Jetzt ist es so weit, jetzt kommt das Schloss! Mitte Juni rollte schweres Gerät an, um den unsicheren märkischen Grund im Herzen Berlins mit Kies und Zement zu befestigen, denn bald schon soll er den größten, den teuersten und den umstrittensten Kulturgroßbau der Republik tragen. Zum Zeichen der bundesweiten Einigkeit waren ein roter Bürgermeister und ein schwarzer Kulturstaatsminister zur Stelle; und ein zutiefst bayerischer Bundesbauminister gab schließlich den Startschuss für den Baubeginn einer preußischen Stadtresidenz. Daneben stand Franco Stella, der Architekt. Bis vor wenigen Jahren zählte eine Grundschule irgendwo im nördlichen Italien zu seinen wichtigsten Werken. Er war einer von vielen. Nun, nach dem Triumph, baut er ein Schloss für die deutsche Hauptstadt, sein Schloss. Sein Schloss?

Stella empfängt im Planungsbüro, unweit des Baugeländes. Ein Meister der Präzision und ein Freund von Bauten unerbittlicher Makellosigkeit, dessen äußere Erscheinung aber Anzeichen sympathischer Schludrigkeit zeigt; das flauschige Hemd knittert behaglich, und eine allzu rasche Rasur hinterließ einsame Bart-Inselchen auf seinem Gesicht.

Was denn nun eigentlich auf dem Schlossplatz als Erstes passiere? Das weiß er auf Anhieb auch nicht so genau. Bodenverdichtung, genau, jetzt fällt’s ihm ein. Und U-Bahn-Bau unter dem Fundament, Betonwanne, so etwas. Schleppend spricht er, auf Deutsch. Jedes Wort eine Geburt. Bisweilen stoppt er mitten im Satz, als hätte jemand einen Stecker gezogen. Und in gewisser Weise stimmt das auch.

Italienisch sprechen möchte er nicht, denn nur auf Deutsch, sagt er, habe er das Gefühl, die Kontrolle zu behalten, über seinen Entwurf, mit dem er vor vier Jahren den Wettbewerb um das Stadtschloss gewann, ein Megaprojekt: 200 Meter lang und mindestens 590 Millionen Euro teuer. Bauen in Deutschland sei anders als in Italien, wo es richtige Wettbewerbe kaum gebe und die Siegerentwürfe oft nicht ausgeführt würden. Hierzulande sei man in allem sehr präzise. So präzise, dass es Stella fast zum Verhängnis wurde. Bald nach seinem Wettbewerbssieg stellte sich heraus, dass er geschummelt hatte, weil er statt der erforderlichen drei Mitarbeiter nur einen in seinem Büro in Vicenza beschäftigte, und den auch nur halbtags. Es war ein erster Dämpfer nach dem Taumel des Sieges.

»Egal, wie groß ich war in Vicenza«, sagt er, es sei ganz unvorstellbar, dass er ein so riesiges Projekt ganz alleine hätte stemmen können. Also musste Unterstützung her: die Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner sowie Hilmer & Sattler und Albrecht. Das eine baute in Berlin den Bahnhof Potsdamer Platz, das andere zwei Flughäfen. Von Stella stammt ein Mehrfamilienhaus in Pankow. Beide Branchenriesen hatten beim Wettbewerb eigene Entwürfe eingereicht, die den meisten zentralen Ideen Stellas widersprachen. Sobald sie aber dessen Partner wurden, korrigierten sie herzhaft an seinem Entwurf herum, und derart groß wurde ihre Unterstützung, dass der Eindruck entstehen konnte, der zu Unterstützende werde jetzt gar nicht mehr gebraucht. Doch Stella widerspricht: »Ich leite alles«, sagt er. Wie er das dann konkret organisiere, sei eine andere Sache.

Die besagte Sache sieht so aus, dass in dem Büro in Berlin derzeit 30 Architekten arbeiten, nach Stellas Angaben zu gleichen Teilen seine und die Mitarbeiter der Kompagnons. Kein Italiener ist darunter, niemand von seinen Vertrauten. Stella muss in das kleine Besprechungszimmer ausweichen, weil der große Raum mit den Bau-Illustrationen, die er gerne zeigen würde, belegt ist. Einige Mitarbeiter des Planungsstabs halten darin ein Meeting ab, eine wichtige Konferenz, bei der Stellas Anwesenheit aber offenbar nicht erforderlich ist. Fast schüchtern fragt er bei der Runde nach, wann man wohl fertig sein werde. Nach einer Stunde dann teilt ein Herr, der sich als Leiter des Planungsstabs vorstellt, Stella mit, er dürfe jetzt rein.