DocumentaBrauchen wir Kunst?

Und wenn ja, wozu? In Kassel hat die Documenta eröffnet und eine aufregende Kontroverse über zeitgenössische Werke entfacht. von Christoph Menke

Ein Besucher fotografiert das Kunstwerk "The Disobedient (The Revolutionaries), 2012" der feministischen kroatischen Künstlerin Sanja Ivekovic.

Ein Besucher fotografiert das Kunstwerk "The Disobedient (The Revolutionaries), 2012" der feministischen kroatischen Künstlerin Sanja Ivekovic.   |  © BARBARA SAX/AFP/GettyImages

Jede Documenta entwirft einen Begriff der Kunst. Das ist der Sinn der Documenta: Sie fragt, wie und wozu es Kunst gibt. Das unterscheidet sie von allen themen- oder ortsbezogenen Ausstellungen und vor allem von den Biennalen der Gegenwartskunst. Der emphatische Gegenwartsbezug einer jeden Documenta liegt nicht darin, dass sie aktuelle Kunst zeigt oder ein dringliches Thema inszeniert. Eine Documenta ist nicht gegenwärtig durch ihre Objekte und ihre Themen, sondern weil sie die Frage nach dem gegenwärtigen Begriff der Kunst stellt. Deshalb verwandelt jede Documenta die Frage nach der derzeitigen Lage der Kunst in die Frage nach der Kunst in unserer derzeitigen Lage.

Jede Documenta arbeitet am Begriff der Kunst. Aus diesem Grund ist die Auswahl der Werke weder räumlich noch zeitlich begrenzt. Es war bereits die Absicht der ersten Documenta, Kunst von anderswo zu zeigen. Dafür ist Kassel – seit dem Krieg die Stadt ohne Eigenschaften, eine Stadt, die überall liegen könnte – der beste Ort. Weil Kassel nichts Eigenes hat, ist hier jeder und alles fremd. Das machte den Documentas den Ausgriff auf Kunstwerke von überall her möglich. Eine Documenta zeigt Kunstwerke aus ganz verschiedenen Kontexten. Aber sie stellt die Kunstwerke nicht in ihren Kontext zurück, sondern löst sie aus ihm heraus. Eine Documenta bringt die Freiheit zur Erfahrung, mit der die Kunstwerke den Kontext ihrer Herkunft übersteigen.

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Indem jede Documenta nach dem gegenwärtigen Begriff der Kunst fragt, gibt sie bereits eine Antwort: Sie versteht ihn als den Begriff einer Kunst, die sich durch radikale Selbstbefragung selbst bestimmt. Darin liegt der Modernismus, der mit der Documenta als Ausstellungsform verbunden ist. Ohne an diesem modernistischen Begriff einer sich selbst befragenden Kunst festzuhalten, würde die Documenta zu einem Ort der Beliebigkeit werden. Beliebigkeit aber bedeutet – siehe Vittorio Sgarbis widerliche Inszenierung auf der Biennale in Venedig – Zynismus. Es gibt keinen größeren Gegensatz dazu als die Konsequenz, die Adorno aus der Einsicht gezogen hat, die der erste Satz seiner Ästhetischen Theorie festhält: »daß nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr noch im Verhältnis zum Ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht«. Adornos Konsequenz aus dieser Einsicht lautet: »zweite Reflexion« – weiterdenken.

Der Autor

Christoph Menke ist Professor für Praktische Philosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Als Teilnehmer der Documenta 13 gestaltet er eine Vortragsreihe zum Thema »Was ist Denken?«

Eine Kunst, die sich durch radikale Selbstbefragung bestimmt, begreift sich als radikales Experiment der Form. Ein Kunstwerk kann nur etwas darstellen, indem es eine Form herstellt; in der Kunst geht es um das Machen von Formen. Der Grund und Anfang der Formwerdung, die das Kunstwerk ist, kann aber nur das Formlose sein. So sind die Zonen der Unbestimmtheit, mit denen Gerhard Richter seine Gestalten umgibt, der Grund der Formlosigkeit, aus denen sie hervorgehen; so ist der Tanz der Striche, den Jasper Johns’ Bilder aufführen, nicht gestisch, nicht Ausdruck eines Inneren, sondern das Spiel, in dem Ordnungen zugleich gebildet und aufgelöst werden.

