Nach Sarkozy"Erst wir, dann die anderen"

Nach den Parlamentswahlen in Frankreich wird sich die politische Rechte neu formieren. Der Front National könnte der große Gewinner sein. von 

Frankreichs linke Regierung wird sich kommenden Sonntag im zweiten Durchgang der Parlamentswahlen eine Mehrheit sichern. Und die Rechte? Die erwartet womöglich ein Umbruch. Die ehemalige Regierungspartei UMP, die Partei Nicolas Sarkozys, ist führungslos und steht mit dem Rücken zur Wand. Im Aufwind dagegen ist der Front National (FN).

FN-Anhänger zitieren dieser Tage den nationalistischen Schriftsteller Charles Maurras mit seiner Unterscheidung zwischen dem »realen« und dem »legalen Frankreich«; Maurras übrigens war Antisemit und im Alter ein Kollaborateur der Nazis. Im »realen« Frankreich ist der FN mittlerweile die dritte Kraft. Doch am kommenden Sonntag werden die meisten, vielleicht gar alle seine Kandidaten in den Stichwahlen scheitern, denn es gilt striktes Mehrheitswahlrecht. Grüne und Linksradikale hingegen ziehen ins Parlament ein, wegen der Wahlabsprachen mit den Sozialisten – das ist das »legale« Frankreich.

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»Finden Sie das demokratisch?«, fragt Christiane Bonnegent, die für den FN Wahlkampf in Mazargues macht. Mazargues, ein Vorort von Marseille, ist die erste Station unserer Reise an die Basis des Nationalpopulismus. Dort hat der Bürgermeister, ein UMP-Mann, kürzlich das Tragen arabischer Gewänder bei Hochzeitsfeiern im Rathaus untersagt. »Viele Bürger fühlen sich hier eben nicht mehr zu Hause«, sagt sein Stellvertreter, »sie wollen, dass wir etwas dagegen tun.«

Die soziale Basis erweitert

So sieht es auch Christiane Bonnegent. Die zierliche Endfünfzigerin wechselte vor zwei Jahren von Sarkozys Regierungspartei UMP zum FN und kam 2011 in der kommunalen Stichwahl von Mazargues auf 47,5 Prozent.

Heute aber ist Feiertag, außerdem strahlt die Sonne, also ruht der Wahlkampf, stattdessen geht’s in die Calanques, die Buchtenlandschaft nahe Marseille. Christianes Mann Eric fährt das Auto, er ist ein schweigsamer Arbeitertyp aus der Normandie, nur manchmal bricht es aus ihm heraus. Das Verkehrschaos. Die Luftverschmutzung. Überquellende Mülltonnen. »Und hier lag vor ein paar Tagen ein Schüler, erschossen mit einer Kalaschnikow.«

Die Calanques sind ein kleines Paradies. In einer der Buchten liegen zwischen Sandstrand und Felsen ein paar Hütten. Auf der Restaurantterrasse wartet schon Jeannette, eine burschikose Rentnerin, sie bestellt Weißwein für alle. »Frankreich verschimmelt«, sagt Christiane Bonnegent. »Politiker kaufen sich Wählerstimmen mit Subventionen für Vereine. Die Stadtangestellten sind gewerkschaftlich organisierte Faulpelze. Und die Kleinunternehmer werden von den Steuern erdrückt« – Jeannette nickt, früher hatte sie einen Tabakladen. Damals, sagt sie, sei sogar die Kriminalität besser gewesen: »Die Gangster blieben in der Unterwelt und ließen die normalen Bürger in Ruhe. Heute reißen die Araber einem die Goldketten vom Hals.« Ist ihr das schon mal passiert? Nein.

Der Front National hat seine soziale Basis erweitert. Zum Stammpotenzial unter Landwirten und Ladeninhabern, unter Rentnern und Hausbesitzern im sonnigen Süden sowie den Lohnarbeitern in nordfranzösischen Randzonen des Wohlstands haben sich Angestellte und Beamte, außerdem Frauen und junge Leute aus allen Schichten gesellt. Das verändert den Diskurs der Partei, er verliert an Trennschärfe. Der Marktliberalismus ist passé, der Antisemitismus verdünnt. Ein Volkspartei-Effekt. Was bleibt, ist der Rassismus.

Le Pen denkt schon an 2017

Warum, Madame Bonnegent, ist der FN eigentlich gegen Halal-Fleisch in Schulkantinen? »Da sind Bakterien drin.« Sind Muslime denn öfter krank? »Die haben ein anderes Erbgut. Jetzt aber Prösterchen!« Was für ein friedlicher Nachmittag, die Meeresfrüchte schmecken, Politik ist ein ungemütliches Thema. Man könnte zwar noch über die Kommunalwahlen reden, aber – »haben Sie Katzen?«, fragt Jeannette.

Dabei sind die Kommunalwahlen 2014 ein wichtiges Etappenziel. Der FN dürfte etliche Rathäuser erobern, zumal in Südfrankreich und im äußersten Norden. Das wären Stützpunkte für die Präsidentschaftswahl 2017, in denen Marine Le Pen die Stichwahl erreichen will. Um sie zu gewinnen? In der FN-Führung weiß man, dass eine realistische Machtperspektive Veränderungen im rechten Lager voraussetzt.

