Es gibt drei simple Wahrheiten im Dorf Insel in Sachsen-Anhalt . Die erste Wahrheit ist: Die Vergewaltiger sollten wegziehen. Die zweite: Die Vergewaltiger müssen bleiben dürfen. Die dritte: Das Dorf ist überfordert.

In Insel leben 457 Menschen. Zwei davon sind ehemalige Straftäter. Die Bundesrepublik hielt sie für so gefährlich, dass die Männer nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe in Sicherungsverwahrung lebten. Diese erklärte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dann für unzulässig . Die Männer kamen frei, und vielleicht hoffte die Justiz, das Problem versande in einem Dorf, das auch noch Insel heißt. Doch diese Rechnung hat sie ohne die Provinz gemacht.

In Insel ist die Situation eskaliert: Eine Kette aus Polizisten musste zornige Anwohner von dem Wohnhaus der beiden Männer fernhalten. Seit Monaten postieren sich 40 bis 50 Bewohner immer wieder zum Protest auf der Straße, und manchmal stehen sie auch neben Neonazis. Sie tun so, als hätten sie das Recht, zu bestimmen, wo die zwei Männer nicht leben dürfen.

Die Rückfallgefahr gilt als hoch

Ministerpräsident Reiner Haseloff ( CDU ) empfindet das als »nicht hinnehmbar«. Deshalb stellte er sich am vergangenen Freitag mit rund 70 Landtagsabgeordneten aller Fraktionen auf den Dorfplatz von Insel. Haseloff demonstrierte für die Menschenwürde, und er wollte mit den Bewohnern reden. Aber dazu waren viele nicht mehr bereit. Sie verweigerten sich, und das ist das Drama dieses Dorfes: Ausgerechnet dort, wo die Welt noch klein und überschaubar ist, wo man sich kennt und einschätzen kann, da erscheint eine Einigung unendlich weit entfernt.

Nico Stiller ist Sprecher einer Bürgerinitiative in Insel. Sie setzt sich dafür ein, dass die beiden Männer sein Dorf wieder verlassen. Seit Sommer 2011 bittet Stiller um die Hilfe des Landes. Damals wurde bekannt, dass die zwei Männer mehrfach Frauen vergewaltigt hatten. Dass sie keine Therapie machen wollten. Und dass es ein Gutachten gebe, in dem ihre Rückfallgefahr als hoch eingeschätzt wird – sollten sie wieder Alkohol trinken.

Ingo S. wohnt im Haus gegenüber den beiden Männern und erträgt die Vuvuzelas der Demonstranten nicht mehr. »Die haben alle vergessen, was wir uns 89 erkämpft haben«, sagt er. Seine Stieftochter ist vor Jahren von einem Jungen aus der Nachbarschaft vergewaltigt worden. Wenn einer gegen die Sexualstraftäter von gegenüber kämpfen müsste, dann doch er. Ingo S. aber sagt, die Männer hätten die gleichen Grundrechte wie alle anderen.