Die Experimente erfüllten ja nicht einmal einen erkennbaren, medizinischen Zweck.
Es hätte ja wohl genügend Infizierte gegeben, die für eine experimentelle Behandlung zur Verfügung gestangen hätten.
Solche Verbrechen zu begehen, ist immer eine individuelle Entscheidung. Man sollte den Tätern nicht ermöglichen, sich auf gesellschaftliche Umstände zu berufen.