FußballvolkKick statt Krieg

Die Naga, ein Volk am Rande des Himalaya, sehnen sich nach Unabhängigkeit von Indien. Weil sie die nicht bekommen, bauen sie mit Fußball ihren Nationalstolz auf. von 

Jesse Aschumi ist morgens der Erste im Bus, er springt auf den Vordersitz und schließt sein Handy an die Musikanlage an. Country-Musik schallt durch den Bus der Kohima Komets, des ersten professionellen Fußballvereins von Kohima, der Hauptstadt von Nagaland. Aschumi singt mit. Leaving on a Jet Plane, der Uralt-Hit von John Denver. Jesse ist 20 Jahre alt und trägt einen Irokesenschnitt, in seiner Heimat ist der Fußballprofi ein Star. Er will für sein Land kämpfen. »Wir Naga sind Krieger. Der Fußballplatz ist unser neues Schlachtfeld«, sagt er, plötzlich ernst. Doch gleich darauf singt er wieder.

Jesse Aschumi ist so eigen wie sein Volk, die Naga. Sie leben am Himalaya und gehören offiziell zu Indien, doch sie haben einiges mit den Tibetern gemein: Beide Völker wurden jahrzehntelang von einer Großmacht auf brutale Weise erobert und gedemütigt. Im Gegensatz zu den buddhistischen Tibetern, galten die kriegerischen Naga als Wilde: Die Männer waren ursprünglich Stammeskämpfer, die im Dschungel lebten und Totenköpfe als Trophäen sammelten.

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Indien eroberte Nagaland in den fünfziger Jahren; es teilte und verkleinerte das Siedlungsgebiet. Bis in die siebziger Jahre ermordete die indische Armee Hunderttausende Naga und brannte ihre Bergdörfer nieder. Der Völkermord blieb für viele auch nach dem Waffenstillstand von 1997 ein Geheimnis. Immer noch kennen die meisten Inder von ihrem östlichsten Bundesstaat nicht mehr als den Namen. Und Indien schleust bis heute bengalische Flüchtlinge als Siedler nach Nagaland, um die einheimische Bevölkerung unter Druck zu setzen.

Jesse hat nie etwas anderes als Fußball gelernt. Er kann weder mit dem Gewehr schießen noch mit dem Buschmesser köpfen. Sein Vorbild ist der argentinische Fußballer Messi. Doch er kann die alte Kriegermentalität nicht abschütteln. »Auch wenn ich einmal als Fußballspieler ins Ausland gehe, werde ich das nur für meinen Stamm tun«, sagt er. Es klingt so, als müsse er für das Überleben der Naga kämpfen. Vielleicht ist es auch so.

Wenn Jesse und seine Mannschaft jeden Morgen um sieben Uhr durch die engen Gassen von Kohima zu ihrem Trainingsplatz rollen, staunen die Menschen: Der Bus ist nagelneu und strahlt gelb-schwarz, in den Farben des Vereins. Er rattert und knattert nicht wie die alten Autos, die hier sonst durch die Straßen fahren. Am meisten staunen die Mütter, die ihren Söhnen im Bus zuwinken: Sie sind jetzt Fußballprofis, ihre Bilder sind in der Zeitung und auf großen Werbeplakaten. Die Jungs sind Nagalands neue Helden.

Der Mann, der die neuen Helden angestellt hat, heißt Richard Belho. Er trägt ein kariertes Hemd, Jeans und Sandalen. Belho ist ledig, fauler Kirchgänger, erfolgreicher Architekt, innovativer Internetunternehmer. Vor Jahren dachte er sich Tischlereiprojekte für arbeitslose Jugendliche aus und entdeckte dabei, dass die Jugend von Nagaland vom Fußball träumt. Obwohl er nie Fußballfan war, wurde er Manager der Kohima Komets. Gleichzeitig half er die Nagaland Premier League aufzubauen, die erste Profi-Liga des Landes, die vor drei Monaten gegründet wurde.

Belho hat den deutschen Reporter als Fußballtrainer zu sich geladen. Seine Spieler seien noch Anfänger, sagt er, sie kämen aus ärmsten Verhältnissen. Doch sie hätten alle ihren Lieblingsverein in Europa und noch nie einen europäischen Trainer gehabt. »Dir glauben sie«, sagt Belho. Fußball sei international, das gefalle ihm.

