Nun ist es eine Bordellszene, die vor dem Mikrofon deklamiert werden muss, weshalb man ohne Stöhnen nicht auskommt: »Hast Du mich vergessen?« Corinna Harfouch stöhnt gleich diverse Varianten dieses Satzes in das Mikrofon – von zart verführerisch bis kräftig brüllend. »Dass ich mich ausgerechnet heute im Studio so outen muss«, sagt sie irgendwann amüsiert über ihre »sadomasochistische Ader«. Sie steht hinter schalldichtem Glas, gebannt schaut man zu, wie hier das Hörspielereignis des Jahres Gestalt annimmt – Gestalt, denn das ist das Erstaunlichste in diesen mysteriös anmutenden Räumen: Was Klang wird, hat zunächst Körper. Wie im Theater oder für die Kamera agiert die Schauspielerin für das Mikro, um ihrer Stimme Ausdruck zu verleihen. Die Bühne hier heißt Tonstudio und sieht höchst sonderbar aus, irgendwo zwischen der altertümlichen Schaltzentrale eines Atomkraftwerks, in die allermodernste, wild vor sich hin blinkende Technik eingebaut wurde, und der Kommandobrücke von Kapitän Nemo auf der Nautilus, zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. Energie und Expedition, ohne Fenster und in schummrigem Licht: In den vergangenen Monaten sind viele namhafte Schauspieler hierher gepilgert, nur um bei einer bislang nie dagewesenen Reise in die Welt des Ulysses dabei zu sein, jenes Großromans des Iren James Joyce von 1922, der unser modernes Bewusstsein in einen einzigen Tag, den 16. Juni 1904, Bloomsday genannt, gepackt hat.

Die Odyssee findet statt tief im Berliner Osten, im Funkhaus an der Nalepastraße, in jenem gigantischen Trumm, aus dem der DDR-Rundfunk seit 1956 sendete. Ein paar Schritte entfernt fließt die Spree vorbei; irgendwann hat man das aus den fünfziger Jahren stammende, mit reichlich Patina versehene Tonstudio endlich gefunden; viele große Produktionen sind hier bereits entstanden. Steuermann Andreas Meinetsberger sitzt hier an den Reglern und überwacht als Toningenieur drei Bildschirme und riesige Lautsprecher; dahinter thront etwas erhöht an einem Tisch mit Mikro und Lampe der Kapitän dieser Abenteuerreise: Regisseur Klaus Buhlert. Während hinter der Glasscheibe Corinna Harfouch die Bella Cohen, die Dubliner Hure im Bordell, spielt, wiegt sich die jungenhaft schlaksige, mit weißen Sneakers, in Jeans und grauen Pulli gewandete Gestalt Buhlerts unter silbergrauem Lockenschopf rhythmisch mit.

Es ist eine außergewöhnliche Kunst, die Buhlert seit Jahren wie besessen treibt. Hier im Studio erleben wir einen Teil davon: Hoch konzentriert arbeitet er an der Umsetzung des Textes, der als heftig durchgearbeitetes Manuskript vor ihm liegt und mittlerweile durch zahllose grellfarbige Markierungen zu einem ganz eigenen Kunstwerk mutiert ist. Immer wieder unterbricht er, lässt Varianten proben, neue Nuancen erkunden, diverse Fassungen mitschneiden, um später zu entscheiden – all das stundenlang, Satz für Satz; »kunstvoll-quälenden Wahnsinn« nennt Buhlert das. Es ist ein Tanz, den er mit Corinna Harfouch aufführt: Zwischendurch geht er hinüber, hinter das Glas, spielt und singt etwas vor, gemeinsam testen die beiden Varianten des Niederzwingens. Hier wird Fantasie modelliert, damit man sie am Ende hören kann.

Die professionelle Intensität dabei ist atemberaubend, womöglich weil die intime psychologische Konstellation aus Sprecher und Regisseur, flankiert vom Tonmeister, autistischer und damit fragiler ist als jede Film- oder Theaterarbeit. Mehrere strikt durchgeplante Tage dauern solche Aufnahmesitzungen. Und alle lassen sich darauf ein; beim Ulysses ergibt das einen endlosen Reigen renommierter Schauspieler: Birgit Minichmayr und Dietmar Bär als Molly und Leopold Bloom, dann Jens Harzer, Ernst Stötzner, Werner Wölbern, Anna Thalbach und Josef Bierbichler, dazu Bibiana Beglau, Margit Bendokat, Wolfram Koch, Peter Kurth und Milan Peschel; als Erzähler neben Corinna Harfouch Manfred Zapatka, Rufus Beck, Jürgen Holtz und Thomas Thieme – allesamt allererste Liga.

»Abends gemeinsam essen gehen will man nach so einem Tag dann eher nicht mehr«, lacht Buhlert, als wir ihn Wochen später in seinem hellen Arbeitsstudio in der Marienburger Straße in Berlin-Prenzlauer Berg besuchen. Dass er dennoch jemand ist, der die heikle Psychologie solch einer Produktion meistert, glaubt man angesichts seines speziellen Charmes, dessen Zeuge wir im Studio wurden. Viele der Schauspieler arbeiten seit Jahren mit ihm zusammen, der zu den bedeutendsten deutschen Hörspielregisseuren zählt. Buhlert konzentriert sich dabei vor allem auf die Bearbeitung literarischer Hochgebirge: Homers Ilias, das Gilgamesch-Epos, Robert Musils Mann ohne Eigenschaften, Melvilles Moby Dick, Kafkas Process oder Cervantes’ Don Quixote. Einige Kollegen, die avantgardistische Formen ausprobieren, mögen das als konservativ abtun. Allein Buhlert ist sich sicher: »Die Moderne ist heute älter als das Klassische.« Gerade das Experimentelle, das er früher selbst verfochten habe, altere erstaunlich schnell; kaum etwas von eigenen frühen Sachen fände er noch interessant. Schnell geraten wir ins Plaudern, über die wandelnden Bedingungen in deutschen Rundfunkanstalten, die es für viele, nicht für ihn, künstlerisch immer schwerer machten. Und wir reden über das melancholische Schicksal des Hörspielregisseurs, solche großen Projekte jeweils nur einmal im Leben machen zu können, während jemand auf der Bühne Wagners Tristan oder Lessings Nathan schon öfter stemmen könnte. »Die 25. Walpurgisnacht von Buhlert will leider keiner hören«, sagt er lachend, aber das sei nun mal »the name of the game«. Er hat immerhin maßgeblich dafür gesorgt, dass heute in Deutschland literarische Klassiker gerade in Hörspielform von einem breiten Publikum neu, vielfach sogar das erste Mal wahrgenommen werden.

Woher aber seine Ausdauer, immer wieder neue Achttausender besteigen zu wollen? Womöglich liegt es an der Abwechslung: Denn die Studioarbeit ist nur der vorletzte Teil eines Projekts, der letzte der Schnitt; als Komponist schreibt er zunächst selbst die dazugehörige Musik, nach intensiver Lektüre und der Herstellung einer Manuskriptfassung für die Hörspielversion.