KonsolidierungDr. Jekyll und Mr. Hyde

Die Kolumne von Peer Steinbrück: Deutschland fordert Haushaltsdisziplin in Europa, verletzt sie aber selbst.

Unser schlechtes Kurzzeitgedächtnis verhüllt gnädig diverse Volten und voreilig als Durchbruch gefeierte Initiativen des politischen Managements im Verlauf der Refinanzierungskrise in der Europäischen Währungsunion (EWU). Sie hat nicht nur Mitgliedstaaten erfasst, sondern auch Banken. Starten wir den Versuch, unser Gedächtnis zu reaktivieren und eine Struktur in das Krisenmanagement seit Ausbruch der Refinanzierungskrise zu bringen:

  • Unter dem Dach der fiskalischen Disziplinierung und Haushaltsüberwachung wurde erstens der Stabilitäts- und Wachstumspakt (SWP) von 1999 über sechs Rechtssetzungen der EU-Kommission (»Sixpack«) verschärft. Zweitens wurde ein Fiskalpakt von 25 Staats- und Regierungschefs auf einer völkerrechtlichen Grundlage unterschrieben, der nun in den nationalen Parlamenten – in Deutschland mit einer notwendigen Zweidrittelmehrheit – zur Ratifizierung ansteht. Drittens gab es zur Konkretisierung des reformierten SWP das sogenannte Two-Pack-I.
  • Unter der Überschrift der wirtschaftspolitischen Koordination haben wir es erstens mit der sogenannten Europa-2020-Strategie zu tun. Sie steht in der Nachfolge der Lissabon-Strategie, die man ungestraft als gescheitert bezeichnen darf. Gleiches droht auch der Europa-2020-Strategie für das zweite Jahrzehnt, wenn nicht denjenigen Feldern wie Forschung und Entwicklung, Infrastruktur, Ausbildung und Qualifizierung (insbesondere von Jugendlichen), die für die Wettbewerbsposition Europas entscheidend sind, die notwendigen Ressourcen im neuen Mehrjährigen Finanzrahmen 2014–2020 zugeordnet werden. Zweitens gibt es den mit großem Aplomb von Bundeskanzlerin Merkel betriebenen, mehrfach umgetauften Euro-Plus-Pakt, der allerdings den Weg ins Nirwana genommen hat. Er war ohnehin so unverbindlich, dass er gleich nach seiner pressewirksamen Verkündung der Vergessenheit anheimfiel. Drittens gibt es einen weiteren Pakt (kein Wunder, dass man nicht mehr durchblickt): den Pakt für Wachstum und Beschäftigung, der sich bisher nicht wirklich bemerkbar gemacht hat. Er bildet im Übrigen zusammen mit dem schon genannten Two-Pack-I das sogenannte Europäische Semester.
  • Unter dem akuten Krisenmanagement sind erstens die Hilfspakete I und II für Griechenland aufzuzählen. Zweitens finden sich darunter der temporäre Rettungsschirm EFSF und der permanente Rettungsschirm ESM, der ab Juli die Rolle der Brandmauer gegen Flächenbrände in der Währungsunion übernehmen soll. Drittens kann darunter auch das Two-Pack-II verstanden werden, das der EU-Kommission bestimmte Überwachungsrechte gegenüber denjenigen Mitgliedstaaten einräumt, die einen Schutzschirm und damit die Solidarität und Bonität anderer Staaten in Anspruch nehmen. Nicht zu vergessen sind schließlich viertens die Ankäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) von Staatsanleihen labiler Staaten in einer Gesamthöhe von inzwischen rund 220 Milliarden Euro – und fünftens die beiden Kreditangebote der EZB von zweimal 500 Milliarden Euro, über die der europäische Bankensektor im November 2011 und März 2012 mit Liquidität versorgt worden ist.