Warum es nicht ausreicht, die Kunst als »Kritik« zu definieren

Das Formlose als Grund der Form hat die Moderne seit Nietzsche auf ganz verschiedene Weise benannt: als Spiel, Chaos, Rausch, Zufall, Materie oder Leben. Immer aber geht es darum, das Kunstwerk als das Geschehen der allerunwahrscheinlichsten Verwandlung zu begreifen: des Hervorgehens der Form aus dem Formlosen. Unwahrscheinlich ist diese Verwandlung, weil sie durch nichts abgesichert ist. Man kann nicht vorweg und allgemein wissen, wie und ob sie gelingen wird; man kann es daher auch nicht können. Das macht jedes Kunstwerk zum Experiment: zum Experiment mit einer bestimmten Weise, einer bestimmten Strategie des Machens einer Form aus dem Formlosen.

Wenn eine Documenta nach dem Begriff der Kunst fragt, dann fragt sie danach, wie die Kunst die Formwerdung aus dem Formlosen vollziehen kann. Sie fragt danach, ob diese Weisen und Strategien uns überzeugend erscheinen; ja, ob es überhaupt noch Weisen und Strategien gibt, in denen diese Experimente so geschehen, dass sie für das »Ganze« (Adorno) von Bedeutung sind, weil sie aufs Ganze gehen – worin also das »Existenzrecht« (Adorno) der Kunst gegenwärtig besteht.

Wenn der Modernismus einer jeden Documenta darin liegt, dass die Kunst mit dem Begriff und der Möglichkeit der Kunst experimentiert, dann müssen auch die Strategien befragt werden, mit denen die Kunst die Frage nach ihrer Möglichkeit seit den 1960er Jahren zu beantworten versucht hat. So viel ist richtig an der These von Arthur Danto, dass in der Kunst seit Warhol alles gehe: Es ist nicht mehr klar, wie es geht, vor allem, ob es so wie bisher weitergeht. Dieser Zweifel betrifft vor allem zwei Strategien der Gegenwartskunst.

Leserkommentare
  1. Kunst: Mit seinen fertigkeiten und talenten etwas gekonnt schaffen. Entweder ist bei mancher Kunst kein Talent im Spiel, oder es liegt an der Ignoranz der leicht zu begeisternden Zuschauer.
    Bild: Teddybären? Selbstgenäht oder was? Ja, wir brauchen Kunst, aber keine Laien, die sie umdefinieren, weil sie selbst zu nichts großartigem Imstande sind. Kunst sollte die Fantasie beflügeln, vielleicht auch die Romantik und edleren Sinne im Menschen. Leichengeruch hingegen ist einfach nur Pervers, und diese Perversitäten verdienen es nicht Kunst genannt zu werden.
    Ich selbst war nie in der Lage meine besten Kopfbilder auf Leinwand zu bringen, weil sie eine Dimension mehr hatten. Das wäre Kunst.

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    • aadam
    • 23. Juni 2012 10:34 Uhr

    Sie verwechseln Kunst mit Kunsthandwerk. Kunst muss nicht gefällig sein, sie muss aufrütteln, abstossen, provozieren, berühren, faszinieren, fesseln. Gute Kunst passt grundsätzlich nicht ins Wohnzimmer.

