Der Getriebene

Natürlich habe ich auch schon Urlaub an einem einzigen Ort gemacht. Ich fuhr sogar mehrere Jahre hintereinander an die See. Aber entweder hat es geregnet, oder ich kam zum Strand, und es war Ebbe. Oder beides. Ich habe verregnete Ebben erlebt, die wünscht man seinem schlimmsten Nachbarn nicht. Seither bleibe ich selten länger als zwei Nächte am selben Platz, immer getrieben von der Sorge oder Hoffnung, dass nur wenige Stunden entfernt der Regen vielleicht erst mittags einsetzt oder die Idylle gar noch idyllischer ist.

Gereist wird mit dem Motorrad, dem idealen Gefährt aller Rastlosen. Das Fahrrad – zu langsam. Das Auto – nicht wendig genug. Denn das ungeschriebene Gesetz des Reisens sieht für jede Küstenstraße oder jeden Bergpass mindestens ein überbreites Wohnmobil vor – gelenkt von einem Seniorenpaar, das seinen Lebensabend keineswegs durch eine Geschwindigkeit von über 30 Stundenkilometern zu gefährden gewillt ist. An diesen ziehe ich mit dem Motorrad mühelos vorüber. Weiter, weiter, Straßen runter, Pässe rauf. Mitunter so rasant, dass ich manchmal stoppe und eine Zeit lang innehalte – so wie es die Indianer auf langen Ritten taten, damit die Seele nachkommen konnte. Statt meiner Seele schließt aber zumeist nur das Wohnmobil mit den Senioren zu mir auf. Da fahre ich schnell weiter.

Abends setze ich mich dann vor meine Straßenkarte und zeichne die zurückgelegte Strecke ein. Es gab schon Touren, an deren Ende die Karte weniger nach Reise als nach wirrem Diagramm aussah, mit dem ich die Newtonschen Gesetze beweisen wollte. Danach wohlig-erschöpft ins Bett, und wenn ich morgens verwirrt aufwache und nicht sagen kann, ob ich in Bad Moritz oder St. Tölz bin, dann weiß ich: Es ist Urlaub.

Markus Wolff