Niemand kann behaupten, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs, ihre Finanzminister, die EU-Kommission und die Zentralbanker sich den Herausforderungen nicht gestellt hätten. Niemand kann auch behaupten, das sei alles völlig wirkungslos.

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Eine andere Frage ist, ob diese vielen, kaum zu überblickenden, in manchen Fällen nicht wirklich tragenden Bausteine das Muster eines konzisen und stringenten Krisenmanagements abbilden. Kann es sein, dass nicht zuletzt unter maßgeblichem deutschen Einfluss immer nur so viel in Gang gesetzt wurde, wie es die aktuelle Zwischenlage erforderte? Woraus sich ein buntes Gebilde von Elementen eines Krisenmanagements ergeben hat, das nie die Güteklasse einer angemessenen Antwort auf die Krise erreicht hat. Der Vorwurf bleibt: Der Europäische Rat lieferte von Sitzung zu Sitzung immer zu spät, zu wenig und zu ungefähr.

Diese Aufstellung des bisherigen Krisenmanagements zeigt aber auch ein grundsätzliches Defizit. Was fehlt? Die strategische Orientierung des bisherigen Krisenmanagements reduziert sich auf zwei zentrale Punkte: die Schuldenaufnahme labiler Staaten zu refinanzieren, die zu erträglichen Bedingungen keinen Zugang mehr zu den Kapitalmärkten haben – und sie durch eine rigide Haushaltskonsolidierung zu maßregeln. Betriebswirtschaftlich ausgedrückt, konzentrierte sich das bisherige Krisenmanagement auf die Passivseite der Staaten und hat seit zwei Jahren ihre Aktivseite vernachlässigt. Die dahinterstehende Vorstellung war, Zeit zu kaufen – Zeit, in der neue Regierungen Reformen durchsetzen, in der die Staaten ihre Schulden senken und wieder Primärüberschüsse erzielen (das Verhältnis der öffentlichen Einnahmen zu den öffentlichen Ausgaben ohne Berücksichtigung des Kapitaldienstes). Zeit, in der sich die Finanzmärkte wieder beruhigen und in der sich die Banken neues Eigenkapital beschaffen.

Dies ist gescheitert. Deutschland hat den Dreiklang seiner erfolgreichen Strategie »Konsolidieren, Investieren, Reformieren« aus den Jahren 2005 bis 2009 nicht zur Richtschnur seines Einflusses auf das europäische Krisenmanagement gemacht. Die notwendige Wachstumskomponente über die Förderung von Investitionen fiel unter den Tisch. Die Konsolidierungskomponente wurde dagegen den labilen Ländern als strikte Vorgabe für europäische Solidarität adressiert. Damit ließen sich innenpolitisch auch mehr Punkte machen.

Auf dieser Linie wurde Griechenland für 2011 ein Einsparvolumen von fast acht Prozent und für 2012 von fast sieben Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) vorgeschrieben. Die verabreichte Dosis Konsolidierung mit ihren Auswirkungen auf die soziale Verfassung des Landes und seine wirtschaftliche Lage wird dann deutlich, wenn sie auf Deutschland übertragen wird. Eine jährliche Sparvorgabe von sieben Prozent des BIP würde in Deutschland die Streichung von über 180 Milliarden Euro bedeuten. Demnach müssten alle öffentlichen Haushalte in Deutschland (Bund, Länder, Kommunen, Sozialversicherung) um 15 Prozent gekürzt werden. Oder allein im Bundeshaushalt hätte man 2011 etwa 60 Prozent streichen müssen. Das Einsparvolumen für Portugal in Höhe von vier Prozent seines BIP würde entsprechende Streichungen in Deutschland von über 100 Milliarden Euro verlangen.

Leserkommentare
  1. "•Trotz guter Konjunktur, sinkender Arbeitslosigkeit, sinkender Zinsausgaben und steigender Steuereinnahmen dürfte der Bund seine Nettokreditaufnahme in diesem Jahr gegenüber 2011 nahezu verdoppeln!"