    Sehr geehrter Erdling, die Ignoranz, die Sie hier einem allzu leicht zu begeisterndem Publikum zusprechen, sehe ich zunaechst einmal bei Ihnen selbst. Vielleicht haben Sie es noch nicht mitbekommen, aber die Ausfuehrung der bildenden Kuenste hat im Laufe der letzten hundert Jahre doch erheblich andere Veraenderungen erfahren. Wenn Sie etwa in der Fettecke von Beuys nichts weiter erkennen als eine zu beseitigende Verschmutzung des Raumes, (wie einst jene eben dadurch beruehmt gewordene Putzfrau...), dann sei Ihnen erwidert, dass sich hier, eine viel tiefere Dimension verbirgt: vom blossen Zeigen eines dreidimensionalen Objektes wird das Wesenhafte des Materials ins Spiel gebracht; hier finden Sie die eine Dimension mehr, die es Ihnen ja unmoeglich macht, Ihre eigenen Kopfbilder "auf die Leinwand zu bringen".
    Ich kann verstehen, wie muehsam es ist, sich in die Werke zeitgenoessischer Kuenstler hineinzufinden. Nicht immer will das gelingen, aber ohne eine gewisse Unvoreingenommenheit bleibt nicht mehr als zu sagen: "schlecht" oder "blabla".
    Mit ein wenig mehr Offenheit wuerden Sie dann vielleicht erkennen, dass verdampfendes Leichenwasser nicht mehr und nicht weniger pervers ist, als beispielsweise die malerische Schilderung der Kreuzigung Jesu. Sie haben das Recht, sich eine romantische, die Fantasie befluegelnde Kunst zu wuenschen. Wenn Sie diese nicht auf der Documenta finden, bleiben Sie einfach fern.

    • Kilma
    • 23. Juni 2012 9:59 Uhr

    Die Charakterisierung der documenta sowie die Skizze zur zeitgenössischen Kunst sind m.E. gut auf den Punkt gebracht.

    Die Bestimmung der Kunst als "Experiment der Freiheit" scheint mir aber etwas zu idealistisch. Sie erweckt zum einen den Anschein als existiere die Kunst (bzw. der Künstler)losgelöst von sozialen Normen und Logiken und zum anderen als wären Kunstwerke nicht durch gewisse Teleologien bestimmt. Zudem beschreiben Künstler den Vorgang des Schaffens eines Werkes als inneren Zwang.

    Ich denke auch nicht, dass sich die Frage des Brauchens hier stellt. Menschen machen eben Kunst. Doch vermutlich ist sie auch vielmehr rhetorischer Art.

    • aadam
    • 23. Juni 2012 10:34 Uhr

    Sie verwechseln Kunst mit Kunsthandwerk. Kunst muss nicht gefällig sein, sie muss aufrütteln, abstossen, provozieren, berühren, faszinieren, fesseln. Gute Kunst passt grundsätzlich nicht ins Wohnzimmer.

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    • edgar
    • 23. Juni 2012 10:51 Uhr

    Die landläufige Meinung scheint leider allerdings eine andere zu sein.

    Es ist natürlich m.E. auch ziemlich schwierig, da heutzutage ein guter Kunstunterricht in der Schule nicht zur Allgemeinbildung gehört, da Kunst von vielen als nicht nützliches Fach beurteilt wird. Nach dem Motto, lieber bereits etwas Jura, Informatik oder BWL.

    Dabei wäre eine Rückkehr zu einer grundlegenden Allgemeinbildung heutzutage nötiger denn je.
    Zur Vermittlung von Fachwissen waren ursprünglich die Unis und Fachhochschulen da.

    "Gute Kunst passt grundsätzlich nicht ins Wohnzimmer."

    In ein Wohnzimmer paßt beinahe jeder Cézanne, die meisten van Gogh, vieles von Baumeister, Kandinsky, Klee, Bracque, Picasso, alles von Dürer, Monet, Turner, Constable, Vermeer, Rembrandt, Hals, man kann in der kleinsten Stube noch einen Giacometti aufstelllen, selbst die Uta von Naumburg mißt weniger als 2,2 m - ist das alles keine gute Kunst?

    • edgar
    • 23. Juni 2012 10:51 Uhr

    Die landläufige Meinung scheint leider allerdings eine andere zu sein.

    Es ist natürlich m.E. auch ziemlich schwierig, da heutzutage ein guter Kunstunterricht in der Schule nicht zur Allgemeinbildung gehört, da Kunst von vielen als nicht nützliches Fach beurteilt wird. Nach dem Motto, lieber bereits etwas Jura, Informatik oder BWL.

    Dabei wäre eine Rückkehr zu einer grundlegenden Allgemeinbildung heutzutage nötiger denn je.
    Zur Vermittlung von Fachwissen waren ursprünglich die Unis und Fachhochschulen da.