Leserkommentare
  1. weil Sie sich über diese Leute auch ad personam lustig machen.
    Ah ja, Sie sind manchmal auch in der Côte d'Azur unterwegs, waouh. Mal die Nord-Viertel von Marseille besucht auf dem Weg?
    Und wer hat denn behauptet, "Islam gehört nicht zu Deutschland"? Sogar Marine hat sich nicht getraut, sowas zu behaupten, soweit ich weiß. Ich bin mir fast 100%ig sicher, in den meisten Ländern würde der FN nicht als extremist empfunden.

  2. "Ich kenne in Frankreich kaum einen, der nicht irgendwann (extrem) brutal angegriffen wurde, über die Herkunft der Angreifer will ich lieber schweigen"

    Komisch, ich kenne persönlich eigentlich niemanden, der hier körperlich brutal angegriffen wurde - auch wenn mir als Radfahrer die Pariser Autofahrer (mit und ohne Migrationshintergrund) schon manchmal sehr aggressiv vorkommen. Aber Marine Le Pen setzt sich ja gerade für die so unterdrückten Autofahrer ein.

    Könnte es sein, dass es vielleicht etwas mit Ihren Bekannten zu tun hat, dass gerade sie immer in brutale Schlägereien verwickelt werden?

    Nebenbei: ich wohne in einem nicht-Bobo Viertel und fahre täglich mit dem Fahrrad durch zwei Arbeitervororte mit sehr hohem Migrantenanteil zur Arbeit.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "hahaha"
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    Redaktion

    Auch das charakterisiert übrigens den rechtsradikalen Diskurs in Frankreich, der Hass auf die "Bobos", so wie früher auf "die Intellektuellen". Ich kenne das gut, diese Unterstellung, man kenne das "reale" Frankreich nicht - egal, wohin mich meine Arbeit führt, mir wird unterstellt, die Tage im Flore zu verbringen.

  3. Redaktion
    19. Bobos

    Auch das charakterisiert übrigens den rechtsradikalen Diskurs in Frankreich, der Hass auf die "Bobos", so wie früher auf "die Intellektuellen". Ich kenne das gut, diese Unterstellung, man kenne das "reale" Frankreich nicht - egal, wohin mich meine Arbeit führt, mir wird unterstellt, die Tage im Flore zu verbringen.

    Antwort auf "Angriffe"
  4. "Könnte es sein, dass es vielleicht etwas mit Ihren Bekannten zu tun hat, dass gerade sie immer in brutale Schlägereien verwickelt werden?"
    Es kann sein. Sie hatten keine Zigaretten dabei, als sie danach gefragt wurden, oder wollten ihre Handynummer bzw. was anderes nicht geben. Wenn man so wenig kooperativ ist, ist es durchaus gerechtfertigt, verprügelt zu werden.

    [...]

    Bei uns sagt man: "Il n'est pire aveugle que celui qui ne veut pas voir" - Es gibt keinen schlimmeren Blinde als der, der nicht sehen will - trifft bei Manchen genau zu (wem sage ich nicht, keine attaque ad personam heißt es).

    Gekürzt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au.

  5. 21. [...]

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/au.

  6. Das französische Wahlsystem ist zutiefst undemokratisch. Auf Deutschland angewendet würde es heißen, dass fast nur CDU/CSU und SPD im Bundestag vertreten wären. Vielleicht noch ein paar vereinzelte Grüne.

    Zunächst mal ist auch ein Mehrheitswahlrecht nicht per se undemokratisch, siehe Großbritannien, wo ein Wechsel zum Verhältniswahlrecht von der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt wird. Es ist halt nur nicht sehr repräsentativ.

    An den französischen Verhältnissen ist allerdings fragwürdig, dass die Bevölkerung vermutlich eher für ein Verhältniswahlrecht wäre statt dem seltsamen Hybridtypus, den sie jetzt haben (zumindest gibt die Bevölkerung ihre Stimmen mehrheitlich Parteien und Politikern, die bei einem relativen Mehrheitswahlrecht wie in GB komplett unter den Tisch fallen würden) - nur wird das Verhältniswahlrecht vor allem deswegen nicht eingeführt, weil der FN sonst seine Unterstützung in direkte politische Macht umwandeln könnte.

    Mitterand jedenfalls hat in den 80ern für eine Legislaturperiode die Proporzwahl gelten lassen, mit dem Resultat, dass es nun auch viele FN-Abgeordnete gab. In der nächsten galt wieder das Mehrheitswahlrecht...

  7. Ich habe 12 Jahre in France gelebt kenne Marseille, Lyon, Nice, Brest, Bordeaux sehr gut, auch die arabischen Viertel, Märkte. Da gibt es das beste Gemüse, Hammelfleisch, Stoffe, oft eine kaffee. Ich spreche französich fliessend, Grammatik kann ich in keiner Sprache. Ich hatte nie Probleme. Mein Schmuck ist nicht teuer, ich wechsele oft. Ein Lächeln, ein offenes, ne Menge Zeit, Bargeld, das ich kommunistisch bin verstecke ich nicht. Es gibt in diesen Gegenden Melenchon, Le Front de gauche oder Marine, die FN.... sonst gar nix. Ich war im Jemen, Libanon, Syrien ( vor 4 Jahren), habe als freie Fotografin viel in Gegenden wo die meisten nie einen Fuss hinsetzen recherchiert. Das Tolle an digital, einen laptop gibt es überall. Ich zeige meine Bilder,wenn man mich fragtdie welche von sich ihren Freunden zu machen, mach ich auch, Zeit nehm ich mir. Mir wurde mal mein 4x4 gestohlen, den fand man auf dem Weg noch Osten, organisiertes Verbrechen, vom Airport Parkplatz, die wissen wohin du fliegst, wissen sie haben Zeit.

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