Ich möchte eine radikale These vertreten. Ich gehe noch weiter als Thilo Sarrazin und verlasse nicht nur teilweise, sondern vollkommen den Boden des demokratischen Konsenses. Ich bin nämlich im Gegensatz zu sämtlichen Experten und Meinungsproduzenten der Ansicht, dass niemand weiß, was die Zukunft bringt. Die Zukunft: eine große Unbekannte. Die Zukunft – vielleicht wird sie schön, vielleicht wird sie hässlich. So weit meine Meinung! Jetzt macht mich fertig, ihr Experten.

In einer Zeitung habe ich gelesen, dass Klimaexperten vor 20 Jahren einen Anstieg des Pegels der Weltmeere um etwa zwei Meter vorhergesagt haben, bis zum Jahre 2100. Etwas später haben sie ihre Vorhersage auf einen Meter fünfzig korrigiert, dann, wieder etwas später, auf 60 Zentimeter. Der Artikel ging noch weiter, aber an dieser Stelle habe ich mit der Lektüre aufgehört, ich hatte das Interesse an Vorhersagen des Wasserstandes verloren. Ich fürchte, wir müssen uns von den Weltmeeren einfach überraschen lassen. Auch die Vorhersagen der Wirtschaftsgurus stimmen fast nie. Ein oder zwei Gurus sagen hin und wieder einen Crash korrekt voraus, gewiss, beim nächsten Crash liegen sie dann wieder falsch. Auch alte Damen, die aus der Hand lesen, liegen manchmal richtig. In der Regierungszeit des Kanzlers Kohl haben die Politikexperten kraft ihres Expertenwissens zehn Jahre lang ununterbrochen das baldige Ende der Ära Kohl vorhergesagt, bis es irgendwann zwangsläufig stimmte.

Vorhersagen beruhen darauf, dass jemand die Trends der Gegenwart in die Zukunft verlängert. Neue Trends, die naturgemäß noch keiner kennt, können aber jederzeit auftauchen. Vielleicht eine unerwartete Sonnenexplosion, oder eine Erfindung, die zu einem gewaltigen Boom führt, oder ein Terroranschlag, der die Weltpolitik umkrempelt, was weiß ich. Jetzt habe ich monatelang die Warnungen vor der kommenden Inflation gelesen. Von Wirtschaft habe ich nur die Laienahnung eines Girokonto-Besitzers, meine inkompetenten wirtschaftspolitischen Kommentare klingen etwa so: »Wenn man mehr ausgibt, als man einnimmt, dann geht das nicht ewig gut.« Vielleicht stimmt das sogar. Jedenfalls haben sie mich weichgeklopft mit ihren Prognosen. Ich will mein Geld in Sicherheit bringen, rechtzeitig vor dem Armageddon der Weltwirtschaft. Mein Geld, das sind ein paar Tausend Euro auf dem Festgeldkonto. Klein, aber mein.

Ich kann keine Immobilie kaufen oder Betongold , wie man heute sagt, es ist zu wenig. Wenn ich aber eine Aktie kaufe, ist dies erfahrungsgemäß der Todeskuss für das jeweilige Unternehmen. Also kaufe ich Kunst. Ein Sachwert. Ich kaufe Bilder wie das Tier, ich weiß gar nicht mehr, wohin damit. Die Wände sind voll. Überall steht das herum. Ich öffne den Kleiderschrank, und mir purzeln die politisch engagierten Radierungen eines kolumbianischen Naiven entgegen. Unbekannte Künstler, notfalls ohne Rahmen, das ist mein Ding. Zu teuer dürfen sie nämlich nicht sein. Sehr interessant ist auch die junge Kunst aus dem Baltikum . Mag ich überhaupt Kunst?

Ich habe es vergessen. Ich kaufe auch Schmuck. Also, Schmuck mag ich definitiv überhaupt nicht. Keiner kennt die Zukunft, vorsorgen will man trotzdem. Wenn jetzt aber die Inflation doch nicht kommt? Wenn die Experten sich wieder irren? Wenn mein bisschen Geld weg ist, und stattdessen sitze ich auf acht Kisten voller baltischer Ölmalerei? Ganz zu schweigen von diesem grauenhaften Schmuck? Ich will jetzt wirklich die Inflation haben. Die Zukunft soll sich, verdammt noch mal, einmal nach mir richten.

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