Im politisch-philosophischen Diskurs der Moderne haben fast alle Demokratietheoretiker von Rang einen systematischen Beitrag zur Erziehungslehre verfasst; die Pädagogik wurde als Zwillingsschwester der Demokratietheorie begriffen. Deshalb war die Idee des »guten Bürgers« keine Leerformel bei Festreden. Sie wurde als praktische Herausforderung verstanden, der man sich durch den Entwurf, ja die experimentelle Erprobung geeigneter Schulformen gewachsen zeigen musste.

Heute dagegen ist die Verknüpfung von Demokratie- und Erziehungskonzept, von politischer Philosophie und Pädagogik, zerrissen. Die Demokratietheorie schweigt sich über die erzieherische Seite ihres Geschäftes weitgehend aus, weder Überlegungen zu schulischen Methoden noch zum Lehrplan sind in ihr noch aufzufinden. Jede Vorstellung davon, dass eine vitale Demokratie durch Bildungsprozesse ihre eigenen kulturellen und moralischen Bestandsvoraussetzungen stets wieder erst erzeugen muss, ist der politischen Philosophie abhandengekommen.

Es lohnt sich, noch einmal an die Geschichte des öffentlichen Erziehungssystems zu erinnern, denn diese Geschichte war seit seinen Anfängen im 19. Jahrhundert eine ununterbrochene Kette von Konflikten um Form und Gehalt des Unterrichts. Den Zündstoff, der in dem staatlichen Versprechen eines Bürgerrechts auf Bildung und Erziehung steckte, mag Immanuel Kant schon vorausgeahnt haben, als er den berühmten Satz formulierte: »Zwei Erfindungen der Menschen kann man wohl als die schweresten ansehen: die der Regierungs- und die der Erziehungskunst nämlich, und doch ist man selbst in ihrer Idee noch streitig.«

Für Kant ergab sich die Parallele zwischen Regierungs- und Erziehungskunst aus der Überlegung, dass es sich bei beiden um Einrichtungen handelt, die in den unterschiedlichen Dimensionen von Gattungs- und Individualgeschichte dieselbe Aufgabe zu leisten haben; sie müssen uns durch geschickte Wahl der Mittel und Methoden, eben durch eine Art von »Kunst«, darin unterrichten, wie das eine Mal ein Volk von Untertanen, das andere Mal ein seiner Natur noch unterworfenes Kind aus dem Zustand der Unmündigkeit in den der Freiheit zu versetzen sei.

Was zunächst wie eine bloße Analogiebildung klingt, wird in den Vorlesungen zur Pädagogik noch viel stärker ausgedeutet. Kant verweist auf die wechselseitige Bedingung von republikanischer Staatsordnung und Erziehung: Der kleine, naturgetriebene Mensch muss erst einen Prozess der auf Freiheit zielenden Erziehung durchlaufen haben, bevor er Mitglied eines sich selbst regierenden Staatsvolks werden kann – so wie umgekehrt nur autonome Bürger eine Erziehung institutionalisieren können, die ihren Kindern den Weg in die politische Mündigkeit ermöglicht.

Mit einem Wort: Eine gute Erziehung und eine republikanische Staatsordnung sind komplementär aufeinander angewiesen. Erst der öffentliche Unterricht bringt im Individuum die kulturellen und moralischen Befähigungen hervor, mit deren Hilfe das republikanische Staatswesen gedeihen kann – und zwar so, dass die Bürgerschaft auch an der Emanzipation des niederen Volkes noch Anteil nimmt.

Doch warum haben sich politische Philosophie und Pädagogik heute nichts mehr zu sagen? Gewiss, es gibt immer wieder Vorstöße, über Erziehung nachzudenken, aber diese kommen einseitig von einer alleingelassenen Erziehungswissenschaft und nicht mehr aus der Mitte der politischen Philosophie selbst.

Man könnte sich nun mit der Feststellung beruhigen, dass sich darin nur das Ergebnis einer weiteren Differenzierung der einzelnen Wissenschaftsdisziplinen spiegelt. Aber dies wäre voreilig. Tatsächlich stößt die politische Philosophie ständig auf das Problem der Erziehung, ohne dafür auch nur den Ansatz einer Lösung bereitzuhalten. Das Problem der Erziehung steht viel zu sehr im Zentrum allen politischen Handelns, es berührt viel zu umfassend die Bestandsvoraussetzungen des Rechtsstaats, als dass es sich heute aus dem Korpus einer Wissenschaft oder einer Philosophie der Politik heraustrennen ließe.

Die Gründe dafür, warum sich die Demokratietheorie von der Erziehungslehre abgekoppelt hat, müssen also auf einem anderen Feld gesucht werden, und zwar dort, wo es darum geht, in welchem Umfang die Demokratie derzeit überhaupt noch auf sich selbst einwirken kann.