"Il Trovatore" in BrüsselMitleid mit dem Fiesen

Das innovativste Opernhaus Europas steht in Brüssel. Eine neue Inszenierung von Verdis "Il Trovatore" zeigt, warum. von Volker Hagedorn

Man hat Sie eingeladen. Eine alte Bekannte bittet zum Treffen, aber wer kommt, ist unklar. Es ist ein bisschen geheimnisvoll, doch warum nicht? Sie fahren also dorthin, zu einer alten Villa. Die Tür steht offen, kaum Möbel, Staub auf der dunklen Täfelung, niemand ist zu sehen. Der Nächste, der kommt, ist ausgerechnet Ihr Rivale von einst. Oder von neulich? So lange ist es ja nicht her. Er läuft immer noch als großer Junge rum. Du hier, na so was. Handschlag. Da ist auch schon die Gastgeberin, in schwarzer Robe mit Tüllkragen, sie war ja schon immer etwas exzentrisch. Und dann kommt Leonora. Wie jung und schön sie ist. Das tut jetzt doch weh.

Im Anfang steckt bereits alles. Noch ist kein Ton erklungen im Brüsseler Opernhaus, da ahnt man, dass Giuseppe Verdis Oper Trovatore, uraufgeführt 1853 in Rom, hier nicht mehr diejenige Oper sein wird, der man sonst aus dem Weg geht. Das dunkle, komplexe, verworrene Schwesterwerk der Traviata, beladen mit spätmittelalterlich spanischer Historie, zur Hälfte aus Rückblenden bestehend, durchsetzt mit schwer inszenierbaren Chorauftritten, die Sorte Oper, die nicht leicht auf den Spielplan kommt in ökonomisch heiklen Zeiten. Und wenn, dann nicht allzu radikal gedeutet. Aber Peter de Caluwe, seit fünf Jahren Intendant des Theatre La Monnaie in Brüssel, macht so etwas dauernd.

Anzeige

Er holte Meyerbeers Hugenotten und Enescus Oedipe aus der Versenkung, und das Haus war ebenso voll wie bei Ligetis Grand Macabre. Und wenn es schon mal eine sichere Nummer wie Parsifal gibt, dann vertraut Caluwe das Werk einem Künstler an, der vorher noch nie Musiktheater inszeniert hatte. Mit diesem Kurs erreicht der Flame eine Auslastung von 95 Prozent, ruft die Begeisterung der internationalen Kritiker hervor (sie wählten La Monnaie 2011 zum »Opernhaus des Jahres«) und das Staunen der Kollegen. Schon zur Generalprobe des Trovatore, inszeniert und ausgestattet vom 42-jährigen Russen Dmitri Tcherniakow, dirigiert von Mark Minkowski, reisten die Intendanten aus ganz Europa an.

In Zeiten wie diesen geht es nicht nur darum, ob und wie der Trovatore gerettet werden kann. Das Stück steht für ein ganzes Genre, für die aufwendigste aller Bühnenkünste. Wie kann man die Oper erneuern, ohne das Publikum hinter sich zu lassen? Tcherniakow räumt brutal auf. Er beginnt ohne Töne. Er reduziert das Personal von sieben auf fünf Personen und lässt alles Historische weg. Der Chor singt aus dem Off. Keine Note wird fehlen, aber er rollt den Fall neu auf. Die Gastgeberin schließt die Tür ab. Zettel werden verteilt, die Therapie beginnt.

Schreckliches ist geschehen. Davon erzählt Verdis Libretto anfangs in vielen Rückblicken. Die Vergangenheit ist der Hauptakteur, in ihr, in diesem Haus, sind nun die Protagonisten gefangen und spielen die Sache nach. Zuerst gelassen, als wären sie Zuschauer wie wir. Gerade darum geraten wir mit ihnen immer tiefer hinein. Azucena, die Gastgeberin, hatte einst mit angesehen, wie ihre Mutter, als Hexe verdächtigt, verbrannt wurde. Auf Geheiß des Vaters jenes Grafen Luna, der nun anwesend ist und das nun wirklich nicht noch einmal anhören möchte. Azucena wiegt sich wie in Trance zum Dreiachteltakt, in dem Verdi den Flammentod schildert. Und nie war ein Dreiachteltakt grauenhafter.

Es ist, als habe Verdi eine Sprache gefunden, die, gerade indem sie auch noch etwas trösten will, alle Verdrängung durchbricht. Sylvie Brunet-Grupposo, als schon leicht matronale Lebedame, scheint auf einmal von sämtlichen Pogromen zu singen, von allen, die abgeschlachtet wurden. Ganz unaufwendig, ganz der Musik vertrauend, kann Tcherniakow tieferes Entsetzen auslösen als vor zehn Jahren Calixto Bieito. Bieito hatte im Trovatore Menschen abfackeln, foltern, vergewaltigen lassen, und es war vielleicht nötig, den Leuten eine vermeintlich entrückte Oper um die Ohren zu hauen. Aber die Ohren dröhnten einem davon. Hier darf man zuhören.

