Die Kulturreisende

Seit ich einmal aus Blödheit fast im Atlantik ertrunken wäre, weiß ich, dass ich als Abenteurer ungeeignet bin. Schon immer sehne ich mich hinaus ins Freie, und lange dachte ich, ich könnte wenigstens im Urlaub wie Vasco da Gama sein. Wilder, größer, verwegener, als ich es bin. Leider hat mir die See gezeigt: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Büromenschen sollten lieber Museen besuchen und Baedeker lesen.

Meine Lektion lernte ich am Ende der Alten Welt, wo Portugal jäh ins Meer stürzt. Wir waren zu zweit und kannten den Strand, aber beim Rumalbern im Wasser trieben wir unmerklich ab, und plötzlich lag zwischen uns und dem Land eine Barriere aus Felszacken. Unmöglich, sie gegen die Strömung zu umrunden. Plötzlich war die See eisig und hart. Ein Rettungsschwimmer stand ratlos am Ufer. Erst Angst, dann Panik. Dazu die brechenden Wellen. Mühsam retteten wir uns durch eine Lücke in den Felsen.

Seitdem suche ich im Urlaub immer noch das Drama, dieses Gefühl, dass unser Leben nichtbanal, sondern Teil von etwas Grandiosem ist. Aber ich muss es nicht selbst erleben. Ich lese jetzt Romane über Vasco da Gama. Ich liebe die Ruinen der Seefahrerschule am Cabo de São Vicente und die Kapellen am Wegesrand. Nein, ich bin kein klassischer Bildungsreisender und würde nie eine Museumstour buchen. Ich will Natur mit Kultur. Seit ich fast den Touristentod gestorben wäre, gehe ich nur noch ins flache Wasser. Dafür schleppe ich kiloweise Bücher mit an den Strand, um mich vom Anblick des Atlantiks abzulenken, der immer noch verlockend ist.

Evelyn Finger