Architekt Franco StellaDer Vollender

Endlich beginnen die Bauarbeiten für das wichtigste Kulturprojekt der Republik, das Humboldt-Forum. Nur den Architekten kennt noch immer niemand. Ein Besuch bei Franco Stella. von Sven Behrisch

Der italienische Architekt Franco Stella steht in Berlin vor Gipsabgüssen für Fassadenteile.

Der italienische Architekt Franco Stella steht in Berlin vor Gipsabgüssen für Fassadenteile.  |  © Stephanie Pilick dpa/lbn

Jetzt ist es so weit, jetzt kommt das Schloss! Mitte Juni rollte schweres Gerät an, um den unsicheren märkischen Grund im Herzen Berlins mit Kies und Zement zu befestigen, denn bald schon soll er den größten, den teuersten und den umstrittensten Kulturgroßbau der Republik tragen. Zum Zeichen der bundesweiten Einigkeit waren ein roter Bürgermeister und ein schwarzer Kulturstaatsminister zur Stelle; und ein zutiefst bayerischer Bundesbauminister gab schließlich den Startschuss für den Baubeginn einer preußischen Stadtresidenz. Daneben stand Franco Stella, der Architekt. Bis vor wenigen Jahren zählte eine Grundschule irgendwo im nördlichen Italien zu seinen wichtigsten Werken. Er war einer von vielen. Nun, nach dem Triumph, baut er ein Schloss für die deutsche Hauptstadt, sein Schloss. Sein Schloss?

Stella empfängt im Planungsbüro, unweit des Baugeländes. Ein Meister der Präzision und ein Freund von Bauten unerbittlicher Makellosigkeit, dessen äußere Erscheinung aber Anzeichen sympathischer Schludrigkeit zeigt; das flauschige Hemd knittert behaglich, und eine allzu rasche Rasur hinterließ einsame Bart-Inselchen auf seinem Gesicht.

Anzeige

Was denn nun eigentlich auf dem Schlossplatz als Erstes passiere? Das weiß er auf Anhieb auch nicht so genau. Bodenverdichtung, genau, jetzt fällt’s ihm ein. Und U-Bahn-Bau unter dem Fundament, Betonwanne, so etwas. Schleppend spricht er, auf Deutsch. Jedes Wort eine Geburt. Bisweilen stoppt er mitten im Satz, als hätte jemand einen Stecker gezogen. Und in gewisser Weise stimmt das auch.

Italienisch sprechen möchte er nicht, denn nur auf Deutsch, sagt er, habe er das Gefühl, die Kontrolle zu behalten, über seinen Entwurf, mit dem er vor vier Jahren den Wettbewerb um das Stadtschloss gewann, ein Megaprojekt: 200 Meter lang und mindestens 590 Millionen Euro teuer. Bauen in Deutschland sei anders als in Italien, wo es richtige Wettbewerbe kaum gebe und die Siegerentwürfe oft nicht ausgeführt würden. Hierzulande sei man in allem sehr präzise. So präzise, dass es Stella fast zum Verhängnis wurde. Bald nach seinem Wettbewerbssieg stellte sich heraus, dass er geschummelt hatte, weil er statt der erforderlichen drei Mitarbeiter nur einen in seinem Büro in Vicenza beschäftigte, und den auch nur halbtags. Es war ein erster Dämpfer nach dem Taumel des Sieges.

© Klaus-Dietmar Gabbert dpa/lbn

»Egal, wie groß ich war in Vicenza«, sagt er, es sei ganz unvorstellbar, dass er ein so riesiges Projekt ganz alleine hätte stemmen können. Also musste Unterstützung her: die Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner sowie Hilmer & Sattler und Albrecht. Das eine baute in Berlin den Bahnhof Potsdamer Platz, das andere zwei Flughäfen. Von Stella stammt ein Mehrfamilienhaus in Pankow. Beide Branchenriesen hatten beim Wettbewerb eigene Entwürfe eingereicht, die den meisten zentralen Ideen Stellas widersprachen. Sobald sie aber dessen Partner wurden, korrigierten sie herzhaft an seinem Entwurf herum, und derart groß wurde ihre Unterstützung, dass der Eindruck entstehen konnte, der zu Unterstützende werde jetzt gar nicht mehr gebraucht. Doch Stella widerspricht: »Ich leite alles«, sagt er. Wie er das dann konkret organisiere, sei eine andere Sache.

Die besagte Sache sieht so aus, dass in dem Büro in Berlin derzeit 30 Architekten arbeiten, nach Stellas Angaben zu gleichen Teilen seine und die Mitarbeiter der Kompagnons. Kein Italiener ist darunter, niemand von seinen Vertrauten. Stella muss in das kleine Besprechungszimmer ausweichen, weil der große Raum mit den Bau-Illustrationen, die er gerne zeigen würde, belegt ist. Einige Mitarbeiter des Planungsstabs halten darin ein Meeting ab, eine wichtige Konferenz, bei der Stellas Anwesenheit aber offenbar nicht erforderlich ist. Fast schüchtern fragt er bei der Runde nach, wann man wohl fertig sein werde. Nach einer Stunde dann teilt ein Herr, der sich als Leiter des Planungsstabs vorstellt, Stella mit, er dürfe jetzt rein.