Er steht in der Küche des vierstöckigen Holzhauses, in dem er mit seinen Eltern lebt. Er ist ein 36-jähriger Mann mit Bauch, der gern kocht und gärtnert. Heute bereitet er Schweinespeck mit Chili zu. Man müsse die Naga-Kultur schmecken lernen, sagt er beim Kochen, denn es gebe außer Berichten von Missionaren nichts über sie zu lesen. Vor allem müssten die Naga aufhören, nur an ihre Geschichte zu denken.

Es ist nicht einfach, als Journalist nach Nagaland zu kommen. Als eine Delegation des EU-Botschafters in Indien im Mai ein Naga-Dorf außerhalb der Hauptstadt besuchte, legte das Innenministerium in Delhi sofort Widerspruch ein. Bis vor wenigen Jahren durften Ausländer den Bundesstaat gar nicht bereisen. Ausländische Diplomaten und Journalisten bekommen erst seit 2011 Einlass, und auch nur in beaufsichtigten Gruppen, die mit den Naga kaum reden dürfen. Als Fußballtrainer hat man hingegen keine Probleme – trotz der zahlreichen indischen Armeekontrollen, bei denen die Soldaten viele Fragen stellen.

100.000 indische Elitesoldaten sind in Nagaland noch stationiert, die Naga-Guerillas haben sich seit dem Waffenstillstand in große Camps zurückgezogen, die ihnen die indische Armee zugewiesen hat. Belho warnt: »Wir stecken in Friedensverhandlungen. Wenn sie scheitern, kann morgen wieder der Krieg ausbrechen.« Er bittet darum, keine Fragen zur Unabhängigkeit Nagalands zu stellen. »Jeder, der von Unabhängigkeit spricht, kann einen Sturm auslösen.« Fast alle Naga wollen eine eigene Nation. Doch sie haben auch genug vom Krieg und wissen, dass sie gegen die indische Armee keine Chance haben.

Die Fragen stellen sich von selbst. Nagaland ist ein Ausnahmeland – ein christliches Land, das Fußball liebt und im hinduistischen Indien liegt, wo sie verrückt nach Kricket sind. Jedes Dorf hat eine große Kirche, und neben jeder Kirche liegt ein Fußballplatz, auf dem die Kinder den ganzen Tag spielen. Die Naga bauen ihre Dörfer – Städte gibt es nur wenige – wegen des subtropischen Klimas auf den Bergrücken. Die Kirchen stehen deshalb auf Gipfeln, und die Fußballplätze liegen auf Hochflächen. Die Fußballer von Nagaland trainieren mit den aufregendsten Panoramablicken auf unberührte Berglandschaften.

Für die Naga ist der Fußball das Versprechen, das die Politik nicht einlösen kann. Das Versprechen auf eine eigene Identität, die ihnen weltweit Anerkennung verspricht und sie aus der Isolation innerhalb Indiens befreien könnte. Politisch mögen die Naga von Indien abhängig sein. Sportlich sind sie unabhängig.

Als Unternehmer hat Behlo die Politik über die Jahre verachten gelernt. Er verachtet die Inder, weil sie Nagaland seit dem Waffenstillstand mit Subventionen übergießen, die jeden selbstständigen Ehrgeiz ersticken. »Die gut ausgebildeten Naga werden Beamte auf Lebenszeit und müssen nicht mehr arbeiten«, sagt Belho, dem in der Firma Fachkräfte fehlen. Aber er verabscheut auch die Unabhängigkeitsbewegung, weil sie zur geduldeten, zweiten Macht in Nagaland aufgestiegen ist. »Die Bewegung ist eine Parallelregierung, die für jedes Geschäft Abgaben erpresst«, sagt er.

An diesem Tag hat Belho einen Termin beim Ministerpräsidenten. Ausgerechnet der ist jetzt sein Verbündeter. Er entscheidet sich dafür, die Krawatte zu Hause zu lassen, und verabschiedet sich von seiner Mutter. Dann braust er im Jeep zum Regierungssitz in Kohima. Die alten, teils brüchigen Gebäude liegen hoch über dem 100.000-Einwohner-Städtchen mit weitem Blick auf eine endlos grüne Berglandschaft. Nagaland ist ein Naturparadies: kein Hochhaus, kein Staudamm, keine breite Straße – nur Grün bis an den Horizont.