    Das diese Summe nur zusammenkommt, weil wir Mrd für den ESM einzahlen müssen, verschweigt der vorlaute Herr Steinbrück geflissentlich.

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    mit der Ehrlichkeit der Argumentation hält. Das ist dann zumindest eine suggestio falsi.

    mit der Ehrlichkeit der Argumentation hält. Das ist dann zumindest eine suggestio falsi.

  2. an deutschen Firmenprofiten könnte dann der durchschnittliche ahnungslose Bundesbürger wie in der Vergangenheit in staatlich geförderte und medial beworbene Riesterrenten, Aktienfonds und Bauherrenmodellen anlegen.

    Tja, oder der deutsche Arbeitnehmer könnte die neuen Nettoeinnahmen natürlich auch verprassen. Sich zum Beispiel den BMW oder AUDI kaufen, den er sich bisher selber nicht leisten konnte.

    Oder sein Geld ausgeben wie viele Spanier, Griechen oder Italiener auch: für die gefühlt mindestens 60% aller Waren in europäischen Handelsmärkten, auf denen Made in China, Made in Japan oder Made in Taiwan steht.

    Was das alles den spanischen Arbeitslosen oder der nahezu bankrotten portugiesischen Rentenversicherung bringen sollte? Keine Ahnung, aber es war ja auch nur ein Vorschlag.

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    Antwort auf "andere Vorschläge ?"
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    Was wollen Sie denn lieber ? Einfach weitere Blankoschecks und Milliardentransfers auf die iberische Halbinsel ? Wenn dt. Arbeitnehmer etwas mehr von dem Geld behalten, dass sie erwirtschaften oder mehr Leute in D Arbeit durch die Modernisierung der Infrastruktur finden, haben sie mehr Geld um Produkte aus Spanien oder Portugal zu helfen.

    Das würde doch mehr bringen als weiter mit dt. Steuergeld Autobahnen ins Nichts in durch kleine Orte in Südspanien zu bauen ? Das EU Geld löst zwar einen kurzfristigen Bauboom aus und Provinzfürsten können sich mit Protzbauten Denkmäler setzen. Doch wenn das EU Geld verbaut ist, sind die Arbeiter wieder arbeitslos.

    Was wollen Sie denn lieber ? Einfach weitere Blankoschecks und Milliardentransfers auf die iberische Halbinsel ? Wenn dt. Arbeitnehmer etwas mehr von dem Geld behalten, dass sie erwirtschaften oder mehr Leute in D Arbeit durch die Modernisierung der Infrastruktur finden, haben sie mehr Geld um Produkte aus Spanien oder Portugal zu helfen.

    Das würde doch mehr bringen als weiter mit dt. Steuergeld Autobahnen ins Nichts in durch kleine Orte in Südspanien zu bauen ? Das EU Geld löst zwar einen kurzfristigen Bauboom aus und Provinzfürsten können sich mit Protzbauten Denkmäler setzen. Doch wenn das EU Geld verbaut ist, sind die Arbeiter wieder arbeitslos.

  3. "Niemand kann auch behaupten, das sei alles völlig wirkungslos."

    Doch das kann wirklich jeder vernünftig denkender Mensch!

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  4. ... als SPD-Finanzminister (Eichel) hat erstmals die Latte des Euro-Stabilitätskriterium gerissen. Schon vergessen, Steinbrück?

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  5. Es magelt nicht an Konjunktur in Deutschland, sondern in den Krisenländern der EWU. Wenn Sie die Kaufkraft der Deutschen künstlich stärken, dann ist das aber in erster Linie dazu geeignet, die Binnenkonjuktur anzukurbeln.

