Bald muss ich wieder ins Krankenhaus. Mir werden wieder mal Schrauben und Platten aus den Beinen geholt und Botox in die Knie gespritzt. Ich spüre dabei nichts, außer im Mund, der fühlt sich an, als wären da Läuse drin. Ich freue mich auf die Zeit nach der OP, zwei Wochen später fahre ich mit meinem Einzelfallhelfer auf Ferienlager. Ich wünsche mir auch, dass die Stufe vor dem Schulhof verschwindet. Da komme ich nicht mit meinem Rollstuhl drüber.

Sport ist mein Lieblingsfach. Mein liebstes Spiel ist Merkball, wo man die anderen mit einem Ball abschießen muss. Ich würde den Ball gern besser werfen können und hätte gerne mehr Ausdauer. Ich schwitze schnell ganz doll.

Ich habe viele Freunde und wir spielen, was ich mir ausdenke, zum Beispiel »Explodierendes Auto«: Wir stellen uns vor, wie die Türen von einem Auto explodieren. Aber manchmal wünsche ich mir, ich könnte mit den anderen Kindern Fußball spielen.

Nina Waskowsi

Mir sieht man meine Behinderung nicht an. Von Fremden werde ich oft völlig überfordert. Wenn sie hören, dass ich wegen meiner Sehbehinderung als 100 Prozent behindert eingestuft werde, bin ich plötzlich für alles zu dämlich.

Das geht vielen Menschen mit Behinderung so, die werden total unterschätzt und finden keinen Job. Da müsste viel passieren, vor allem in den Werkstätten. So ein Werkstattmitarbeiter verdient maximal 150 Euro im Monat. Die Leute wollen da raus. Sie werden da nicht artgerecht gehalten, um’s mal auf den Punkt zu bringen.

Ich hab mal in so einer Einrichtung gelebt, danke, nie wieder. Mein größter Wunsch: dass Menschen mit Behinderungen die Assistenzleistungen gewährt werden, die sie brauchen, unabhängig vom Einkommen. Mir fehlt da die Solidarität von Nichtbehinderten, in Politik und Alltag.

Meine Freunde sind da anders: Sie sagen mir immer, na klar kommst du mit zum Bowlen! Wir helfen dir!

Sabine Fries

Mein Alltag unterscheidet sich kaum von dem anderer Menschen, nur mache ich morgens nicht das Radio an. Ich fahre Fahrrad und Auto, steige Treppen. Erkennbar wird meine Behinderung erst in Gesprächen – bei Elternabenden, Friseurbesuchen, Familienfeiern.

Diese Woche habe ich eine Yoga-DVD gesucht. Es gibt eine riesige Auswahl, aber nur eine einzige DVD hat Untertitel. Die habe ich dann bestellt, ich hatte ja keine Wahl.

Mir ist es unangenehm, wenn jemand überartikuliert zu mir spricht oder in betont einfachen Sätzen. Taub gilt ja oft als dumm. Meine gehörlose Großmutter schämte sich noch für die Gebärdensprache. Heute kennt man diese Scham nicht mehr – auch wenn ich mitunter beim Gebärden noch angestarrt werde.

Ich wünsche mir kein »Ende der Taubheit«, wie es ein Hörprothesen-Hersteller verspricht. Wichtiger ist es, die Kommunikationsbarrieren weiter abzubauen: zum Beispiel die Tagesthemen endlich zu untertiteln.

Ottmar Kierstein

Für mich brach eine Welt zusammen, als mir das Bein amputiert wurde. Ich war gerade in Rente gegangen und mit meiner Frau in eine neue Wohnung gezogen. Vielleicht ist meine Krankheit eine Folge von zu fetter Nahrung – wer weiß?

 Ich habe eine Prothese, aber mit der kann ich schlecht gehen, weil mir oft schwindelig wird. Ich komme kaum noch raus, deswegen habe ich wieder angefangen, Bleistiftzeichnungen zu üben, wie früher, als ich zur See gefahren bin, damals habe ich Kutter gemalt. Außerdem habe ich Facebook entdeckt, da kann ich meine Familie treffen.

