»Rechts« heißt in Frankreich zunächst einmal mehr als nur »rechts von der Mitte«. Während Deutschlands politische Landschaft mit zwei Mengen verglichen werden kann, die sich überlappen, ist sie in Frankreich ein Feld zwischen entgegengesetzten Polen. Rechts ist dort daher alles, was nicht links ist. Auch deshalb ist die französische Rechte ungleich komplexer als die deutsche.

Ihr Urknall war die Revolution von 1789, und sofort expandierte sie zu einem vielgestaltigen Kosmos. In den Jahrzehnten danach verfestigten sich drei Galaxien: die katholischen Legitimisten, antimodern, aber sozial; sodann die Orléanisten, die einen konservativen Liberalismus vertraten; schließlich die Bonapartisten, nationalpopulistisch und autoritär.

Dieses Begriffsschema hilft auch heute noch, die Welt der Rechten zu ordnen, die von Widersprüchen durchzogen ist: Konservative gegen Erneuerer, Zentralisten gegen Regionalisten, Christsoziale gegen Liberale, Nationalisten gegen Europäer. In der Regierungspartei UMP unter Nicolas Sarkozy hielt das noch einigermaßen zusammen, doch kaum war der Charismatiker weg, brach offener Streit aus. Nicht zuletzt darüber, wie man es mit dem FN halten soll. Da liegt der Gedanke an eine Neuordnung nahe, namentlich an eine populistische Sammlungsbewegung aller Rechten, die gegen EU und Globalisierung anrennen wollen, »in der Art des Ungarn Viktor Orbán«, wie der Publizist Éric Zemmour im Tageblatt Figaro schreibt. Wer nicht mitmachen wolle, könne sich ja gerne eine Mitte zurechtbasteln.

Die neuen Strategen sind jung und clever

Ein rechtspopulistischer Block also. Ausgerechnet in Frankreich, unserem Nachbarland, auf einer der Hauptbühnen Europas. Das wäre eine politische Katastrophe. Und eine historische Gelegenheit für die Lepenisten. Freilich müsste sich ihre Partei dafür selbst aufheben. Kein Führungsanspruch mehr, auch keine Kaderorganisation – ein Ding der Unmöglichkeit, solange der 84-jährige Parteipatriarch Jean-Marie Le Pen noch präsent ist. Der Alte will nicht, und ihm gehört die Parteikasse.

Aber die neuen Strategen sind jung, und sie gehen schrittweise vor. Am kommenden Sonntag werden sie ihre Macht demonstrieren: In etlichen Wahlkreisen werden die Stimmen des FN den Ausschlag dafür geben, ob der UMP-Kandidat den zweiten Wahlgang der Parlamentswahlen gewinnt. Anfang der Woche stellte Marine Le Pen eine Namensliste jener Politiker vor, deren Wahl sie verhindern will, darunter einige UMP-Größen.

Die Lepenisten können auch anders. Hier und da unterstützen sie befreundete UMP-Kandidaten. Und umgekehrt. Die meisten Anhänger beider Parteien wollen ohnehin die Zusammenarbeit. Mögen sich klassische Konservative auch schaudernd abwenden, etliche Provinzhäuptlinge der UMP sind längst FN-kompatibel. Im Marseiller Raum etwa pflegen UMP- und FN-Politiker Seit’ an Seit’ die Tradition der OAS, einer Terrororganisation, die auf französischem Boden gegen die Dekolonisierung Algeriens gekämpft hatte.

Wer von Marseille aus bis an die Côte d’Azur reist, stößt immer wieder auf gepflegte Denkmäler für die OAS. In Nizza wiederum, das erst seit 1860 zu Frankreich gehört, öffnet sich der FN für »Nissa rebela«. Das ist eine Bewegung junger Leute, in der sich die Verherrlichung historischer Gangster, Feindschaft gegen den Zentralstaat und Rassismus miteinander vermischen. Man trifft sich in einem schwarz-rot gestylten Café namens Lou Bastoun, Nizzas Dialekt für »die Bastion«, um zu kickern, zu boxen und um Reden anzuhören. Gemeinsam mit dem FN macht die Truppe Wahlkampf für einen mindestens halbfaschistischen Veteranen des Indochinakriegs, der immerhin schon einmal Bürgermeister der Stadt war. Ein Aufkleber der »Nizzarebellen« trägt die Parole »Erst wir, dann die anderen«.

Die "anderen" gehören immer dazu

Das ist ein Slogan des FN, er kommt an im ganzen Land. Reisen wir ihm nach: bis ins nordfranzösische Hénin-Beaumont, wo Marine Le Pen ihn höchstpersönlich auf Flugblättern verbreitet. Die Stadt gehört zu ihrem Wahlkreis, in dem sie im ersten Wahlgang am vergangenen Sonntag über 42 Prozent erzielte. In diesem ehemals kommunistischen Kohlerevier ist der FN populär. Wenn Marine Le Pen samstags den Wochenmarkt in Hénin-Beaumont betritt, gibt sie Autogramme ohne Zahl. Le Pens örtlicher Leutnant Steeve Briois trottet hinter ihr her und ähnelt dem Postbeamten in dem Film Willkommen bei den Sch’tis, er spricht auch wie dieser und ist genauso zurückhaltend. Steeve, wie ihn fast alle nennen, ist beliebt, denn er war der Einzige, der die korrupten Geschäfte des ehemaligen sozialistischen Bürgermeisters anprangerte, als dessen Parteiführung alles noch beschwieg. Parteichef war damals François Hollande.

Pardon, Monsieur Briois, Sie kennen sich doch aus in der Gegend, wer sind hier »die anderen«, vor denen erst mal »wir« drankommen sollen? »Ach, das müssen Sie auf nationaler Ebene betrachten.«

Wir sind aber jetzt auf lokaler Ebene und fahren durch die einstigen Bergarbeitersiedlungen. Abgeschlossene Welten, in denen sich ein niedriges Backsteinhaus ans andere schmiegt. Keine Straßencafés sind zu sehen, dafür Pommesbuden. Aus der Ferne grüßen Abraumhalden, über den Schachtanlagen grünt die Natur. Industriearbeit gibt es nicht mehr, nur Jobs in Einkaufs- und Möbelzentren.

Der Weg führt zum Mahnmal für zwei Bergbaukatastrophen. Eine Stele nennt die Toten vom 10. März 1906: Nicolas Petit, Louis Renault, Charles Sausse und tausend andere. Eine zweite Säule erinnert an den 4. Februar 1970. Da starben Bergleute, die Miloslaw Gorecki hießen, Casimir Szczesny oder Boleslas Woszcyk. Die »anderen«, sie gehörten schon immer dazu.