    Um bei Ihren Beispielen zu bleiben:

    Seat gehört zum VW-Konzern. Nur ein kleiner Teil des Geldes käme bei höherer Nachfrage neu eingestellten spanischen Werksarbeitern zu Gute. Gekauft würde das Auto nach wie vor bei einem deutschen Händler und wie VW die Gewinne reinvestiert, das bleibt dem Unternehmen überlassen - daraus lässt sich keinesfalls eine Stärkung der spanischen Volkswirtschaft ableiten.

    Und die Idee, man könne Griechenland auf Kreta "gesundbeurlauben", die ist auch blauäugig. Es hilft der griechischen Volkswirtschaft überhaupt nicht, wenn während der Saison die Urlauber strömen. Denn der größere Teil des Jahres ist halt nicht Urlaubssaison. Das Land wäre höchstens mit einer größeren Anzahl an Saisonarbeitern konfrontiert, was zur Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt und der soziale Situation nicht geeignet ist - sie im Gegenteil sogar noch zu verschärfen droht.

    Aber eins ist richtig: Die Krisenländer müssen ihr Konsumverhalten ändern. Nicht Importe (damit auch deutsche Exporte) an sich sind das Problem, weil es größtenteils keine entsprechenden Produkte/Dienstleistungen aus heimischer Produktion gibt. Bei einem Auto nicht weiter schlimm, bei alltäglichen Konsumgütern aber sehr wohl. Und die entstehen nicht durch ein deutsches "Exportembargo"

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    Antwort auf "wenigstens versuchen"
    • H.v.T.
    • 23.06.2012 um 19:13 Uhr

    "Eine Isolierung Deutschlands in Europa erscheint keineswegs ausgeschlossen"
    ---

    Wenn Sie uns vielleicht noch mitteilen würden, wie eine Isolierung Deutschlands in Europa vonstattengehen würde ?

    In unserer komplexen Welt der heutigen EU scheint mir das ein Gedankengang aus den Zeiten der Nationalstaaten zu sein.

    Eine Leserempfehlung
  6. "Deutschland hat den Dreiklang seiner erfolgreichen Strategie »Konsolidieren, Investieren, Reformieren« aus den Jahren 2005 bis 2009 nicht zur Richtschnur seines Einflusses auf das europäische Krisenmanagement gemacht. Die notwendige Wachstumskomponente über die Förderung von Investitionen fiel unter den Tisch."

    Lieber Herr Steinbrück, warum ignorieren sie den dritten Punkt: Reformieren?

    So lange in Griechenland die Korruption blüht, die Verwaltung versagt, Berufsgruppen Sonderrechte genießen, geringe Rechtssicherheit herrscht, keine Katasterämter existieren, etc. etc. etc., ist jeder Euro, den wir "investieren" vergebens und wird höchstens ein Strohfeuer entfachen.

    Reformieren würde aber auf entschiedenen Widerstand der betroffenen Berufsgruppen treffen. Das tut richtig weh. Und da wagt sich keiner ran. Lieber den kleinen Mann mit Lohnkürzungen und höheren Steuern maltraitieren. Das ist scheint's einfacher.

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  7. Ja, an die beiden muss ich auch immer denken, wenn ich hier die Kolumne von Steinbrück lese.
    Als wäre er bis 2009 nicht Finanzminister gewesen...

    Und so wie er sich jetzt an seine Zeit als Verantwortlicher in der damaligen Regierung nicht mehr erinnern kann, wird er sich 2013 auch nicht mehr erinnern, was er heute in der Opposition so alles meint und schreibt und mit Garantie politisch genau dort weitermachen, wo er 2009 - nach verdienter Abwahl - aufhören musste.

    Und auch danach - wenn er und seine schwarz-rot-grün-gelben Genoss_innen mit ihren Schuldenbremsen und Stabilitätspakten die halbe Euro-Zone in die wirtschaftliche Depression gekickt haben und die "marktkonforme Demokratie" kalt mittels undurchsichtiger Verträge herbeiputschten - wird Steinbrück wieder nichts mit alledem zu tun gehabt haben...

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