Ingo Schulzes Bestseller Simple Storys von 1998 trägt den Untertitel Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz. Das ist sehr suggestiv und ruft sogleich Assoziationen auf. Es klingt anders, markanter, spezifischer, aufgeladener, als wenn die Rede wäre von einem »Roman aus der deutschen Provinz«. Bei einem »Roman aus der westdeutschen Provinz« würde man vermutlich an gewisse depressive Sattheiten denken, durchwirkt von so einer Tschechowhaften Sehnsucht nach höheren Erregungen (»Nach Moskau , nach Moskau!«); die »ostdeutsche Provinz« hingegen klingt deutlich gefährlicher, aber auch verwunschener. Halb Dornröschenschlaf, halb rauer Straßenkampf. Es ist, als wäre die ostdeutsche Provinz eine ganz besonders schillernde Abteilung der Genremalerei, in der sich Idyllik und Grusel unheimlich verbinden.

Wobei der Gruselfaktor das öffentliche Bild lange dominierte. Die Schwäbische Alb mochte als spießig-provinziell gelten, das Elbsandsteingebirge hingegen stand im Ruf einer gemeingefährlichen Zone, deren märchenhafte Schönheit von jungen Nationalpatrioten gegen vorwitzige Neugier von außen verteidigt wurde. Seit Hoyerswerda hatte der Osten seinen Ruf weg. Das, was sonst Provinz auszeichnet, friedliche Verschlafenheit, wurde medial verdrängt von Bildern der Aggression und einer unterschwelligen Atmosphäre von Angst und Schrecken.

Im Rückblick muss man sagen, dass es sich der Westen damit sehr bequem gemacht hatte: Er hat dieses Bild der östlichen Provinz gierig aufgegriffen, um die eigenen Fremdheits- und Superioritätsgefühle gegenüber dem Osten zu rationalisieren. Wer sich nach 1989 aus seinem bundesrepublikanischen, linksliberalen Justemilieu vertrieben fühlte wie aus einem Paradies, wer seine Schwierigkeiten damit hatte, dass auch die Welt der BRD mit der Wiedervereinigung untergegangen war, der konnte jetzt auf die Ostdeutschen zeigen mit erhobenem Zeigefinger (was anatomisch schwierig, mental aber sehr verbreitet ist) und seine eigene Verstocktheit sublimieren, indem er die ostdeutsche Provinz pauschal als rechtsradikales Territorium abtat. Das Bild der Medien, im Westen gemacht, bot ausreichend Anschauungsmaterial. So konnte sich der Westen mit gutem Gewissen in den eigenen Vorurteilen einrichten: Warum sollte man einem Landstrich Kredit an Neugier geben, in dem die zivilisatorischen Mindeststandards nicht gewahrt wurden?

Falsche Hoffnungen und handfeste Verluste

Der Imageschaden verursachte erhebliche Folgekosten. Daneben gab es allerdings auch sehr früh ein geschichtsphilosophisch freudiges Bewusstsein dafür, dass historische Kernlandschaften Deutschlands endlich aus ihrer Isolierung durch den Eisernen Vorhang gerissen worden waren. Der Harz wurde wieder zu einem gesamtdeutschen Mittelgebirge, eine ganze Mythologie kehrte mit wehmütigen Gefühlen zurück, alte deutsche Erinnerungsorte erlebten eine Restauration. Diese Selbstentdeckung des eigenen inneren Reichtums war aber ein langsamer Prozess, der sich mühsam gegen das Gruselbild der Ostprovinz durchsetzen musste.

Doch erst mal hatte die ostdeutsche Provinz in den frühen neunziger Jahren wie auf einen Schlag ihre Unschuld verloren. In Ingo Schulzes Simple Storys erzählt die Figur Danny: »Es ist Februar 91. Ich arbeite bei einer Wochenzeitung. Überall wartet man auf den großen Aufschwung. Supermärkte und Tankstellen werden gebaut, Restaurants eröffnet und die ersten Häuser saniert. Sonst gibt es aber nur Entlassungen und Schlägereien zwischen Faschos und Punks, Skins und Redskins, Punks und Skins.« Da klingen falsche Hoffnungen an und die ersten handfesten Verluste, die Unbarmherzigkeiten dessen, was man bald »Abwicklung Ost« nennen sollte.

Man sieht, wie sich in die pittoresk verfallenden Landschaften der späten DDR die hässlichen Gebrauchsarchitekturen des Konsums (»Supermärkte und Tankstellen«) schieben; der Aufbau Ost kündigt sich zwar in den ersten sanierten Häusern an, aber das Sozialleben wird von merkwürdigen Fraktionen randständiger Gewalt bestimmt. Da hat eine Gesellschaft ihren Ruhepol verloren. Denn davon erzählt Schulzes Roman: Wie die Orientierungskoordinaten wegbrechen und eine Gesellschaft ihre innere Sicherheit und Selbstgewissheit verliert. »An diesem Abend gerieten wir zum ersten Mal in Panik«, heißt es an einer Stelle, als ein junges Paar mit dem Verlust des Arbeitsplatzes konfrontiert ist.In gewisser Weise war die ostdeutsche Provinz mehr »Osten«, als die Städte es waren: Während Dresden schnell an seine kulturellen Traditionen und alten Bürgersinn anknüpfen konnte, Leipzig seine Rolle als Vorreiter der Wende auskosten konnte und Ostberlin zu einem gesamtdeutschen Experimentierfeld der Lebensstile wurde, waren die Dörfer und Kleinstädte der neuen Bundesländer Sinnbilder der Desorientierung: abgehängt, entwurzelt. Einerseits ging über sie die Dampfwalze der Veränderung hinweg, andererseits wirkten sie manchmal, als hätte der Weltgeist sie einfach vergessen.

Es waren Regionen, die unter Abwanderung litten, weil sie ihre eigenen Landeskinder nicht mehr halten konnten. Zurück blieben die Wendeverlierer, Rentner und immobile junge Männer, während die jungen Frauen überdurchschnittlich oft ihr Glück im Westen suchten. Das raubte den Gebliebenen Selbstbewusstsein. Ohne Selbstbewusstsein keine Anmut, keine Schönheit, keine Großherzigkeit.