DFB : Der Plan von der Abschaffung des Rumpelfußballs

Wie die Nationalmannschaft das Zaubern lernte – und was das mit einem holländischen Nachwuchstrainer zu tun hat
Die Nationalspieler Ilkay Gündogan, Mario Götze und Philipp Lahm beim Aufwärmen © Ina Fassbender/Reuters

Es geschah letzten Sommer, beim Freundschaftsspiel Deutschland gegen Brasilien. Für ein paar Momente fügt sich alles auf so wunderbare Weise, dass es Béla Réthy, dem Kommentator, die Sprache verschlägt. Deutschland führt 1:0, als der junge Mittelfeldspieler Toni Kroos in der gegnerischen Hälfte den Ball zu Miroslav Klose passt, der ihn zu Kroos zurückspielt, welcher schließlich mit einem Pass durch die Abwehr der Brasilianer Mario Götze in Schussposition bringt. Götze beschleunigt, versetzt den brasilianischen Torwart und versenkt den Ball aus halbrechter Position zum 2:0. Erst da findet der Kommentator seine Stimme wieder. »Guter Doppelpass«, schreit er, »klasse gespielt, wow! Jawoll! 2:0! Klasse! So! Geht! Fußball!«

Es ist nicht das erste gute Spiel der Nationalmannschaft in den letzten Jahren. Aber spätestens nach diesem 3:2 ist klar: Etwas hat sich geändert im deutschen Fußball. Nach einem bleiernen Jahrzehnt, in dem das Team mit Kampfgeist und Losglück bei Turnieren meist weiter kam, als es dem menschlichen Gerechtigkeitssinn entsprach, ist eine Generation von Hochbegabten herangewachsen. Die Vorboten des Nachwuchssegens waren Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger bei der Weltmeisterschaft in Deutschland. Dann wurde der damals 20-jährige Thomas Müller Torschützenkönig der WM in Südafrika. Danach griff sogar Real Madrid auf die Dienste zweier deutscher Nationalspieler zurück, Mesut Özil und Sami Khedira. Inzwischen sind Götze, Hummels, Schürrle, die Bender-Zwillinge nachgekommen, alle Anfang 20, alle perfekt in der Ballannahme, präzise im Passspiel, schnell im Kopf.

Und erfolgreich: Noch nie hat sich ein deutsches Team mit zehn Siegen in zehn Spielen für eine Europameisterschaft qualifiziert. Noch nie war die Mannschaft so jung. Irgendetwas, so viel ist klar, muss richtig gelaufen sein im deutschen Fußball in den letzten Jahren. Aber was genau, das ist eine Geschichte, die sich im Verborgenen abspielte. Sie wurde nicht von Männern in maßgeschneiderten Hemden geschrieben, sondern von Funktionären in Karo-Jacketts. Männern, die in Sportschulen tagten und Konzeptpapiere verabschiedeten. Die nicht nach Visionen aussahen, aber welche hatten.

Man muss, wenn man die Genese dieser Mannschaft verstehen will, weit zurückgehen, bis ins Jahr 1990. Der deutsche Fußball ist damals auf dem Höhepunkt: Das letzte westdeutsche Team ist Weltmeister geworden, noch auf der Pressekonferenz in Rom sagt Teamchef Beckenbauer : »Jetzt kommen die ostdeutschen Spieler noch dazu... ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird. Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir werden die nächsten Jahre nicht zu besiegen sein.«

Beckenbauers Worte, in der Euphorie des Sieges gesprochen, hängen in den nächsten Jahren wie Bleigewichte an der Nationalmannschaft. Berti Vogts, der neue Bundestrainer, wird nach jeder Niederlage daran gemessen. Der Verband verlässt sich jahrelang vor allem auf Spieler, die an den Kinder- und Jugendsportschulen der DDR ausgebildet wurden. Ansonsten sollen Fitness und Willensstärke wettmachen, was der Mannschaft an technischen Fähigkeiten fehlt.

Schon bald müssen Halbtalente wie der nicht sehr brasilianisch spielende Brasilianer Paolo Rink und der leichtlebige Südafrikaner Sean Dundee eingebürgert werden. Es reifen immer weniger einheimische Nachwuchsspieler heran, seitdem der Europäische Gerichtshof den Vereinen den Transfer ausländischer Spieler erleichtert. Das sogenannte Bosman-Urteil erlaubt es Spielern aus anderen Nationen, deren Vertrag abgelaufen ist, innerhalb der EU ablösefrei zu wechseln. Bundesligatrainer besetzen fortan ihre Mannschaften lieber mit 28-jährigen Billigimporten, als eigenen Jugendspielern eine Chance zu geben. Selbst die Elite des deutschen Nachwuchses, die Mitglieder der U-21-Nationalmannschaft, hat damals keinen Stammplatz in der Bundesliga. Dabei braucht es in diesem Alter vor allem Erfahrung, damit aus einem Talent ein Berufsfußballer wird.

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