Leserkommentare
  1. Toll, gnadenlos gut, ich liebe Verdi, toll das es sowas gibt und erst das Zitat''das große griechische Gefühl, die Demokratie, wo alle zusammenkommen, und es nicht darauf ankommt, wer du bist'' genial

  2. Dieser Beitrag ist völlig distanzlose Lobhudelei. Es verursacht immer Unbehagen, wenn sich bei einer ach so genialen Inszenierung überhaupt kein Kritikpunkt finden lässt und in banale Handlungen die großartigsten Wirkungen implementiert werden. Die kritische Methode gebietet es immer, Schwachstellen zu suchen, nur dadurch kann man die Stärken einer Idee wirklich abschätzen. Dieses liest sich wie eine Werbebroschüre, der sinnlose plakative Seitenhieb auf den vermeintlich berühmteren Wagner inklusive.
    Die Frage, welche der Text einem aufdrängt, ist jene, ob die Operninszenierung nicht schon lange tot ist. Fachfremde dürfen machen was sie wollen, alles ist immer toll, die Leute rennen erst recht rein, wenn sich "skandalöse" Formen andeuten. Kein Wunder, dass dabei solche "Kritiken" herauskommen. Die Angst des Regiesseurs vor dem Vorwurf des Reaktionismus' oder noch schlimmer Provinzialismus' lässt nur noch Radikalität und Minimalisierung zu. In so vielen Opernhäusern stellen die Orchester und die klassischen Kompositionen diese dionysische Verbindung zum Publikum her, wirkt das "große griechische Gefühl". Das Publikum verschließt die Augen oder drückt beide zu. Da muss einfach mehr kommen, das erwarte ich von Profis!

    • KriRos
    • 09. Juli 2012 16:02 Uhr

    Noch NIE habe ich Verdis "Il Trovatore" so spannend erlebt wie in dieser Inszenierung. Dieser Charakter-Thriller aller menschl. Irrungen,Nöte,Tugenden,Erniedrigungen,Bosheiten und Sehnsüchte MUSS in dieser verzweifelten Auflösung enden.Es ist für mich KEINE Katharsis.Die psychische
    Reinigung findet parallel Dank Verdis Musik statt.So stark in der Wirkung, dass man den Atem anhält,um dieses geistige und körperliche Abschlachten nicht zu verpassen.So wird diese brillante Aufführung zu einer brillanten Szenen-unterstützung für Verdis Musik-Sprache, menschliche Charaktere und Gefühle gekonnt musikalisch zu beschreiben. DIESE Verdi-OPERN-Aufführung bringt pure Menschlichkeit auf die Bühne. Diese Verlierer brauchten natürlich auch
    brillante Sänger-Interpreten in dieser entstaubten,rea- listischen und zeitlosen Verletzungs-Szenerie. Alle Beteiligten sind menschlich verloren,eingeeingeschlossen in diesem Wohnungs-Lebensgefüge.Sylvie Brunet verkörpert mit ihrem angenehmen Mezzo die Erfahrung einer Azucena.Die brillante Marina Poplavkaya liebt und verzweifelt als Leonore.Aus Misha Didyk lodert das Feuer der Hoffnung, doch auch er verliert.Scott Hendricks singt etwas angestrengt, doch seine schauspielerische Leistung wandelt sich mit seinem Bariton aber zu einem glaubhaften, verzweifelten Psychopathen. Keine "Lodernde-Feuer-Szenerie" oder "Gipsy-Verkleidungen".Das VERSTÄRKT die Dramatik und Wirkung, großartig und erschütternd.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Oper | Giuseppe Verdi | Brüssel
  • Die Sopranistin Simone Kermes

    Zurück zu Mozart!

    Simone Kermes gilt als die Ulknudel der Barockoper. Jetzt soll Schluss sein mit Zirkus und Lärm. Eine Begegnung mit der deutschen Sopranistin in Wien

    • Das Echo trauriger Regentropfen

      In New York spielt die Band The xx exklusive Konzerte vor 45 Gästen. Ein neues Geschäftsmodell? Eher eine Kunstinstallation auf der Suche nach Intimität im Pop.    

      • Alaa Wardi singt Khaleds Hit "Aicha" auf YouTube.

        Pop ist, wenn man trotzdem singt

        Was tun junge Musiker, die in Saudi-Arabien nicht öffentlich auftreten dürfen? Mit Glück und Talent werden sie zu weltweiten YouTube-Stars, wie der großartige Alaa Wardi.  

        • Markus Pauli (DJ), Lukas Nimschek (Sänger) und Florian Sump (Schlagzeug) sind Deine Freunde.

          Kinder können mehr vertragen

          Dutzi, Dutzi, heile Segen – welches Kind will sowas noch hören? Die Hamburger Band Deine Freunde macht echten Hip-Hop und fordert ihre wachsende Fangemeinde.  

          Service