Heldart BerlinAuf zum letzten Gefecht

In seiner Berliner Wohnung betreibt Matthias Held eine Galerie. Die Künstler lieben sie – weil sie sich hier so richtig austoben können. von Sebastian Frenzel

Im Jahr 2009 gab der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi bei der Berliner Gießerei Noack ein 60 Meter hohes Reiterstandbild in Auftrag. Das Denkmal sollte den Koranlehrer und Unabhängigkeitskämpfer Umar al-Muchtar ehren, doch ehe es stand, wurde Gaddafi gestürzt. Übrig blieb ein Originalentwurf in der Größe einer Büste, der in einer Ecke der Gießerei verstaubte – bis der Ausstellungsmacher Matthias Held ihn dort zufällig entdeckte.

Held zeigt die Skulptur jetzt in seinen Berliner Ausstellungsräumen – und konfrontiert sie mit einem weiteren Entwurf für eine Heldenskulptur, das von Fritz Klimsch entworfene und ebenfalls bei Noack gegossene Ulanendenkmal aus dem Jahr 1912. Last Order ist die Schau schelmisch betitelt, denn die Werke ähneln sich nicht nur formal und inhaltlich, sondern auch historisch: Zwei Jahre liegen zwischen Klimschs Entwurf und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, ebenso viel Zeit verstrich zwischen Fertigung des Muchtar-Modells und Gaddafis Tod. Endet Auftragskunst (für die Auftraggeber) in der Katastrophe? Was macht Politik, was macht Kapital mit Kunst? Wer schafft heute die Götzen?

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Wer in solchem Tempo von Fakten zu Assoziationen zu wesentlichen Fragen der Ethik und Ästhetik kommt, sitzt offensichtlich eher zwischen als auf den Stühlen. Seit 2010 betreibt Matthias Held in Berlin-Kreuzberg den Ausstellungsraum Heldart in einer Gründerzeitwohnung, in der er auch lebt. Fragt man ihn, was genau es mit Heldart auf sich hat, erntet man Schulterzucken. »Ich bin kein Kurator und kein Galerist«, sagt der 46-Jährige, »ich bewege mich zwischen Institution und Kommerz.« Möglich, dass gerade diese Unbestimmtheit ein Schlüssel zum Erfolg ist. Ohne den finanziellen Druck des Handels, ohne die Erwartungshaltung eines Museums, können sich bei Heldart auch gestandene Künstler noch einmal selbst überraschen. Die Adresse am Erkelenzdamm 61 jedenfalls hat sich in Berlin in kürzester Zeit herumgesprochen.

Zum Auftakt gab es hier eine Schau zu Comic und Kunst. Zeichnungen von Robert Crumb oder Art Spiegelman mischten sich unter Arbeiten von Raymond Pettibon, Öyvind Fahlström oder Andreas Hofer – im Flur hing zudem ein echter Gauguin, bewacht von zwei stämmigen Bodyguards. Zusammen erzählten die Arbeiten eine so packende Geschichte von Superhelden, Weltuntergängen und Paradiesen, dass man darüber fast vergaß, ob man vor dem erhabenen Meisterwerk stand oder einem Medium, das per se schon auf Reproduktion angelegt ist.

»Geschichten sind Konstruktionen, aber die Wertkontexte der Kunst sind es ja auch«, sagt Matthias Held dazu. Er hat es selbst erlebt. Nach seinem Kunststudium in München ging Held nach New York, es waren die frühen neunziger Jahre, die Zeit des großen Katers nach dem Kunstmarkt-Crash, als die Spitzenwerke von gestern plötzlich nichts mehr wert waren, als »selbst Großgaleristen wie Leo Castelli und Ileana Sonnabend nicht mal mehr Wasser ausschenkten«. Zusammen mit einem Kollegen betrieb Held einen Offspace, nach vier Jahren musste er schließen. Mit einer Medienagentur verdiente er bis zu seinem Umzug nach Berlin sein Geld.

Die New Yorker Krisenerfahrung hat ihn abgeklärt, heute agiere der Markt schon wieder verrückt, »wenn eine Fotografie von Cindy Sherman teurer ist als ein Renoir«. Zugute kommt Held auch, dass er als ehemaliger Künstler Gespräche auf Augenhöhe führen kann. Seine Ausstellungen sind bestückt mit Arbeiten von Sammlern (der Gauguin etwa war aus einer Privatkollektion in der Schweiz entliehen), vor allem aber von Künstlern, die sich in dem intimen Ambiente seiner Wohnung frei entfalten können. Von Michael Kunze, bekannt für großformatige Malerei, konnte man bei Heldart filigrane Zeichnungen sehen, die in seiner Stammgalerie Contemporary Fine Arts weder kommerziell noch ästhetisch funktioniert hätten. Heiner Franzen setzte ein Holzhaus in die beiden Ausstellungsräume, als begehbare Zeichnung. Ein Sammlerpaar aus Chicago zeigte großes Interesse an Arturo Herreras aufwendig gestalteten Künstlerbüchern – und wurde enttäuscht: Die Stücke waren unverkäuflich.

Wie sich Matthias Held finanziert? Zum einen dreht er immer noch Imagefilme für Unternehmen. Zum anderen überlassen ihm Künstler hin und wieder Werke, in Absprache mit ihren Galeristen, die offenbar nichts dagegen haben, wenn sich ihre Schützlinge hier austoben. Irgendwann wird sich Held dennoch entscheiden müssen, wie es weitergeht. Ob er sich bei Messen bewerben, Künstler vertreten, ein richtiger Galerist werden will.

Doch vorerst fühlt sich Held in seinem Ausstellungs-Hybrid ganz wohl. Für den zweiten, im September beginnenden Teil der Last Order-Schau hat Held Künstler wie Thomas Scheibitz, John Bock oder Saâdane Afif eingeladen, zu den Reiterstandbildern unter dem Thema »Auftragskunst und aktuelle Kunstproduktion« Stellung zu beziehen. Held schlüpft als Auftraggeber dann ein wenig in die Rolle von Gaddafi – seine letzte Bestellung wird die Schau aber wohl kaum sein.

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