Zweiter WeltkriegRegistraturen der Hölle

Deutschlands größtes Holocaust-Archiv in Bad Arolsen wird endlich zu einer Forschungsstätte.

Es ist kein gewöhnliches Archiv, das Rebecca Boehling vom kommenden Jahr an leiten wird. Anfang Juni wurde die amerikanische Historikerin berufen, und schon in den ersten Tagen danach erreichten sie einige E-Mails von Menschen, die Informationen über ihre im Krieg verlorenen Verwandten suchen und die wissen wollen, ob die entsprechenden Dokumente bereits digitalisiert seien. Solche Anfragen zu beantworten war lange Zeit die Hauptaufgabe der Institution, deren Direktorin Boehling wird: des Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes im nordhessischen Bad Arolsen, der derzeit vor dem wahrscheinlich größten Umbruch in seiner bewegten Geschichte steht.

Kurz nach Kriegsende wurde der International Tracing Service (ITS) eingerichtet. Auf Nachfrage von Angehörigen aus aller Welt forschten seine Mitarbeiter nach Menschen, die von den Nationalsozialisten verschleppt oder ermordet worden waren; Historiker bekamen keinen Zugang. 2007 wurde der Bestand dann zögernd geöffnet. Doch erst jetzt, nach mehr als 60 Jahren, soll aus der Einrichtung ein wirkliches Archiv, eine wissenschaftliche Forschungsstätte werden.

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Bad Arolsen liegt eine Zugstunde von Kassel entfernt. Vom Bahnhof aus geht man 20 Minuten durch das barocke Residenzstädtchen, bis man vor dem grauen, dreigeschossigen Bau steht, einer ehemaligen Kaserne, in der während des »Dritten Reichs« SS-Führer ausgebildet wurden. Jahrelang hat – auch in der ZEIT – die Wissenschaftlergemeinde für die Öffnung des gewaltigen Quellenbestandes gekämpft, der hier gelagert wird: 30 Millionen Dokumente aus den KZs, über Zwangsarbeiter und Deportierte. Bad Arolsen ist neben den Archiven in Washington und Jerusalem die wichtigste Sammlung zu diesem Themenkomplex überhaupt.

Noch aber sind die Dokumente des ITS nicht aufbereitet und geordnet für die wissenschaftliche Öffentlichkeit. Noch ist der Suchdienst ein reines Magazin. Aus ihm ein benutzbares Archiv zu machen ist die große Aufgabe, vor der Rebecca Boehling steht.

Nach 1945 wurden lastwagenweise Dokumente und Gegenstände in das vom Krieg unversehrt gelassene, zentral gelegene Städtchen gekarrt: Todes- und Krankenlisten aus den Registraturen der Konzentrationslager, Formulare, die ausfüllen musste, wer emigrieren wollte, Listen aus den bei Kriegsende eingerichteten Lagern für Menschen, die ihre Heimat verloren hatten, die sogenannten Displaced Persons, kurz DPs.

Die Akten wurden in der Reihenfolge, in der sie ankamen, aufgeschichtet und in einer eher intuitiven Ordnung gelagert. So legte man etwa alle Dokumente von Personen zusammen, deren Namen auf den Todeslisten von Buchenwald standen – nicht aber die Verwaltungsakten des Lagers; die bekamen einen anderen Platz.

Der Bestand umfasst Daten von insgesamt mehr als 17 Millionen Menschen. Zu den berühmtesten Dokumenten zählt ein Exemplar der Liste des Fabrikanten Oskar Schindler, der jüdische Menschen aus Auschwitz-Birkenau als Arbeiter rekrutierte und so vor der Vernichtung rettete. Auch eine alte Krankenakte Ivan Demjanjuks, des 2011 in München wegen Beihilfe zum Massenmord verurteilten einstigen Wachmannes im Vernichtungslager Sobibor, liegt in Bad Arolsen.

Die Öffentlichkeit erfuhr von der Arbeit des Suchdienstes immer dann, wenn es spektakuläre Erfolge gab: wenn die Mitarbeiter einem Mann geholfen hatten, seine Eltern wiederzufinden. Oder wenn zwei durch Kindertransporte getrennte Schwestern nach Jahrzehnten wieder vereint wurden. Derlei Geschichten gab es zuhauf, und es gibt sie noch heute – wenn auch seltener, denn die letzten Generationen, die den Nationalsozialismus erlebt und erlitten haben, gehen dahin.

