ErmenonvilleDer edle Wilde

Ganz nach den Vorstellungen von Jean-Jacques Rousseau entstand ein Park im Norden Frankreichs: Ermenonville. Vor 300 Jahren wurde der Philosoph geboren. Ein Spaziergang durch Gräser, Schilf und künstliche Wildnis von Christian Schüle

Mit 65 Jahren kam Rousseau dann doch. Die Archive geben keine Auskunft darüber, was ihn letztlich umgestimmt hat, aber anzunehmen ist, dass es der wundersame Landschaftspark von Ermenonville war, an dessen Eingang auf einer Steintafel zu lesen war und ist: »An diesem wilden Ort werden alle Menschen Freunde und alle Sprachen akzeptiert.«

Jahrelang hatte der junge Marquis René Louis de Girardin – dessen Bewunderung für den Genfer Philosophenpädagogen an Devotion gegrenzt haben muss – den bereits zu Lebzeiten legendären Jean-Jacques in seine Nähe zu locken versucht. Vergeblich. Rousseau, geliebt vom Volk, zensiert von den Behörden, war gegen Ende seines Lebens paranoid und verzagt, manche sagen: gebrochen – was wenig verwunderlich war nach all den Kämpfen und Verletzungen, die er als unzeitgemäßer Visionär im Ancien Régime erlebt hatte, lange bevor die Französische Revolution, auch mit seinen Ideen im Gepäck, ausbrach und ihn zu einem ihrer Helden adelte.

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Nachdem der umtriebige Aristokrat Girardin ein Schloss und 800 Hektar Domäne geerbt hatte (Gärten, Wasser, Wald und Dorf), das angrenzende Marschland trockenlegen und, ganz nach Rousseaus Ideen, einen jardin und eine désert gestalten ließ, mitten in der Provinz, 50 Kilometer nördlich von Paris, in der platten Kornebene der südlichen Picardie, gab der Philosoph schließlich nach.

Am 20. Mai 1778 also kam Rousseau in Ermenonville an, zog in ein kleines Häuschen neben Girardins Château und begann jeden Tag um fünf Uhr morgens mit einem Spaziergang durch den Garten. Nicht gar so früh, aber immerhin zur Mittagszeit tut es der deutsche Großstädter ihm nun gleich. Er will durch die Natur zu sich selbst finden, wie Rousseau es in seinen Schriften verlangt hatte: durch die Erfahrung äußerer Natur den inneren Naturzustand wiedererkennen.

Für diese Arbeit an der Selbstliebe des Individuums wurde jener 60 Hektar große Schlossgarten für jedermann zugänglich gemacht. Seit Anfang Mai trägt er den Namen »Parc Jean-Jacques Rousseau«. Er soll, mit Blick auf den 300. Geburtstag am 28. Juni, Besuchern erlauben, den verehrten und verdammten, bejubelten und gefürchteten Autor höchst einflussreicher Weltliteratur an Ort und Stelle, ja: im und durch den Garten zu erspüren.

Garten? Streckenweise wirkt das hier wie eine ungemähte Wiese, eine lieblose Affäre, ein Vorspiel ohne Raffinesse. Kniehohe Gräser reizen die Haut, die Spezies gehen kreuz und quer, dass man den botanischen Überblick verliert. Hügelaufwärts mutet das Terrain an wie ein sich selbst überlassener Mischwald, dessen Boden mit zahllosen Fichtenzapfen bestreut ist, die zu entsorgen niemand interessiert scheint. Einen gehbaren Pfad findet man erst nicht, dann irgendwie schon, nur weiß man nie, wohin er führt. Sonnenstrahlen rieseln durch die Kronen der Bäume; allerlei Blattwerk tanzt und raschelt, und der hüfthohe Farn steht stellenweise so dicht, dass man, um seine Haine zu durchbrechen, Mut zum Unwägbaren braucht – der allerdings, tatsächlich vollzogen, einen auch nicht weiterbringt. Wo das Abenteuer der Farn-Eroberung endet, ist nicht abzusehen. Gelbbäuchige Flugobjekte wummern vorbei, Gekäfer kreucht, Spinnweben verkleben Haar und Gesicht, ja, man ist verloren, einsam und auf sich gestellt in diesem Landschaftsrelief.

Leserkommentare
    • R_B
    • 28. Juni 2012 22:43 Uhr

    Lion Feuchtwanger behandelt den Stoff in "Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau". Seeeeehr lesenswert!

  1. Ein Spaziergang durch den Park von Ermenonville, zumal wenn er in Erinnerung an den 300jährigen Geburtstag des „edlen Wilden“ und in vermuteter Reise- bzw.Urlaubsstimmung stattfindet, kann die Phantasie und lauter gute Gefühle beflügeln: all die positiven Seiten des Menschen Rousseau und seiner aufgeklärten Ideen ins Gedächtnis rufen und vielleicht sogar zu der Behauptung führen: „Rousseau galt als unkompliziert und zugänglich für jedermann, ohne Attitüden und Allüren“ - so „offen für alle“ wie der Garten, den ein Anhänger „ganz nach Rousseaus Ideen“ gestaltet hatte.
    Dennoch sollte gerade auch im Jubeljahr daran erinnert werden: Es gab zugleich ganz andere Seiten dieses „Philosophenpädagogen“. Und manche seiner aufgeklärten Ideen waren höchst gefährlich, haben vielleicht sogar eine vollständige Aufklärung bis heute eher verhindert. Darüber kann u. a. nun auch Philipp Blom aufklären – mit seinem Buch „Böse Philosophen“, zu denen ursprünglich auch Rousseau gehört hat ( München 2011).

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