In einem Kolonialbau begrüßt ihn ein Mann mit blauem Hawaiihemd und weißem Spitzbart. Es ist der Ministerpräsident Neiphiu Rio, der erste Regierungschef einer indienfreundlichen Naga-Partei. Obwohl der eine Politiker und der andere Fußballmanager ist, haben sie etwas gemeinsam: Statt auf die Unabhängigkeit zu warten, wollen sie Anschluss an die Globalisierung finden. Statt Nagaland zu isolieren, wollen sie es einbinden.

Rio regiert seit neun Jahren. Wirtschaft und Einkommen wachsen in Nagaland nach wie vor langsamer als fast überall sonst in Indien. Er schaut resigniert. Worauf kann er noch setzen, um die Lage zu verbessern? Belho gibt ihm die Antwort: Fußball!

Er beugt sich vor und erzählt dem Ministerpräsidenten von seinem neuen Projekt. Belho will eine Fußballakademie für junge Spieler aufbauen, um sie als Basis für seinen Verein zu nutzen. Schnell stellt sich heraus: Der Ministerpräsident ist selbst ein Fußballfan. 1990 war er in Rom und sah Deutschland das WM-Finale gewinnen. »Ich habe Maradona weinen sehen«, sagt Rio. Bald spricht er über die Geschichte der Fußballweltmeisterschaften, als sei sie seine eigene. Und plötzlich bricht es aus dem bis dahin sehr beherrschten Politiker heraus: »Wir haben zu lange mit uns gehadert. Wir haben unser Potenzial nicht ausgenutzt. Mit dem Frieden, den es heute gibt, muss die Jugend endlich aus sich herauskommen.« Belho braucht Land für seine Akademie, viel Land. »Wo können Sie das hernehmen?«, fragt er. Rio braucht nicht lange nachzudenken. Er schlägt das Dorf vor, in dem er geboren wurde. Am Ende des Gesprächs bedankt sich Belho überschwänglich beim Ministerpräsidenten. Es sieht jetzt gut aus für seine Fußballschule.

Wenige Tage später steuert der Fußballmanager seinen Jeep zu den Dörfern in den Bergen. Er will junge Fußballtalente für die Akademie sichten und die Schuldirektoren um Unterstützung bitten. Als er in dem Guerillero-Dorf Tuensang ankommt, strömen die Spieler der U14-Mannschaften der katholischen und der baptistischen Schule auf ihn zu. Diese Jungs haben ihre Mannschaften selbst aufgestellt, ihre Lehrer halten Fußball für unnützen Zeitvertreib. Vor dem Spiel sprechen die Spieler ein Gebet. Dann soll jeder von ihnen seinen Lieblingsspieler nennen. Sie tun das mit ernsten, entschlossenen Mienen und ohne jedes Zögern: »Messi.« – »Cristiano Ronaldo.« – »Thomas Müller.« Die Namen der Fußballer sind ihre Glaubensbekenntnisse. Wo der Fußball erfunden wurde, wissen sie nicht: China? Brasilien?

Dann beginnt das Spiel. Das halbe Dorf hat sich um den Platz versammelt. Die Mädchen kreischen bei jedem Angriff. Die Jungs bieten ihnen tolle Ballannahmen, atemberaubende Dribblings, sogar Kopfballstafetten – nur ihre Pässe kommen nicht an. Sie sind Straßenfußballer mit viel Ball- und wenig Spielkultur. Ihnen fehlen Trainer: Die meisten Schulen haben weder Sportlehrer noch Fußballtrainer. Belho fühlt sich bestätigt. Nagaland braucht dringend eine Fußballschule. Talente gibt es zuhauf. »Fußball ist ein Bestandteil von Erziehung!« Belho redet eindringlich auf die Schuldirektoren ein. Erst sind sie skeptisch, doch bald hat er sie davon überzeugt, mit seinem Verein in Kontakt zu bleiben. Den 23-jährigen Sohn eines Gemeindearbeiters wählt er als seinen Kontaktmann vor Ort. Er ist Tuensangs bester Spieler. Seit Belhos Besuch aber hat er einen neuen Traum: Er will einmal in seinem Leben für die Kohima Komets spielen.

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Leserkommentare
  1. 1. Danke

    Herzlichen Dank für diesen schönen Artikel aus einem Land, das mir bisher völlig unbekannt war! Und er zeigt, wie heute Völker gegen ihren Willen vereinnahmt werden: nicht durch Krieg, sondern durch Umarmung...

    Wurden eigentlich schon Otto Pfister und Rudi Gutendorf in Nagaland gesichtet? Für beide dürfte Nagaland ein berufliches Paradies sein!

    Eine Leserempfehlung

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