Für die, die es genau mögen: Im Kirchen- und Völkerrecht sind der Heilige Stuhl und der Papst identisch. Anders als Regierungs- oder Staatschefs, die ein Völkerrechtssubjekt nur repräsentieren, ist der Papst als einzige natürliche Person der Welt selber eins, solange er sein Amt innehat. Die Vatikanstadt, der kleinste Staat der Welt und deren letzte absolute Monarchie, steht unter der Autorität des Heiligen Stuhls. Deshalb spricht der Papst vor den Vereinten Nationen oder auf Staatsbesuchen nicht bloß als Regent eines anachronistischen Halbquadratkilometerstaates, sondern als Oberhaupt der mehr als eine Milliarde Katholiken, der größten Gemeinschaft der Erde. Sie ist mehr als eine Glaubensgemeinschaft. Und der winzige Staat in Italien gehört zum Bild, als ihr sichtbares Zentrum, mit eigenen Gendarmen, hellebardenbewehrten Schweizergardisten, einer Münze, Banken, mit Gerichten und selbst einem Gefängnis. Die Kirche schafft sich ihre eigene Welt. Der Vatikan als zentrale Verwaltung der globalen Kirche entstand am Ende des 16. Jahrhunderts, als eine Antwort Roms auf die Reformation, die den Anspruch des Papstes bestritt. Der Vatikan sollte den Angriff des Protestantismus abwehren, der den Katholizismus schließlich von der allein selig machenden Kirche zur Konfession herabstufte.

Weil die katholische Kirche eigentlich mehr sein will als eine Kirche oder eine Religion unter vielen, hat sie sich erst im Zweiten Vatikanischen Konzil zur Vielfalt der Glaubensüberzeugungen und damit zu Religionsfreiheit und Menschenrechten bekannt. Vorher galt der Grundsatz Thomas von Aquins: »Glauben anzunehmen ist ein Akt der Freiheit; ihn zu behalten ein Akt der Notwendigkeit.« Nur die Piusbrüder sind heute noch dieser Überzeugung und verteidigen den alten Anspruch der katholischen Kirche, dass allein die von ihr verkündete Wahrheit das Recht auf öffentliche Ausbreitung hat. Vielleicht liegt darin der Grund für die Sympathien, die die Piusbrüder selbst in Teilen des Vatikans genießen.

Der zweite Mann nach dem Papst ist im Vatikan der Kardinalstaatssekretär. 1984 übertrug Johannes Paul II. dem damaligen Amtsinhaber Agostino Casaroli alle weltliche Macht. Damit wurde das Ministerpräsidentenamt des Vatikans noch gewichtiger, als es bisher schon war. Casaroli selber allerdings sah sich zugleich düpiert: Ein Dekret der Glaubenskongregation unter ihrem Präfekten Joseph Ratzinger formulierte eine scharfe Absage an den Marxismus und damit an die Befreiungstheologie. Casaroli bewertete sie freundlicher.

Der Staatssekretär ist Mitglied der wichtigsten Behörden. Er entscheidet mit über Glaubensfragen, Bischofsberufungen und Universitätspolitik. Er beruft Versammlungen der Präfekten und Präsidenten ein. Zweimal in der Woche trifft er den Papst. Er hat das letzte Wort über alles, was keine Glaubensfrage ist, sei es das Schicksal des Chefs der Vatikanbank, sei es die Berufung und Versetzung von Nuntien, also der 180 Botschafter des Vatikans. Üblicherweise besetzen politisch versierte Diplomaten das Amt. Benedikt machte eine Ausnahme und berief 2006 einen Seiteneinsteiger: den früheren Sekretär der Glaubenskongregation Tarcisio Bertone, also seinen engsten Mitarbeiter als Präfekt dieser Vatikanbehörde. Und vergrößerte dessen Macht noch: 2007 übernahm Bertone als Kardinalkämmerer auch die Führung der Apostolischen Kammer, der päpstlichen Finanzverwaltung. Jetzt führt er die Aufsicht über die Budgets des Papstes und über zwei Vatikanbanken. Schon 2006 fragten sich Kommentatoren, ob sich die Politiker des Vatikans eine solche Entmachtung gefallen lassen würden.

Denn schon durch seine Wahl zum Papst 2005 hatte Benedikt eine jahrelange Konkurrenz mit dem mächtigen Staatssekretär Angelo Sodano für sich entschieden. Joseph Ratzinger, der profunde Theologe, etablierte sich schnell als wichtigster Ratgeber Johannes Pauls II. und machte den Staatssekretären den Rang streitig. Sodano wurde von Amts wegen regelmäßig vom Papst empfangen, Ratzinger, weil der Papst ihm vertraute. Im öffentlichen Ansehen überflügelte der bayerische Asket den barocken Piemonteser. Und regierte in dessen Zuständigkeit hinein. Vor zwölf Jahren zwang Ratzinger die deutschen Bischöfe zum Ausstieg aus der Schwangerschaftskonfliktberatung. Vor elf Jahren zog er die Zuständigkeit für Missbrauch, den Sodano allzu nachsichtig behandelte, an die Glaubenskongregation. Vor zehn Jahren belehrte Ratzinger katholische Politiker, eigentlich dürften sie in Fragen des Lebens keine Kompromisse schließen. 2006, der neue Papst war ein Jahr im Amt, musste Sodano gehen.

Auch theologisch räumte Ratzinger auf. Im Jahr 2000 beendete er mit der Publikation Dominus Jesus die bisherige Ökumene mit Protestanten. Im Jahr darauf verpflichtete er die Bischofskonferenzen, ihm alle Übersetzungen von liturgischen Büchern und Texten zur Genehmigung vorzulegen. Das bedeutete in Deutschland das Aus für die Einheitsübersetzung der Bibel. Die Protestanten waren an dem Projekt beteiligt. Und sie verweigerten sich der römischen Reglementierung.