Sami Khedira»Das ist wie bei Kindern«

Sami Khedira über italienischen Mut, spanischen Stolz, deutsche Spielweisen und die Frage, was man Fußballern verbieten sollte

DIE ZEIT: Herr Khedira, was kann man sich von den Italienern abgucken, um die Spanier zu schlagen?

Sami Khedira: Das große Plus der Italiener im Spiel gegen Spanien war: Sie hatten keine Angst.

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ZEIT: Woran sehen Sie, dass eine Mannschaft keine Angst hat?

Khedira: Die Italiener haben sich nicht zurückgezogen, sondern aggressiv gegen den Mann gespielt, aber ohne zu foulen, das hat mich beeindruckt. Sie haben ihr Spiel aufgezogen, das hat man schon beim Abstoß vom Tor gesehen: Sie haben versucht, sich zu positionieren, den Ball rauszuspielen, obwohl die Spanier gepresst haben. Das ist mutig.

ZEIT: Das Spiel endete 1:1. Die deutsche Mannschaft hatte im ersten Spiel ähnliche Schwierigkeiten wie die Spanier, gegen eine defensiv gut stehende Mannschaft anzukommen. Wie schwer fällt es, auf schönes Kombinieren zu verzichten und stattdessen die Brechstange rauszuholen?

Khedira: Du musst beides können. Wir haben gegen die Portugiesen keinen berauschenden Offensivfußball gespielt. Eine unserer wenigen Möglichkeiten hat Mario Gomez zum Glück genutzt.

ZEIT: Ein Sieg, der eher an alte Zeiten erinnerte...

Khedira: Natürlich würden wir den Zuschauern und uns gern immer nur schöne Spiele zeigen. Aber wenn das Spiel es nicht zulässt, musst du es mit einer anderen Spielweise probieren. Für die wirst du vielleicht kritisiert, aber die Bayern wurden auch kritisiert, als sie gegen Chelsea im Champions-League-Finale zwar besser gespielt haben, aber eben nicht effizient.

ZEIT: Hat der dänische Sieg gegen die Niederlande die Mannschaft beeinflusst, eher auf Sicherheit zu spielen?

Khedira: Es war ein Warnschuss. Die erste Halbzeit habe ich gesehen, die Dänen haben ihre einzige Chance eiskalt genutzt, während die Holländer ein bisschen in Schönspielerei verfallen sind. Jeder kann hier jeden schlagen, vielleicht war es gut, das direkt vor dem Spiel noch mal so vor Augen geführt zu bekommen.

ZEIT: Spanien und Deutschland zählen zu den Favoriten. Geht die Leichtigkeit verloren?

Khedira: Wir setzen uns nicht mehr unter Druck als nötig. Es wird seit 2010 von uns erwartet, dass wir spektakulär spielen, aber auch 2010 war nicht alles gut: Wir haben gegen Serbien verloren, gegen Ghana einen Pflichtsieg erkämpft. Und Australien war nicht Portugal. Die Spanier tragen die Last des Titelverteidigers: Ganz nach oben zu kommen ist schon schwer, aber oben zu bleiben ist noch schwerer.

ZEIT: Die Spanier sind Welt- und Europameister. Sie spielen mit einigen Nationalspielern bei Real Madrid. Sind die denn nach all den Siegen noch heiß auf den Titel?

Khedira: Spanien ist ein stolzes Land mit stolzen Menschen. Und die geben sich alles andere als zufrieden mit den zwei Titeln. Keine Nation hat es bisher geschafft, drei Titel hintereinander zu holen, aber die Spanier haben die Mannschaft dazu.

ZEIT: Über die spanische Liga sagen Sie: Auf dem Platz herrscht absolute Disziplin, aber außerhalb mehr Freiheit. Was heißt dies für das spanische Spiel?

Khedira: Zumindest unter unserem Trainer José Mourinho ist es, ganz krass gesagt, so: Ihm ist es egal, was wir Spieler in unserer Freizeit machen, ob wir ein Bier trinken oder erst um zwei Uhr früh ins Bett gehen. Für ihn ist nur wichtig, dass wir im Training hundert Prozent geben. Das ist wie bei Kindern: Wenn man ihnen ständig etwas verbietet, machen sie es erst recht. Wenn man sie aber machen lässt, wird das Verbotene schnell uninteressant. Man lernt, dass man selbst für sich verantwortlich ist. Und das ist auf dem Platz wichtig: Der Trainer gibt dir Vorgaben, aber in jedem Spiel passiert alle paar Minuten etwas Unvorhersehbares, du musst entscheiden: Was machen wir jetzt? Bei Real haben wir Spieler mit großer Eigenverantwortung, das macht eine große Mannschaft aus.

ZEIT: Sie scheinen das verinnerlicht zu haben: Im Spiel gegen Portugal hatte man den Eindruck, Sie müssen stärker das Spiel lenken als zuvor, weil Bastian Schweinsteiger noch nicht ganz fit ist.

Khedira: Das ist meine Rolle, ganz unabhängig vom Bastian. Ich bin viel weiter als vor zwei Jahren. Wenn der Trainer mich aufstellt, fühle ich mich in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Egal, ob ein Schweinsteiger neben mir spielt oder ein Özil vor mir oder ein Neuer hinter mir. Ich selber will der Mannschaft ein gutes Gefühl geben. Das fordert der Trainer von mir, er hat mir ganz klar gesagt, dass das der nächste Schritt sein muss, und dazu bin ich bereit. Mir macht diese Rolle auch Spaß.

Leserkommentare
    • E.Wald
    • 14.06.2012 um 16:54 Uhr

    Interessante Antworten von Khedira auf gute Fragen (Erklären Sie uns bitte...). Schön!

    Eine Leserempfehlung
    • Ullli
    • 14.06.2012 um 17:23 Uhr

    Neuer, Gomez, Lahm, Schweinsteiger, Müller, Boateng, Badstuber, Kroos.
    Kein Wunder, dass die aufeinander eingespielt sind !

    Eine Leserempfehlung
  1. "seit zwei jahren geht es steil bergauf"

    da hätte sich der interviewer mal n bißchen besser vorbereiten können: bei sami geht es seit dem frühjahr 2007 steil bergauf. als 19jähriger war er ein wichtiger leistungsträger in der meistermannschaft des vfb (im letzten saisondrittel) gekrönt vom siegtor am letzten spieltag. 2009, mit 21, hat er dann nicht nur mit dem vfb die champions league erreicht sondern auch die u21 europameistermannschaft als kapitän angeführt. wenn deutschland bei dieser em weit kommt, dann liegt das insbesondere an unserer genialen doppelsechs mit schweinsteiger und khedira ...

  2. ..für mich seit geraumer Zeit der wichtigste Spieler im Team. Vor ein paar Wochen gab er der SZ-Printausgabe ein beeindruckendes Interview. Über Taktik, seine persönliche Entwicklung etc.
    Khedira verfügt auch menschlich über Anlagen die ihn als tragende Säule einer Mannschaft auszeichnen. Verfügt über Spielintelligenz und herausragende taktische Fähigkeiten. Khedira mag während eines Spieles sicher nicht so zu glänzen wie Özil oder Schweinsteiger, aber er ist für das deutsche Spiel unersetzlich.

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