»Der ITS hat noch immer eine humanitäre Aufgabe«, sagt die künftige Direktorin Rebecca Boehling. »Aber es ist auch wichtig, die Lebenswirklichkeit der historischen Personen zu erforschen.«

Das Wissen des Suchdienstes sei, wie Boehling erklärt, »inzwischen historisch geworden«. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes wird sich zum Jahresende aus der Verwaltung des Bestandes zurückziehen. Seit 1955 war es für den ITS verantwortlich und hat bislang die Direktoren des Suchdienstes bestellt. Nun hat zum ersten Mal ein Ausschuss aus Vertretern von elf Staaten den Posten besetzt. Zum ersten Mal mit einer Frau und zum ersten Mal mit einer Wissenschaftlerin, einer Historikerin. Derzeit leitet die Deutschlandexpertin, die selbstverständlich fließend Deutsch spricht, noch ein Forschungszentrum an der Universität Maryland in Baltimore.

Damit aus dem ITS ein Archiv werden kann, das wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, wurden seit der Öffnung des Suchdienstes 2007 sechs zusätzliche Stellen geschaffen: Drei Archivare, zwei Historiker und eine Pressesprecherin sind nun in Bad Arolsen beschäftigt. Drei dieser Stellen sind auf ein Jahr befristet. »Als Historikerin war es für mich beunruhigend, zu sehen, wie wenig unbefristete Stellen es im Suchdienst für Wissenschaftler gibt«, sagt Boehling. 100 Mitarbeiter sind unterdessen damit beschäftigt, die Dokumente zu fotografieren und einzuscannen.

Eine der dauerhaft angestellten Historikerinnen in Bad Arolsen ist Susanne Urban. Zu einem Teil ihrer Aufgaben gehört es, Wissenschaftlern, aber auch Schülern und Studenten den Weg ins Archiv zu weisen, denn die Räume des Suchdienstes waren so lange verschlossen, dass es vor allem viele jüngere Historiker unglaublicherweise überhaupt nicht kennen. Also reist Urban zu Konferenzen und Workshops und erzählt, was das Archiv der Forschung zu bieten hat. Manchmal spricht sie die Wissenschaftler auch direkt an und sagt ihnen, welche Dokumente für ihr jeweiliges Arbeitsgebiet dort zu finden sind.

Susanne Urban ist es auch, die in Bad Arolsen nun auf- und umräumen soll. »Dass der Bestand nicht als Archiv angelegt wurde, ist Fluch und Segen zugleich«, sagt sie. Denn so hat sich eine interessante eigene Ordnung gebildet – eine, die jedoch nicht der des Koblenzer Bundesarchives entspricht, mit dem der ITS von 2013 an zusammenarbeiten wird. Ja eigentlich entspricht das Bad Arolser System überhaupt keinem archivarischen Prinzip. »Aber es muss ja nicht immer so aussehen, wie man sich üblicherweise ein Archiv vorstellt«, sagt die Historikerin.

Tatsächlich wirken die Dokumentenstapel unübersichtlich. Aber es ist gerade dieses organisch Gewachsene, dieser Sammlungs-Charakter, der Wissenschaftler mitunter begeistert. »Die Registratur der Bestände ist selbst historisch und für sich eine Quelle«, sagt der Berliner NS-Historiker Michael Wildt.

Susanne Urban ordnet das Archiv für die eigene Forschung des ITS nach Themen, die sich aus den Dokumenten ergeben. Zunächst hat sie sich den elf Regalmetern zu den Todesmärschen zugewandt – und gerade das erste wissenschaftliche Jahrbuch des ITS dazu veröffentlicht. Derzeit arbeitet ihr Team an dem weltweit ersten Verzeichnis aller DP-Camps.

Für ihr nächstes eigenes Forschungsprojekt wird Urban frühe Zeugnisse des Suchdienstes auswerten: die Fragebögen, die seine Mitarbeiter nach dem Krieg den vielen Tausend Displaced Persons vorgelegt haben. Unter den damals befragten DPs befanden sich auch zahlreiche Überlebende des Holocaust. Susanne Urban ist besonders der Fragebogen einer Frau in Erinnerung geblieben, die als Antwort auf die Frage nach den »Besonderheiten im Lager« geschrieben hatte: »Jeden Tag dasselbe. Menschen wurden verbrannt.« Manche haben die Fragebögen nur in Stichworten ausgefüllt, andere haben sich dem Formular widersetzt und seitenweise ihre eigenen Erinnerungen aufgeschrieben. Die Sammlung dieser zwischen 1948 und 1951 erhobenen Daten ist eines der unentdeckten Vermächtnisse im Arolser Archiv – eines von vermutlich noch vielen.

 
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