Ich habe mir auch ein Elektrofahrzeug gekauft, damit ich einkaufen fahren kann. Ich war überrascht, wie unfreundlich die Leute reagieren. Wenn ich sie überholen möchte und hupe, gehen sie nicht aus dem Weg. Ich würde mir wünschen, dass das anders wäre.

Ich fände es schön, wenn ich noch einmal den Hamburger Hafen sehen könnte. Meine Frau kann mir wenig helfen, sie ist seit 16 Jahren blind.

Michael Damrau

Ich wünschte, es wäre einfacher, Bus zu fahren. Derzeit lasse ich es meistens. Denn wenn ich morgens den vollgestopften Bus nehme, werde ich schief angeschaut. Ich brauche mit dem Rollstuhl mehr Platz, und der Fahrer muss mir die Rampe richten. Ich weiß, das ist beschwerlich, ich entschuldige mich auch immer dafür.

 Einmal hat mich der Fahrer einfach stehen lassen. Auch in viele Restaurants komme ich ohne Hilfe nicht hinein. Am liebsten ist es mir, wenn ich die Dinge selbst erledigen kann.

Generell wünsche ich mir einen entspannteren Umgang mit Behinderten. Die Leute können gucken, aber nicht gaffen. Und sie können ihren Kindern erklären, dass Behinderte ganze Menschen sind.

Ich bin Vater von zwei Kindern. Seit dem Ende meiner Ehe habe ich viele Frauen im Internet angeschrieben. Sobald die hören, dass ich im Rollstuhl sitze, wollen sie nichts von mir wissen. Ich wünschte, sie würden in mir nicht nur meine Behinderung sehen.

Annie Wagner

Ich trage einen Ring, der aussieht wie ein Ehering, obwohl ich nicht mal einen Freund habe. Der Ring ist als Zeichen gemeint, dass ich gerne heiraten würde. Ich hatte sogar mal einen Freund, aber der war nicht verlässlich und hat sich nur gemeldet, wenn er nichts Besseres zu tun hatte. Da haben mir meine Mutter und meine Freundin Stephanie abgeraten, mich weiter mit dem zu treffen. Das lohnt sich nicht, haben sie gesagt.

 Meine Freundin Stephanie ist schon 42 Jahre alt und hat einen Mann. Ich kenne sie aus der Werkstatt, in der ich arbeite. Wir füllen dort Duschgel und Shampoo in Spender. Da arbeiten auch Jungs, aber die haben alle schon eine Freundin.

Beim Schwimmtraining sind auch Jungs. Aber die wollen mich nicht. Andere Möglichkeiten, welche zu treffen, habe ich nicht. Es wäre schon schön, wenn da jemand zum Kuscheln wäre. Bisher bringt mich Papa ins Bett, erzählt mir eine Geschichte. Das ist auch schön.

Constanze Wolff

Die Welt ist für mich ein Fitnessstudio. Jede Treppenstufe ist hoch für mich. Um an einer Tür zu klingeln, suche ich erst mal einen Stock, anders komme ich nicht an die Klingel. In Restaurants frage ich oft nach einem Bierkasten. Den benutze ich, um besser auf die Toilette zu kommen. Es wäre einfacher, wenn es in jeder öffentlichen Toilette einen Hocker gäbe.

Meine Eltern – sie sind normalwüchsig – haben darauf geachtet, dass ich viel selbst mache. Sie haben dafür gekämpft, dass ich auf eine Regelschule gehen konnte. Ich führe ein normales, selbstbestimmtes Leben. Ich habe einen Freund, der 1,75 Meter groß ist.

Durch meine Größe wecke ich in vielen einen »Beschützerinstinkt«, was nett ist, manchmal aber zu viel. Wenn Kinder sagen: »Die ist aber klein!«, dann ärgert es mich, wenn die Mutter »Pssst!« macht. Sie sollte sagen: »Ja, das gibt es auch.«

Meistens laufe ich mit einem Grinsen herum, das irritiert. Die Leute denken, Behinderte müssten traurig sein.