    Antwort auf "Verwechselung"
  2. v. a. etwas, das die Spießer nicht verstehen, da sie zur ästhetischen Reflexion/Sensation gar nicht in der Lage sind.

    Danke für den Artikel.

    Ergänzend oder kontrastierend zu den Ausführungen Menkes noch folgende Einlassungen Seels: http://www.mumok.at/filea... (mitsamt kursorischer Betrachtungen zur documenta)

  3. Kunst, anders als Essen und Trinken brauchen wir nicht. Wir wollen sie. Sollte das den Beitrag verändern?

  4. sind ferner diese Überlegungen Menkes: http://repository.dl.itc....

  5. ... für etwas, was Jahrhunderte, Jahrtausende unbestritten war. Die Moderne muß offenbar so grundlegend darüber debattieren, denn die moderne Kunst scheint fragwürdig geworden. Wer würde heute die seinerzeit stark kritisierte Fertigstellung des Domes in Köln in Frage stellen? Wer die gotische Retabelmalerei? Ist nicht jeder angetan von den Höhlenmalereien der Cro-Magnon-Menschen oder von Albrecht Dürers Portraits in Nürnberg? Von manchem Werk in Kassel darf man doch fragen, ob sie in zweihundert , geschweige denn tausend Jahren, überhaupt noch in Spuren bekannt sein wird. Und das eben ist die Fragwürdigkeit: Die moderne Kunst muß sich selbst mit der Frage auseinandersetzen, ob sie etwas Dauerhaftes zur Kultur beitragen will, oder ob sie weiter versuchen will, auch Scharlatanerie, dadaistischer Karneval, sinnloses Getue gegen die in der Kultur herrschenden Mehrheitsmeinungen durchzusetzen.

    Ich meine, solange die Mehrzahl sich vom dort Gebotenen achselzuckend abwendet, gar nicht erst nach Kassel kommt, noch nicht einmal wahrnimmt, was dort versucht wird, kann die Eingangsfrage so beantwortet werden: Wir brauchen Kunst und bewahren sie deshalb auf das sorgfältigste, weil sie die Kultur als solche legitimiert. Wir brauchen das meiste was in Kassel gezeigt wird nicht.

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    • aadam
    • 23. Juni 2012 11:40 Uhr

    Vieles, was vor fünfhundert Jahren als Kunst produziert wurde, ist in der Mülltonne der Geschichte gelandet. Vieles, was heute produziert wird, wird in fünfhundert Jahren unwiderruflich vergessen sein. Wie wahr. Was allerdings die nächsten 500 Jahre überlebt, können wir heute ganz sicher nicht wissen. Deshalb darf alles, was als Kunst deklariert wird, ausgestellt und diskutiert werden.
    => auch Dadaismus halte ich in Anbetracht der Undurchschaubarkeit des universellen Weltgefüges (haha) für wertvoll!

    die gleiche Antwort. Was dereinst als ästhetisch/künsstlerisch wertvoll gelten wird, kann gegenwärtig niemand vorhersagen. Künftige Generationen - hoffentlich mit mehr Kunstästhetischer und intellektueller Bildung - werden darüber entscheiden.

    wird feststellen, dass die meisten Künstler von Renommee aus früheren Zeiten heute zurecht dem Vergessen anheimgefallen sind. Stellvertretend seien viele Bilder von Salonmalern des 19. Jahrhunderts, die Höhlenzeichnungen in Lascaux/Altamira, vermeintlich primitive Stammeskunst etc. genannt. Auch die Ablehnung von künstlerischen Werken der klassischen Moderne, die ehemals in spießbürgerlichen Kreisen als bloße Schmierereien, ja sogar als entartet abgetan wurden, werden heutzutage mehr und mehr anerkannt.

    Übrigens: Es kommt nicht darauf an, ob ein Künstler ein vermeintlicher oder tatsächlicher Scharlatan war/ist, sondern ob die Werke als ästhetisch bedeutsam eingestuft werden können. Auch Kunst psychisch gehandicapter Menschen (s. Sammlung Prinzhorn) oder gar von Elefanten, Affen oder Trampeltieren kann ggf. ästhetischen Wert haben.

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