Leserkommentare
  1. .. weil Form und Inhalt meist sehr wohl miteinander korrespondieren, manchmal über Umwege, aber doch oft sogar grundlegend, drückt sich auch in der Nebenrolle des Gewinners ein Widerspruch aus, der dem Gebäude und vermutlich sogar der Baudurchführung nicht gut bekommen wird. Die aufsichtsführenden Gremien sind vermutlich gut beraten, sehr aufmerksam zu sein, um Fehlentwicklungen frühzeitig erkennen und korrigieren zu können. (s. Flughafen!)

    Man sollte auch die ursprünglichen Ideen, die zum Gewinn des Wettbewerbs geführt haben, nicht opfern und dem Mann trotz seiner ungewöhnlichen Weltanschaung mehr Kompetenzen beim Bau geben - und zwar mindestens so viele, dass er wirklich auf gleicher Augenhöhe mitarbeiten kann. Dazu gehört auch, dass Herr Stella zwischenmenschlich anerkannt und akzeptabel eingebunden wird. Sogar durch den Filter des Artikels ist eine gefährlicher Mangel an Achtung für den Preisträger spürbar - nicht nur von Seiten des Artikelautors. Das sollte dringlichst behoben werden, notfalls mit Hilfe eines professionellen Coaches o.ä.

    Alles andere wird letztlich stark demotivierend sein - und ein demotivierter Architekt wird Fehler machen - oder die Fehler der anderen Mitarbeiter entweder nicht entdecken oder nicht (rechtzeitig) korrigieren. Und das kostet dann erfahrungsgemäß richtig viel Geld.

    • warubi
    • 29. Juni 2012 10:51 Uhr

    Wieviele Milliarden - vielleicht schafft es der Berliner Senat ja den Elbphilharmonie-Wahnsinn zu toppen - dürfen wir Steuerzahler für Berlins Größenwahn denn diesmal auf den Tisch legen?

    Oder wird im Gegenzug die zementierte Volksverelendung Hartz-IV adäquat gekürzt?

    Haushaltsneutrale Finanzierung, wie uns unser Russlanddeutsche einst lehrte!

    • hairy
    • 29. Juni 2012 11:25 Uhr

    wie Architekten auch in D zumeist, nur der Spielball der Kontextbedingungen solcher Großprojekte. Und wie so oft, bei diesen, hat beim Wettbewerb nur der Kompromissentwurf gewonnen.

  2. Wenn das Gebäude akzeptiert ist sollte das reichen. Wozu der Artikel?

    Wenn Stella lieber bescheiden im Hintergrund bleibt, sollte ihm Zeit-Online das auch gönnen. Wenn es ihn trifft, dass niemand sich für seine Architektur begeistert, kann er daran arbeiten. Wenn Sven Behrisch ihm dabei mit einem Artikel helfen will, sollte der wohlwollend und nicht hämisch sein. Oder sollte es seine Absicht gewesen sein, sich selbst auf Stellas Kosten hervorzutun?

  3. Hätten wir das Geld "über" dann ist es wirklich toll, dass ein Gebäude entsteht, dass diese wunderbaren klassischen Formen, die wir sonst nicht mehr im Neubau finden, aufgenommen werden. Es ist ja auch europäische Kultur in einer Zeit, in der Städte alle glich aussehen.

    Aber trotzdem sollte es heißen "NEIN":
    Wir haben das Geld nicht über, schon gar nicht in Berlin, einer Hauptstadt, die immer Angst hat ohne wichtige Projekte nicht wahrgenommen zu werden. Dabei ist die Freude der Ausländer (Künstler, Unternehmer etc) ungebrochen. Das liegt aber nicht an Bauten, sondern am Umfeld: Eine offene Stadt in Europa mit Szenen, die Freiräume schaffen. Im Übrigen noch bezahlbar, im Gegensatz zu Paris oder London.

    Dann wird es nicht bei dem veranschlagten Geld bleiben, siehe Philharmonie in HH. Das "mehr" wird aber dem Bürger kaum zu vermitteln sein. Diese "Glanzleistungen" der Politik (auch der Korruption) sind Fehl am Platz, das Gefühl dafür fehlt im Volk.

    Es bleibt ein Forum oder eine Philharmonie für einen Bruchteil der Bürger, aber alle zahlen. Die 600 Mio. könnten besser in kulturelle und soziale Projekte fließen, die Besucher und Bürger nach Berlin ziehen, weil es aufregend ist, und zugleich präventiv dafür sorgen, dass man in der U-Bahn nicht überfallen wird und soziale Brennpunkte ausweiten.
    Dezentrale Projekte, das ist was Berlin ausmacht und unterscheidet. Schafft Künstler-Wohnungen und Jugendclubs! Sagt ein konservativer StudentD!!

  4. es ist geschehen, man hat nicht wollen. Was ? Was gewagtes, modernes machen. Nicht nur für grosse Kultur. Das kann man nicht denken..

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Architekt | Architektur | Humboldt-Forum
Service