Es lacht und gluckst im Versuchsraum. Eine Mutter wickelt ihr Baby. Sie singt und flirtet mit ihrem Sohn. "Bist du glücklich, mein Kleiner?", fragt sie und kitzelt ihn am Bauchnabel.

Das Wickeln dient der Forschung. Die beiden werden gefilmt. Im Raum nebenan steht Karl Heinz Brisch vor drei Monitoren. Er konzentriert sich auf jede Regung von Mutter und Kind. Stumme, fröhliche, leise, wütende und verzweifelte Eltern hat er schon am Wickeltisch beobachtet. "Diese Mutter hat das gut gemacht", lobt der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker. "Sie ist fröhlich und entspannt geblieben, war dem Baby zugeneigt, obwohl dieses die Mutter kaum beachtet hat und die Videokamera viel spannender fand." Es gäbe Eltern, erzählt er, die würden wütend oder reagierten beleidigt, wenn sie das Gefühl hätten, bei ihrem Kind "abzublitzen".

Karl Heinz Brisch ist ein genauer Beobachter. Er erkennt die "alten Gespenster" sofort. Stressvolle, unverarbeitete Erfahrungen sind das, die weit zurückreichen in die eigene Kindheit der heutigen Mütter und Väter. Gespenster, die nun plötzlich wieder im Kinderzimmer auftauchen. Und nicht selten einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind im Wege stehen. Die "sichere Bindung" aber ist für Brisch das Fundament, auf dem alles aufbaut. Sie sei der Anfang eines erfüllten, glücklichen Lebens – und elementarer als jede Frühförderung. Wenn die Bindung sicher sei, sagt Brisch, dann komme der Rest von allein.

Aber die Unsicherheit unter Eltern ist groß, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Es ist die vielleicht unberechenbarste Größe in ihrem Leben. Brisch will Müttern und Vätern mehr Zuversicht geben, sie auf ihr neues Leben mit Baby besser vorbereiten. Dazu hat er ein Programm entwickelt, das lange vor der Geburt beginnt und die Eltern bis zum Ende des ersten Lebensjahres ihres Kindes begleitet. "Safe" heißt es; die Abkürzung steht für "Sichere Ausbildung für Eltern". In Kursen lernen Mütter und Väter, ihr Bewusstsein für die Interaktion zwischen sich und dem Kind zu schärfen: Wie zeige ich Zuneigung, worin äußert sich meine Angst?

Als Brisch vor gut zwölf Jahren an das Dr. von Haunersche Kinderspital der LMU München kam, fiel ihm die hohe Zahl an Kindesmisshandlungen auf, mit denen er es zu tun hatte. Es gab Eltern, die ihr schreiendes Baby so lange geschüttelt hatten, bis es endlich still war – manchmal kam es zu Hirnblutungen, dann wurde in wenigen Minuten aus einem gesunden ein schwerbehindertes Kind. Seit der Zeit interessieren den heute 56 Jahre alten Leiter der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie die Bedingungen für das Gelingen und Misslingen dieser frühen Momente der Eltern-Kind-Beziehung.

Mit seinen Kursen setzt Karl Heinz Brisch auf rechtzeitige Interventionen. Zu Beginn geben Mütter und Väter mithilfe eines standardisierten Bindungsinterviews Auskunft über die eigenen positiven wie negativen Bindungserfahrungen. Es geht um die Qualität der Beziehungen zu Mutter und Vater, um Trennungserfahrungen oder den Verlust naher Angehöriger. "Eltern müssen darüber Bescheid wissen, dass Babys mit ihrem Verhalten alte, im Unterbewusstsein existierende Erinnerungen in ihnen wachrufen können", sagt Brisch. Ein nervtötendes Weinen oder der Wutanfall eines Kindes können an diese Erfahrungen rühren und heftige, kaum zu steuernde Gefühle bei den Eltern auslösen. Werden durch das Bindungsinterview unverarbeitete Traumata freigelegt, bieten die Kursleiter an, bei der Suche nach einem Therapeuten behilflich zu sein.