In Deutschland lebten Ende letzten Jahres 571.000 Flüchtlinge. So steht es im aktuellen Bericht des Hilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR), der jetzt erscheint. Deutschland hält damit unter den Industrieländern unangefochten die Spitzenstellung: Die USA folgen auf Platz sechs, mit 265.000 Flüchtlingen.

Wie kann es sein, dass Deutschland mehr als doppelt so viele Menschen aufnimmt wie die USA und mehr als Frankreich und Großbritannien zusammen? Bietet die Bundesrepublik zu vielen Zuflucht?

Vergleicht man Deutschland mit Ländern, die einen ähnlichen Lebensstandard haben, dann scheint das Land in der Tat seine Verantwortung besonders ernst zu nehmen. Nicht ohne historischen Grund: Kein anderes westliches Land hat im letzten Jahrhundert durch Kriege so viele Menschen zu Flüchtlingen gemacht, kein anderes hatte infolgedessen selbst so viele Vertriebene.

Ein anderes Bild ergibt sich allerdings, wenn man den Blick auf die nicht westliche Welt richtet. Die drei Länder, die in absoluten Zahlen die meisten Flüchtlinge beherbergen, sind nämlich Pakistan (1,7 Millionen), Iran (887.000) und Syrien (756.000). Länder, die als failed states, gescheiterte Staaten, oder gar »Schurkenstaaten« gelten, schultern die Hauptlast des weltweiten Flüchtlingsproblems. Die Flüchtlingswellen, von denen sie betroffen sind, haben ihre Ursachen auch in den Kriegen, die der Westen in der Region führt: Nach Pakistan und in den Iran flohen 2,6 Millionen afghanischer Flüchtlinge, die infolge von Talibanherrschaft und westlichem Antiterrorkrieg ihr Land verließen. Syrien beherbergt Hunderttausende von Irakern, die nach der amerikanischen Invasion fliehen mussten. Derzeit sucht die UN 170.000 »Resettlement«-Plätze für verfolgte Menschen, die nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Deutschland hat 900 versprochen.

Zieht man zudem noch eine weitere UNHCR-Berechnung hinzu, wird der Anlass zur Bescheidenheit noch größer: Wer reicher ist, kann mehr stemmen. Deshalb betrachtet UNHCR die Flüchtlingszahlen in Relation zur wirtschaftlichen Leistung der Länder. Setzt man die Zahl der Aufgenommenen in Beziehung zum verfügbaren Bruttosozialprodukt, taucht kein einziges westliches Land, auch Deutschland nicht, unter den Top Ten auf. Stattdessen finden sich dort Pakistan, Kongo, Kenia, Liberia, Äthiopien, Tschad, Syrien, Bangladesch, Uganda und Tansania.

Diese Statistiken spiegeln das globale Flüchtlingsproblem: Weltweit sind 44 Millionen Menschen auf der Flucht. Aber nur die wenigsten bekommen überhaupt die Chance, im Westen Zuflucht zu suchen. Sie bleiben in Nachbarstaaten, die oft schon eigene Probleme haben. Unter den 20 Staaten mit den meisten Flüchtlingen sind die zwölf Nationen, die als am wenigsten entwickelt gelten.

Deutschland könnte noch mehr Menschen aufnehmen als derzeit. Aber viele Flüchtlinge schaffen es nur bis an die Grenze Europas, weiter kommen sie nicht – das Land ihrer Ankunft, oft Griechenland oder Italien, muss ihren Asylantrag bearbeiten. 300.000 haben im letzten Jahr in Europa Asyl beantrag, drei Viertel der Anträge wurden abgelehnt.

Unter den westlichen Staaten zeichnen wir uns zwar aus. Aber wir tun nicht zu viel – die anderen reichen Länder tun nur noch weniger als wir.